Das neue Studioalbum von WELLE: ERDBALL trägt passenderweise den Namen „Der Kalte Krieg“. Das Covermotiv zeigt uns das berühmte rote Telefon, das als Fernschreiber fungierte und in den 60er Jahren den direkten Kontakt zwischen dem Staatschef der Sowjetunion Nikita Chruschtschow und dem Präsidenten der USA John F. Kennedy herstellte. Zwar bekämpften sich die Ostblock-Staaten unter der sowjetischen Führung und die USA sowie die westlichen NATO-Staaten nicht direkt mit militärischen Mitteln, die Angst der Bevölkerung vor einem möglichen dritten Weltkrieg jedoch dauerte über mehrere Jahrzehnte an. Und so präsentiert sich also dieses neue Konzeptalbum ganz in einer Ästhetik irgendwo zwischen James Bond´schen Spionage-Agenten und der Angst vor einem möglichen Atomkrieg, den sowohl die Ost- als auch die Westmächte zur Zeit des Kalten Krieges jederzeit hätten auslösen können. Thematisch rühren Welle: Erdball also in der Vergangenheit herum. Ähnlich verhält es sich auch mit der Musik auf „Der Kalte Krieg“. Es befinden sich fast ausschließlich Coverversionen auf der CD anstatt neues Songmaterial von Welle: Erdball. Eine gewagte Entscheidung! Wir verraten euch nun, ob die Rechnung aufgegangen ist.

Die neue Sendung beginnt traditionell mit dem Intro „Welle: Erdball“, das hier jedoch nicht gesungen, sondern von Honey gesprochen wird, indem der imaginäre Radiosender tatsächlich eine Nachrichtensendung in den Äther austrahlt. Eine Überblendung in einen Dialog zwischen einer Doppelagentin (Plastique) und einem anderen Geheimagenten (A.L.F.) über geheime Dokumente läßt uns erkennen, daß das berühmte „Welle: Erdball“-Intro hier also lediglich die Einleitung und damit Teil einer Hörspielgeschichte ist. Die Herangehensweise ist hier also mal eine gänzlich andere. Mit dem Thema Hörspiel haben Welle: Erdball zwar bereits ihre Erfahrungen bei „Chaos Total“ und den beiden „Commander Laserstrahl“-Folgen sammeln können, aber dieses Medium als Album-Opener zu verwenden, ist neu. Und mehr noch: dieses kleine Stück Hörspiel bildet zusammen mit dem letzten Track „Sendeschluß“, welcher die Fortsetzung des Hörspiels darstellt, quasi den Rahmen für das Konzeptalbum. “Doppelagenten im Kalten Krieg (Die Geheimdokumente des SDI-Projektes)” nennt sich die kurze Geschichte und wird Hörspiel-Fans in Verzückung bringen, während die Nerven derjenigen Hörer, die mit HSPs so gar nichts anfangen können und die CD alleine der Musik wegen gekauft haben, auf eine harte Probe gestellt werden.

Das Intro leitet in das im typischen Welle: Erdball-Sound klingenden rein instrumentalen „James Bond-Thema“ über. Ein ungewöhnlicher Auftakt in die musikalische Welt für die Band, aber im Rahmen des Albumkonzeptes natürlich mehr als passend. Aber rechtfertigt das diesen Track, der schon gefühlte 257 Mal von den unterschiedlichsten Künstlern verwurschtelt wurde? Entscheidet selbst, aber ein Hörspiel und das komplette Main Theme von James Bond an den Anfang zu stellen, erfordert doch schon ein hohes Maß an zeitlicher Toleranz vom neugierigen Hörer. Vielleicht wäre hier weniger mehr gewesen, indem die Band sich für eines der beiden Stücke als Album-Opener entschieden hätte. Alternativ hätte man hier auch über das Instrument Hidden Track zurückgreifen können, was ja bei den Minimal-Pionieren keine Seltenheit wäre. Doch dazu später mehr!

