Sven Friedrich, der Frontmann der Rockgruppen Dreadful Shadows und Zeraphine, hat im Jahr 2008 zum Erstaunen seiner Fans ein elektronisches Album veröffentlicht. Zunächst im Elektro-Lager ob dieser Ankündigung etwas belächelt, da man ihm dieses Terrain offensichtlich nicht zutraute, verstummten ganz schnell die Stimmen, als das Projekt SOLAR FAKE mit dem Album „Broken Grid“ um die Ecke bog. Feinster Electro- und Synthiepop voller Wärme und Melodie, gepaart mit Svens mal heller, mal tiefer Stimme. Das Album stieß durchweg sowohl bei Kritikern, Electroheads und Zeraphine-Fans auf positive Resonanz. Ein Jahr später folgte mit der streng limitierten „Resigned E.P.“ ein zweiter Output, bei dem Svens Hang zu Coverstücken deutlich wurde: Neben Placebo („Song to say Goodbye“) und den Dreadful Shadows („Craving“) nahm sich der Berliner das IAMX-Stück „Spit it out“ vor, dessen Ergebnis sich durchaus hören lassen konnte. Nun, drei Jahre nach der Geburtsstunde und zig Festivalauftritte sowie eine Support-Tour mit VNV Nation später, erschien am 22. Juli das neue Album „Frontiers“ über SPV im schicken Digipack. Wir haben uns näher mit der neuen Platte beschäftigt und verraten euch in dem folgenden Bericht, ob Solar Fake an den Erfolg des Vorgängeralbums anknüpfen können.
Eröffnet wird „Frontiers“ durch das electropoppige „Under the Skies“, das stellvertretend für das Album eines sofort deutlich macht: die CD besticht durch ein hohes Maß an Variantenreichtum. Daß ein ordentliches Synth- bzw. Electropop-Album mit der Qualität seiner Melodien steht und fällt, ist klar. Wenn diese Hürde jedoch locker genommen werden kann und der Künstler es zusätzlich vermag, auch stimmlich Vielfalt zu bieten und den Hörer bei den jeweiligen Lyrics durch den Einsatz seiner Vocals in die entsprechende Stimmung zu versetzen, dann hat der Musiker definitiv seinen Auftrag erfüllt. Auf den relativ düsteren Beginn folgt Svens helle Gesangsstimme im Chorus. So nimmt euch „Under the Skies“ direkt an die Hand und begleitet euch die ersten Schritte durch das düstere „Frontiers“, indem es euch erlaubt, die Augen zu schließen und zu träumen. Ein würdevoller Opener und gleichzeitig eines der stärksten Stücke des „Broken Grid“-Nachfolgers!
Auf „Why did I rase the Fire“ begegnet einem genau der umgekehrte Fall: Sven singt auf diesem Track zunächst mit seiner hellen Stimme. Der düsteren Grundstimmung des Titels weicht diese Stimme jedoch sobald und macht Platz für verzerrte Vocals im Refrain. Zusammen mit dem achten Song „The Rising Doubt“ ist „Why did I rase the Fire“ der raueste und aggressivste Beitrag auf „Frontiers“. Dabei läßt sich „The Rising Doubt“ erstaunlich viel Zeit! 1:15 Min dauert das Intro, bevor Sven Friedrich erstmalig hörbar zu vernehmen ist. Während des aggressiven Ausbruchs im Mittelteil, das schon fast einem letzten (Hilfe-)Schrei gleichkommt, sind im Hintergrund sogar metallische Einflüsse in dem synthetischen Grundmuster zu vernehmen. Da kam also während der Produktionsphase doch wieder der alte Sven Friedrich zum Vorschein. Mutig, aber keinesfalls störend, zumal direkt im Anschluß eine ruhige Pianopassage als Break folgt, die selbst dann nicht abnimmt, wenn der Song durch den Chorus gegen Ende abermals explodiert. „The Rising Doubt“ ist eine Granate von einem perfekt produzierten Electro-Track, der vor allem live hundert pro seine Hörerschaft finden wird.
