Man sagt ja, dass eine vorab veröffentlichte Single durchaus einen guten Eindruck auf das gewähren kann, was den geneigten Hörer mit dem nachfolgenden Album erwartet. Bei ERASUREs “When I Start To (Break It All Down)” ist das jedenfalls der Fall. Leider. Und leider sagt die alte Volksweisheit aber nichts darüber aus, ob nicht doch noch eine Trendwende stattfindet, was den durch die Single gelieferten Eindruck angeht. Lassen Sie mich es so formulieren, meine Damen und Herren: Wem die Vorab-Single zusagte, findet womöglich auch am aktuellen Machwerk “Tomorrow’s World” gefallen. Alle anderen aber sollten Erasure lieber in guter Erinnerung behalten…
So klebrig und plastik-kitschig anmutend wie die Gestaltung des Artworks des aktuellen Erasure Albums, so klebrig und nach fürchterlichem Plastik-Pop aktueller, belangloser, radiotauglicher Machart kommt auch die Mucke daher. Schon die Single-Auskopplung war eine mittlere Zumutung für die Gehörgänge. Vor allem in denen all derer, die mit Erasure noch leichtfüßigen, wegweisenden Synthiepop assoziierten. Und nicht dieses schreckliche, moderne Dancefloor-Gemache, was die Herren Andy Bell und Vince Clark hier zusammengeschustert haben. Vom typischen Erasure-Feeling fehlt über weite Strecken des wenigstens nur etwas mehr als eine halbe Stunde andauernden Ärgernisses jegliche Spur.
Den Vogel schießen Erasure mit Stücken wie “A Whole Lotta Love Run Riot” ab, einer Nummer, bei der Andys eh ziemlich überkandidelt wirkender Gesang mit diesen neumodischen Verzerrungen versehen wurde. Dazu ein treibender, disco- und radiotauglicher Beat, wie man ihn ständig im Mainstreamradio zu hören bekommt und eine fürchterlich belanglose Melodie – fertig ist ein Song, der keineswegs störend auffällt, wenn er sich im Radio irgendwo zwischen Taio Cruz, Natalia Kills und Lady Gaga wiederfinden sollte. Und solcherlei Totalausfälle leisten sich Erasure auf diesem Album eindeutig zu viele, als das man als Fan und Hörer früherer Werke mit diesem Album wirklich Spaß haben könnte. Durchaus gibt es Momente, wo ein wenig die alten Erasure durchschimmern und welche, anders abgemischt und anders produziert, sicherlich ziemliche Knaller hätten werden können. “Just When I Thougt It Was Ending” ist so ein Beispiel dafür, eine einigermaßen gefällige Ballade, die vor allem am stimmlichen Overacting krankt. Oder auch “What Will I Say When You’re Gone”, das von der gleichen Krankheit befallen wurde. Überhaupt: sind es nicht die ungewohnten, überproduzierten Soundgewänder, die einfach nicht zu Erasure passen wollen, dann ist es der stimmliche bestenfalls mittelprächtige Eindruck, der hier dominiert. Andys Stimme ging schon mal wesentlich geschmeidiger ins Ohr.
Die Ursachen für diesen krassen Bruch im Sound Erasures dürfte wohl die Zusammenarbeit mit Vincenct “Frankmusic” Frank sein. Wie wir Euch schon im Review zu “When I Start To (Break It All Down)” erklärten, hat besagter Herr Frank in seiner Vita Kollaborationen und Remixe mit bzw. für Leute wie Lady Gaga (da haben wir es wieder…), die Pet Shop Boys und diversen anderen stehen. Warum es überhaupt zu dieser Zusammenarbeit kam, dazu hat Vince Clark Clark folgendes zu sagen: “Wir wählten Frank, weil er eine andere Herangehensweise an die Musik, Verständnis für Synthesizer hat und dabei unglaublich leidenschaftlich ist. Er sagte mir, dass die Musikszene in London einfach zu klein für ihn war, also entschied er sich bewusst dazu nach L.A zu gehen – mit Nichts! Er mag dieses amerikanische Pop-Ding, diesen ganzen Lady Gaga, volle Dröhnung Klangteppich.”
Soso. Und weil der Mann das mag, mögen das Erasure auch und demzufolge muss es auch der Hörer mögen? Nee, so nicht, liebe Leute. Im Sound von Erasure hat dieser ganze “volle Dröhnung”-Pop-Mist nichts zu suchen, genauso wenig wie Anleihen an Dubstep oder was weiß ich. Erasure war Synthiepop. Vielleicht werden sie das auch wieder. Lady Gagas gibt es schließlich genug. Gute Musik sucht man hingegen immer häufiger. Leider auch aktuell bei Erasure.
Wie war das noch? Wenn man nichts gutes zu sagen hat, dann sollte man lieber schweigen? Alles klar, dann ist spätestens an dieser Stelle alles über “Tomorrow’s World” gesagt. Ich krame indes wieder “Wonderland”, “The Circus” und “I Say I Say I Say” aus dem Schrank und denke nicht weiter über das vorliegende Album nach, sondern schwelge in Erinnerungen an bessere Zeiten einer Band, die mehr kann als einen Totalausfall wie “Tomorrow’s World”.
Wertung
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Trackliste
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Anspieltipps
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