Wer diese außergewöhnliche Retro-Electro-Band in letzter Zeit mal auf deutschen Festival-Bühnen gesehen hat, der kann sich vielleicht daran erinnern, daß sie Nicoles „Ein bißchen Frieden“ in einer Coverversion bereits live gespielt haben. Beginnend langsam wie der alte Schlagerhit entwickelt sich dieses Liedchen peu à peu in eine echte und in die Beine gehende Welle-Nummer. Dieser Song war bis dato unveröffentlicht und ist nun natürlich auf „Der Kalte Krieg“ enthalten. Inhaltlich ist er vielleicht der Titel, der passender für eine solche Thematik nicht hätte ausgewählt werden können, denn nicht umsonst hat Schlagersängerin Nicole mit diesem Text im Jahr 1982 den Grand Prix D´Eurovision de la Chanson gewinnen können. Ein weiteres kritisches Lied ist das Öko-Stück „Karl der Käfer“ von der Band Gänsehaut aus dem Jahr 1983, bei dem die Band textlich auf das Waldsterben aufmerksam machen wollte und damit sogar in der ZDF Hitparade bei Dieter Thomas Heck auftrat. Dieser Titel stammt mal wieder aus dem quasi fünften Bandmitglied: dem „Brotkasten“ Commodore 64, mit welchem noch einer der beiden einzigen eigenen Songs („Deutsche Liebe“) produziert wurde. In die gleiche Kerbe wie „Karl der Käfer“ schlägt auch „Feuerwerk“, welches 1984 von Stephan Remmler im Zuge einer Kreativpause mit Trio geschrieben und als Stephan & Nina veröffentlicht wurde. Soweit also einige Beispiele, die zunächst befremdlich wirken, aber im Kontext des Konzeptes einen Sinn ergeben und musikalisch durchaus zu überzeugen wissen. Aber es geht leider auch anders…

Mit „Hab ich dir heute schon gesagt, daß ich Dich liebe“ von Chris Roberts (1971) wird die Schmerzgrenze deutlich überschritten. Wohingegen „Ein bißchen Frieden“ soundmäßig irgendwann deutlich an Tempo gewinnt und die aus heutiger Sicht lahme Nummer zu einem augenzwinkernden Stück Minimal-Electro werden läßt, ist das Chris Roberts-Cover keinen Deut angenehmer für die Ohren als das Original. Auch die Schunkelnummer „If you want to sing out, sing out” (1971, Cat Stevens) hätte man sich durchaus sparen können, da diese Gitarren-Ballade, die das Haupt-Thema in dem Film „Harold & Maude“ bildet, irgendwie so gar nicht in das 8-Bit bliepsende Klanguniversum des Senders passen will. Wenn es unbedingt hätte sein müssen, wäre das Lied wohl unter der Funkhausgruppen-Fahne besser aufgehoben als unter dem Dach von Welle: Erdball. Im Pressetext heißt es: „Wer bei diesem Welle: Erdball-Album nicht bemerkt, was für einen riesigen Schritt die Band mit der neuen Sendung gemacht hat – allein auf der Basis von Gesang, Produktion und Konzept – dem können selbst wir nicht mehr helfen ;)!“ Den Smiley am Ende dieser mutigen Ankündigung sollte man dabei also extra fett markieren. Ob sich gesanglich so viel getan hat, ist schwer zu beantworten. Die seit 2005 beim Album „Chaos Total“ mitwirkende Sängerin Plastique verfügt nicht erst seit gestern über eine bezaubernde Stimme. An Sicherheit hat sie höchstens auf der Live-Bühne gewonnen, wo sie durch ihre Ausflüge mit den Seitenprojekten homo~futura und The Girl & the Robot genug Erfahrungen sammeln konnte. Bei Frontmann Honey sieht das nicht unwesentlich anders aus. Natürlich kommt seine Stimme bei „If you want to sing out, sing out“, das ohne die gewohnte Synthetik auskommt, besonders zur Geltung. Aber war das bei dem ruhigen „Graf Krolock“ vor sechs Jahren (6 Jahre?! Wahnsinn…) nicht auch schon so? Konnte Honey nicht bereits damals schon gesanglich absolut überzeugen? Siehste…

Herausheben möchten wir jedoch das Stück „Vor all den Jahren“, bei dem es sich um eine längst vergessene Perle der Neuen Deutschen Welle handelt, mit welcher die Band Stahlnetz 1982 in Erscheinung trat. Die mitreißende Melodie im Chorus, die Betonung seitens Honey und der mehrstimmige Gesang kommen dem Original sehr nahe und passen irgendwie zum Retro-Feeling von Welle: Erdball. Auch live wird das Stück nicht nur zum Schunkeln einladen. Ein definitiver Hit, der das Zeug hat, sich im Konzert durchsetzen zu können. Auch „Eine Neue Zeit“ fängt den Geist des Originals von Der Liederkranz sehr gut ein, während das englischsprachige „Kabinett“ die Wave-Puristen zufriedenstellen wird.