Wem jetzt noch immer nicht die Muskeln zucken, der wird nach der straighten und solide produzierten Future-Pop-Nummer „No Apologies“ spätestens bei „More than this“ zum Tanzen animiert. Oberflächlich betrachtet mag es sich um einen typischen Synthie-Pop-Song handeln, aber beim genaueren Hinhören erkennt der Hörer durchaus Einflüsse aus dem Trance-Sektor, ähnlich wie es Kollege Ronan Harris von VNV Nation auch gerne dann und wann praktiziert. Hat hier die gemeinsame Tour etwa Spuren Rahmen des Klangspektrums auf Seiten Solar Fakes hinterlassen? Wenn ja, ist das alles andere als schlimm, da nichts langweiliger ist, als 11 mal den gleichen Song hören zu müssen. „Frontiers“ funktioniert aber vor allem durch die musikalische Abwechslung, die dem Hörer entgegengebracht wird. Und „More than this“ ist ein ganz besonders wertvoller Vertreter, der Grund genug für uns ist, ihn als Anspieltip auszuwählen und im Club zu testen.
Nachdem dieser schnuckelige Klangteppich verstummt ist, macht die Musik erneut einen Schlenker um 180 Grad. „Parasites“ ist vielleicht der düsterste Song des Albums, auf dem Sven Friedrich ausschließlich mit verzerrter Stimme singt. Irgendwie hat es den Anschein, daß der Song etwas wie der harte Gegenpol zu dem vorher Gehörten sein möchte. Stellt sich nur die Frage, warum? Schlecht ist „Parasites“ in keinem Fall – das ist übrigens keines der insgesamt 11 Stücke auf „Frontiers“ – ganz im Gegenteil: Trotz der Härte und der verzerrten Vocals kann der mit harten Beats unterlegte Düstertrack durch knackige Lyrics und einer abermals gefälligen Melodie überzeugen. Aber ein wenig fällt das Stück dennoch aus dem Rahmen, trotz aller musikalischer Vielfalt. So ganz mag „Parasites“ nicht zu Solar Fake passen, vielleicht wäre die Nummer auf einer EP besser aufgehoben als auf diesem Longplayer, vor allem wenn man bedenkt, welcher Song im direkten Anschluß darauf folgt.
Solar Fake sorgen auf diesem Album mit einem weiteren Eintrag ins Buch der „Such a Shame“-Coverversionen. Daß Friedrich ein Faible für Neuinterpretationen bekannter Lieder hat, haben wir bereits in der Einleitung dieser Rezension erwähnt. Schon auf dem Debüt “Broken Grid” war eine Eigeninterpretation von Radioheads “Creep” zu hören. Track Nummer 6 auf “Frontiers” bedient sich also dem Talk Talk 80er Jahre Evergreen und zwängt ihn in ein modernes elektronisches Korsett. Dabei wird dieser Wave-Klassiker etwas temporeicher intoniert, macht dabei gar keine schlechte Figur und könnte sogar auf der Tanzfläche funktionieren. Da gab es schon deutlich schlechtere Cover zu großen 80er Hits – allerdings auch schon einige bessere, das muß fairerweise auch gesagt sein.
„Where are you“ ist wieder balladesker Synthpop ist Reinkultur. Eine wahre Kuschelnummer in genau dem richtigen Tempo, um im Kaminzimmer durch den androhenden Herbst zu kommen und seiner Sehnsucht mit vollem Gefühl Ausdruck zu verleihen. Textlich befindet sich auch dieser Song auf dem gleichen hohen Level wie der komplette Rest des Albums. Nahezu alle Songs sind von einer gewissen Düsternis und inhaltlichen lyrischen Härte durchzogen, was sich auch auf den Fotos des Booklets widerspiegelt, aber im Vergleich zu manch anderen Electro-Pop-Projekten, die einzig und allein auf die Tanzfläche abzielen (z.B. Frozen Plasma und Konsorten), im Grunde genommen jedoch nichts zu erzählen haben, stimmt hier das anspruchsvolle Gesamtkonzept. Sound, Stimme, Text, Produktion, Atmosphäre, Booklet. Alles befindet sich hier auf allerhöchstem Niveau!
