Wenn wir heutzutage von elektronischer Szene-Musik reden, dann haben wir es meist mit Mucke zu tun, die sich ganz grob in drei Bereiche einteilen lässt: körperbetonte Tanzmusik, Krachlattenparty oder verspieltes Getüdel. Wem der Sinn aber nach elektronischer Mucke steht, die ohne große Schnörkel volles Brett nach vorne geht und dabei bewusst NICHT in eine der genannten Kategorien abdriftet, sollte sich mal das aktuelle Album von IMPERATIVE REACTION zu Gemüte führen. Es heißt übrigens genauso wie die Band.
Auf “Imperative Reaction”, dem sechsten Album der Amerikaner, fallen dem Interessierten sehr schnell ein paar Dinge auf: die Truppe vergeudet keine Sekunde der knapp 50 Minuten Spielzeit damit, sich im Tempo irgendwie zu drosseln, um etwa eine Ballade in die Welt zu heucheln. Nö, hier geht es immer nur mit 100% Action zur Sache – eben so, wie man es inzwischen von den Herren gewohnt ist. Allenfalls “Torture” dürfte der landläufigen Vorstellung einer Ballade noch am nächsten kommen.
Zudem fällt weiterhin auf, dass die Melodien dieser Songs in erster Linie von der Stimme des Frontmannes Ted Phelps getragen werden. Zwar sind melodiöse Spielereien via Keyboard vernehmbar, dabei aber so dezent in den Hintergrund geschraubt, dass die Lieder mit Phelps Performance stehen und fallen. Und da der Mann hier einen guten Job liefert, zumal ganz zur Freude meinerseits ohne den Einsatz stimmenverzerrender Elektronik, ist dies ein interessantes Stilmittel, das durchaus funktioniert. Wie oft erleben wir es schließlich, dass ausufernde Klangkonstrukte von eher mittelprächtigen Vocals ablenken? Wenn sie überhaupt unverzerrt dargereicht werden.
Die nächste Feststellung: Imperative Reaction scheinen gefallen daran gefunden zu haben, ihrem Sound eine deutliche Rock-Attitüde zu verpassen. Gut, Electro und Rock zu kombinieren fühlt sich inzwischen so alt an, wie die Musik selbst. Manchmal möchte man aufgrund der schier unüberschaubaren Flut an solcherlei Veröffentlichungen glauben, selbst Mozart und Beethoven hätten ihrerzeit schon zu stampfenden Beats Gitarrensaiten malträtiert. Will sagen: diese Kombination neigt inzwischen sehr schnell dazu, eine gewisse “hau ab, das nervt”-Reaktion hervorzurufen. Schön zu hören, dass Imperative Reaction eine geschmeidige Lösung gefunden haben, wie sie dieser Kombination doch noch frische, gefällige Seiten abgewinnen können. Wenn es in einem der insgesamt 10 neuen Songs so richtig zur Sache geht, im Refrain nämlich, dann tritt der mitunter futurepopige Electro-Anteil dezent in den Hintergrund und König Rock regiert. Und das mitunter mit solcher Inbrunst, dass man sich immer wieder dabei ertappt, wie man verstohlen nachschaut, ob auch immer noch die richtige CD im Player rotiert. Ein Beispiel für diese gelungene Herangehensweise ist der Song “Song Of The Martyr”. Richtig fett, richtig kraftvoll, dynamisch und treibend. Attribute, die sich ohne weiteres auf jeden der neuen Songs anwenden lassen.
Imperative Reactions selbstbetiteltes Album gleicht einem Tanz auf dem Vulkan. Man merkt, diese Jungs sind energiegeladen und bereit zur Eruption. In Amerika, wo sie inzwischen auch ausverkaufte Headliner-Tourneen starten, tun sie das auch regelmäßig und explodieren förmlich. Einzig in unseren Breitengraden fehlt irgendwie immer noch der letzte Funke zur Initialzündung. Es bleibt zu hoffen, dass es ihnen mit diesem Werk gelingt – am ewig gleichen Gemache mangelt es hier schließlich nicht. Kurzum: wer es temporeich, energisch und schnörkellos mag, ohne dass sich das Gebotene in Krachmacherei verliert, bekommt hier den Soundtrack für den Herbst!
Hin und wieder erinnern mich die Songs auf diesem Album ein wenig an das, was Kollege Clint Carney bei System Syn so auf die Beine stellt. Verwundert wohl aber nicht, wenn man sich vor Augen führt, dass der erwähnte Maler und Musiker auch bei Imperative Reaction mit am Start ist. Und ähnlich wie bei System Syn verfügen die Songs hier über so viel Dynamik, so viel Eigenständig- und Eingängkeit, dass man sich ernsthaft fragen muss, warum zum Henker Imperative Reaction in diesem Land bisher so vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Wollen wir es wirklich nur körperbetont? Nur laut, hart und aggro? Oder nur vertüdelt? Ich sage nein. Und jetzt seid Ihr gefragt.
Wertung
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Trackliste
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Anspieltipps
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