Doch auch Coverversionen eigener Stücke lassen Welle: Erdball auf diesem Album zu, daß die Massen sicherlich wie kaum ein anderes Album spalten wird: da wäre zum Einen der Song „Amerika“, das sich in der Originalversion auf dem 95er Werk „Alles ist möglich“ befindet und von den Funkhausgruppen-Kollegen von Hertzinfarkt durch den Remix-Wolf gedreht wurde. Zum Anderen durften The Girl & the Robot (Seitenprojekt von Sängerin Plastique) Hand an den größten Clubhit Welle: Erdballs Hand anlegen: aus „Starfighter F-104G“ wurde kurzerhand „Starfighter F-104S“. Bei beiden Remixen handelt es sich durchaus um interessante Interpretationen, die jedoch nicht an die Originalversionen heranreichen. So verwundert es nicht, daß man auf der aktuellen Tournee auch „Starfighter 104-F“ den Vorzug gegeben hat.

Insgesamt gesehen bietet also diese neue Sendung mit Ausnahme von zwei neuen Songs (“Der Kalte Krieg”, “Deutsche Liebe”) ausschließlich Coverversionen von zum Teil fragwürdiger Natur und Remakes bekannter Bandkollegen bzw. Seitenprojekte. Der 007-artige Hörspiel-Rahmen zu Beginn und Ende der CD kommt hingegen ziemlich gelungen rüber und ist eine tolle Idee. Die Stimmen und Effekte überzeugen, was kein Wunder ist, da eine solche Produktion für die Truppe wie gesagt kein Neuland mehr darstellt. Vor allem Honeys und Plastiques Betonungen klingen wirklich sehr tauglich. Vielleicht sollten die beiden einfach mal bei EUROPA vorsprachig werden. :-)

Die Bond-Ästhetik der Promo-Fotos und der CD-Schutzhülle aus Pappe sind sehr edel gestaltet, auch das weiße Jewel-Case, auf dem das alternative Coverartwork (das rote Telefon) aufgedruckt worden ist, ist positiv zu erwähnen. Leider läßt dafür der Inhalt des Booklets ein wenig zu wünschen übrig. So sind hier lediglich die Texte der eigenen Kompositionen abgedruckt sowie weitere Promo-Fotos in Agentenoutfits zu begutachten. Das ist jetzt nicht gerade sonderlich viel. Schöner wäre es gewesen, wenn der Käufer hier noch einige Kommentare aus erster Hand zur Wahl des Konzeptes und – viel wichtiger – zur Auswahl der Coverversionen aus erster Hand bekommen hätte.

Wie zuletzt häufiger bei Produktionen aus dem Funkhaus gibt es neben den offiziell angegebenen 14 Titeln noch weitere Tracks zu entdecken. Du, lieber Leser, weißt was ein echter Doppelagent ist? Dann probier dein Glück und beweise es. Dein Auftrag: finde folgende Titel: “Töte mich” (gefolgt von einem weiteren Intro) sowie “Die Maschinen marschieren” von Feindsender 64,3, wie die Band vor 1993 hieß. Ein kleiner Tip: der “Sendeschluß” dauert nicht wirklich 13:24 Minuten und ein Welle-Album muß nicht zwangsweise immer mit dem gleichen Songtitel beginnen… Und nun viel Glück, aber paß auf dich auf! Du wirst beobachtet…

Die Limited Edition des neuen Outputs stimmt uns deutlich versöhnlicher, denn hier gibt es gleich zwei Konzertmitschnitte zu sehen und zu hören. Klanglich zwar nicht in exzellenter Qualität, dafür handelt es sich aber um die ersten Komplettmitschnitte, die es von Welle: Erdball auf DVD zu kaufen gibt. Und davon werden uns gleich zwei zur Wahl gestellt: zunächst gibt es den Auftritt im Capitol Hannover vom 01.09.2006 im Rahmen der “Chaos Total”-Tournee und zum Anderen den Gig im Hangar des M´Era Luna Festivals in Hildesheim vom 08.08.2009.