Nach dem klassisch aufgebauten Electrotrack „Pain goes by“, der wieder etwas deutlicher nach Solar Fake auf „Broken Grid“ klingt, wartet tatsächlich noch eine weitere stilistische Überraschung auf den Hörer. Was Sven uns bei „Until I´m back“ um die Ohren haut, ist es allemal wert, über Kopfhörer vollends genossen zu werden. Eine Soundfrickelei, die sicherlich mit am meisten Zeit in der Produktion gekostet haben muß. Die durchweg aggressiven Vocals singt Sven erneut verzerrt, die Musik bedient sich den Elementen des Industrials. Man könnte meinen, daß Sven Friedrich mit dieser Nummer auch die letzten Zweifler von seiner elektronischen Auffassungsgabe überzeugen will. Bei wem das nun noch immer nicht geholfen hat, dem ist selbst nicht mehr zu helfen!
Zu „The Line of Sight“ könnt ihr eure Feuerzeuge rauskramen. Zum Abschluß beehrt uns Herr Friedrich noch einmal mit einer melancholischen Düsterballade, setzt sich ans Piano und lädt wie schon beim Opener zum Träumen ein. Zumindest denkt man das zu Beginn des wunderschön erst tief und dann hoch gesungenen letzten Titels auf „Frontiers“, doch urplötzlich bricht es aus Sven nach knapp drei Minuten doch noch einmal überraschend heraus, bis der Song schließlich mit den letzten Piano- und Elektronikklängen ausfadet. Nach diesem Grande Finale fällt es einem wahrlich nicht schwer, sich das ca. 50 minütige Album sofort noch einmal von vorne anzuhören.
Was sich vor drei Jahren angedeutet hat, erfährt hier auf kongeniale Weise seine Fortsetzung. Sven Friedrich ist Musiker durch und durch und keinesfalls auf einen Stil festgelegt. Das beweist er mit „Frontiers“ in jedem Stück, in jeder Sekunde. Getreu dem Motto: „So, bidde: Hier habt ihr von allem etwas! Nun haltet die Klappe und laßt mich mal ruhig machen.“ Und recht hätte er damit. Ein so ausgereiftes Electro-Album, bei dem einem sowohl gesanglich als auch musikalisch die komplette Bandbreite serviert wird, verdient allerhöchsten Respekt. Man möchte dem sympathischen Sven am liebsten gar nicht mehr in Richtung Zeraphine ziehen lassen, so toll ist „Frontiers“ geworden. Es wird nicht mehr lange dauern, da wird das einstige Seitenprojekt Solar Fake es nicht mehr nötig haben, auf Support-Tournee gehen zu müssen. Es wird die Zeit kommen, in der Solar Fake selbst reif genug ist, eine Headlinertour zu absolvieren. Nach diesem Volltreffer ist das so sicher wie das Amen in der Kirche!
„Broken Grid“ hat mir bereits ziemlich gut gefallen, allen voran das Lied „Hiding Memories from the Sun“. War das Solar Fake Debüt-Album schon ob der Elektronik Überraschung genug, bot es jedoch als reines Genre-Album nur wenig Abwechslung. Mittlerweile ist das Projekt etabliert und Sven erfahrener nach all den Festivalauftritten und der Tour mit VNV. Diese Ausgereiftheit merkt man an allen Ecken und Enden dem zweiten Fulltime-Album an. Hut ab vor dieser Leistung, Sven! Wenn das nicht sogar fürs Treppchen reichen könnte… Das wird ´ne ganz enge Geschichte werden am Ende des Jahres. 2011 kommt nach fadem Beginn endlich aus dem Knick was qualitativ hochwertige Alben betrifft. Acts wie Solar Fake und Felix Marc entschädigen uns damit für all den Ärger im Frühjahr, wo wir gerade im Electro-Sektor mit herben Enttäuschungen konfrontiert worden sind. Es geht bergauf! Und Solar Fakes „Frontiers“ ist maßgeblich daran schuld.
Wertung
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Trackliste
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Anspieltipps
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