Wer sich beeilt erhält also noch die Limited Edition mit der Bonus-DVD, die für einiges entschädigt, aber eben nicht für alles. Welle: Erdball sind mit “Der Kalte Krieg” einen Schritt zu weit gegangen. Natürlich hat es auch früher schon ähnlich gelagerte Cover gegeben (u.a. “Die Moorsoldaten” oder “Fred vom Jupiter”), allerdings standen diese Stücke nie im Mittelpunkt des jeweiligen Albums, sondern gingen quasi in der Masse unter. Als Bonus-CD wäre also “Der Kalte Krieg” mit entsprechendem Augenzwinkern ganz witzig gewesen, als komplett neue Sendung jedoch fällt das Gesamtergebnis eher ernüchternd aus. Deshalb empfehlen wir zunächst einen Probehörgang, anstatt die Scheibe blind zu kaufen.

Der offensive Pressetext und die Aussage aus erster Hand, daß es sich hierbei um das beste Welle-Album handeln würde, ließen auf etwas ganz Großes hoffen. Ziehen wir eine vorzeitige Jahresbilanz, so war 2011 sehr ausgiebig und erfolgreich für Funkhaus-Produktionen, denn mit homo~futuras “Der Neue Mensch” und “Mono-Poly” von Die Funkhausgruppe haben uns gleich zwei Volltreffer erreicht, die die Erwartungshaltung an den neuen Welle: Erdball Longplayer entsprechend forcierten. Eines ist klar: das beste Album ist “Der Kalte Krieg” nicht geworden! Dafür polasieren die Coverstücke zu sehr, dafür ist zu wenig Eigeninitiative in dem Werk vorhanden. Oder deutlicher: es wäre ja schlimm, wenn dies so wäre, denn das würde bedeuten, daß die selbst geschriebenen Kompositionen den Coverstücken unterlegen wären. Mit einigen wenigen Ausnahmen (“Feuerwerk”, “Vor all den Jahren”, “Ein bißchen Frieden”) ist der Hörer durchaus gezwungen, das eine oder andere Mal die Skip-Taste zu drücken. Die ansonsten sehr gut produzierte CD bekommt wegen den Hidden Tracks, dem ambitionierten Hörspiel, den Remakes eigener Stücke und der Live-DVD daher die volle Punktzahl im Bereich Fanfaktor, da sie im Prinzip genau das geworden ist: ein nicht auf die Goldwaage zu legendes Fan-Item. Es wäre schön, wenn die Band das genauso sehen würde und sich für das nächste Album wieder auf ihre Stärken konzentriert.


Wertung


Trackliste

  1. Welle: Erdball
  2. James Bond-Thema [Monty Norman-Coverversion]
  3. Deutsche Liebe (C=64)
  4. Feuerwerk [Stephan & Nina-Coverversion]
  5. Eine Neue Zeit [Der Liederkranz-Coverversion]
  6. Amerika [Compact Phasing "A"merika-Remake by Hertzinfarkt]
  7. Kabinett [The Cabinet-Coverversion]
  8. If you want to sing out, sing out [Cat Stevens-Coverversion]
  9. Vor all den Jahren [Stahlnetz-Coverversion]
  10. Starfighter F-104S [Remake by The Girl & the Robot]
  11. Der Kalte Krieg
  12. Karl der Käfer (C=64) [Gänsehaut-Coverversion]
  13. Hab ich dir heute schon gesagt, daß ich Dich liebe? [Chris Roberts-Coverversion]
  14. Ein bißchen Frieden [Nicole-Coverversion]
  15. Sendeschluß

Anspieltipps

  1. Vor all den Jahren [Stahlnetz-Coverversion]
  2. Feuerwerk [Stephan & Nina-Coverversion]
  3. Ein bißchen Frieden [Nicole-Coverversion]

Tourdaten

  • 04.11.11 – Wien, A – Szene
  • 11.11.11 – Rostock – MAU Club
  • 12.11.11 – Hamburg – Markthalle
  • 17.11.11 – Berlin – C-Club
  • 18.11.11 – Dresden – Reithalle/Strasse E
  • 19.11.11 – Herford – X
  • 24.11.11 – Duisburg – Pulp
  • 25.11.11 – Eindhoven, NL – Dynamo
  • 26.11.11 – Leiden, NL – LVC
  • 27.11.11 – Antwerpen, BE – Trix
  • 02.12.11 – Illingen – Illipse
  • 03.12.11 – Zürich, CH – Dynamo
  • 08.12.11 – Rüsselsheim – Dynamo
  • 09.12.11 – Erfurt – Centrum
  • 10.12.11 – Magdeburg – Factory

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