Fünf Jahre nach der Beendigung des Lyderzyklus „Der Schwarze Schmetterling“ mit dem fünften Teil „Requiembryo“ von 1997 und einem Ausflug in die Welt von „Krabat“ („Zaubererbruder“, 2008) melden sich ASP mit einem neuen Zyklus aus dem Studio zurück. In der Zwischenzeit hat sich jedoch viel getan im Bandgefüge. Mattias Ambré, seines Zeichens seit Bandgründung 1999 bis zu diesem Jahre sowohl der Gitarrist als auch der Produzent von ASP, ist ausgestiegen – oder musste aussteigen, so genau kamen die Hintergründe leider nie ans Tageslicht. Jedenfalls ist es irgendwann zum Wechsel von Lutz Demmler, der die gleiche Funktion bei den Karlsruher Kollegen von Umbra et Imago innehatte, zu ASP aus Frankfurt gekommen. Die Gothic Novel Rock-Formation, wie ASP selbst gerne ihren Stil beschreiben, gab sich lange Zeit sehr bedeckt, was den Inhalt des neuen Werkes betrifft und trieb damit die Erwartungshaltung natürlich in ungeahnte Höhen. Die Vorab-Single „Wechselbalg“ konnte sowohl Kritiker als auch Festivalpublikum gleichermaßen überzeugen. Alle freuten sich also auf „fremd-Fremder-Zyklus, Teil 1″. Auch wir zählen uns gerne dazu und werden euch nun wissen lassen, ob es einen Grund zur Freude gab oder nicht. Die Rezension bezieht sich auf die Limited Edition.
Wir hören Pianoklänge, einen düsteren Klangteppich und die geflüsterten Worte „I hear Voices of a Stranger“. Elektronik setzt ein, das Tempo nimmt zu und wir vernehmen Asps Stimme, die wie ein Teil eines gregorianischen Chores klingt. Das für ASP-Verhältnisse fast schon belanglose Opener-Stück “A Prayer for Sanctuary“ versucht ab der Songhälfte mit harten Gitarrenriffs für Alarm zu sorgen, scheitert jedoch in seinem Versuch, da dieser Titel einfach zu wenig Höhepunkte und Wendungen mit sich bringt, die wir von dieser Ausnahmeformation nach all den Jahren was die Tracks, die sich direkt an die (wenn vorhandenen) Intros anschließen, gewohnt sind.
Wesentlich spannender geht es beim „Wechselbalg“ zur Sache. ASP verstehen es auf dieser vorab als EP ausgekoppelten Nummer ganz gekonnt ihrer typischen Art nach einen mitreißenden Ohrwurm mit spannenden Synthiepassagen zu kreieren, der trotz seines Popappeals nichts von der ASP´schen Düsteratmosphäre einzubüßen weiß. Uraufgeführt wurde das Stück bereits im August 2011 auf dem M´Era Luna Festival in Hildesheim, wo es vom Publikum sofort begeistert aufgenommen wurde, was anhand der eingängigen Melodie wohl auch niemand wirklich beeindrucken dürfte. Leider jedoch gehört „Wechselbalg“ zu den wenigen Glanzpunkten, die „fremd“ zu bieten hat. Käufer der Limited Edition können sich übrigens an dem beiliegenden Liveclip vom überragenden M´Era Luna-Gig im MP4-Format freuen.
“Eisige Wirklichkeit” gehört ebenfalls zu den Ausnahmen. Neben “Wechselbalg” steckt man dieses Stück noch am ehesten in die Schublade ASPs. Der treibende Rhythmus, die wohlbekannten Synthieeinschläge und der einprägsame Düstergesang von Asp klingen gleichwohl vertraut und doch ganz anders. Aufgrund des hohen Tempos – gemessesn am Rest des Albums – ein wohltuender Lichtblick auf der ansonsten sehr schwer zugänglichen CD und neben der Auskopplung am tauglichsten für den Clubeinsatz Als Anspieltip ist diese Nummer jedenfalls unverzichtbar!
“The Mysterious Vanishing of the Foremar Family” ist wie man dem Titel entnehmen kann ein weiteres in englischer Sprache intoniertes Stück, das den Untertitel “A Real Gothic Tale” trägt. Und tatsächlich: ASP erzählen hier mal wieder eine neun Minuten lange Geschichte, die sogar über einen Prolog verfügt. In diesem Stück geht es um eine Familie, die auf unerklärliche Weise verschwand und nie wieder gesehen ward. Im Chorus setzt diese kleine Gruselgeschichte trotz aller Dunkelheit auf eine auflockernde Schunkelmelodie. Insgesamt eine nette Idee, aber eine Offenbarung ist dieser Titel leider nicht geworden. Es handelt sich nicht ansatzweise um eine zweite „Ballade von der Erweckung“, sodaß sich ob der Spielzeit irgendwann eine gewisse Langatmigkeit bemerkbar macht und man sich dabei erwischt, spätestens nach dem dritten bis fünften Durchhören des Albums bei diesem Track nach der Fernbedienung zu greifen.
„Liebende Kinder gebt fein acht, dass keiner dieses mit euch macht“. Mit diesem Reim beginnt das Tempo wieder anziehende „Rücken an Rücken“, welches durchaus Potential hat, dieses aber irgendwie nicht zur Gänze ausgeschöpft wird. Man wird das Gefühl nicht los, dass hier deutlich mehr drin gewesen wäre. Zwar ist das Wechsel(balg)spiel zwischen metallischen Riffs, eingestreuten Elektronikelementen und Alexander Frank Sprengs Stimme sehr gut produziert (Gut gemacht, Lutz!), aber atmosphärisch fehlt es „Rücken an Rücken“ eindeutig an Substanz. Somit wäre dieses Lied ein geeigneter Kandidat für eine schnellere Remix-Nummer gewesen, die man leider auf der Bonus-CD der Limited Edition vergeblich sucht. Daß es sich hierbei ganz offensichlich um die bekannten Figuren Asp vs. Schwarzer Schmetterling handelt (auf „fremd“ übrigens überraschenderweise keine Seltenheit), wird das angebliche neue Konzept so langsam in Frage gestellt.
Und nun herzlich willkommen in der „Angstkathedrale“! Dieses Mammutwerk kennen wir schon von der „Wechselbalg“-EP. Auf dem Album hingegen ist die sogenannte „Canterbury-Version“ enthalten – ein Epos in Überlänge mit einer Spielzeit von sage und schreibe 17 Minuten, welches damit satte fünf Minuten länger als die „Amiens Version“ von der Vorab-EP läuft. Irgendwo zwischen Doom Metal und einem psychedelischen Trance-Zustand schwelgt Musik und Gesang über sieben Minuten lang in einer gefangen nehmenden Monotonie, bevor der Sänger der Musik den Vortritt lässt, sich auszubreiten und zu entfalten, ehe diese sich nach neun Minuten dazu entschließt, eine gar liebliche Melodie anzustimmen, bei der auch der Synthesizer nicht vernachlässigt wird. Mit der Wendung, die dieses epische Düsterwerk im Verlauf der Spielzeit erfährt, war nach den ersten fünf Minuten nicht zu rechnen. Umso angenehmer wird es für den Hörer, wenn endlich auch Asps Stimme nach 10 Minuten wieder einsetzt und den Gesang von eingängig bis von oben herab wirkend variiert. Urplötzlich wird aus dem so unwahrscheinlich sperrigen Stück ein gänzlich neuer klingender Song, der eine komplett andere Wirkung auf den bis dahin durchgehaltenen ASP-Fan aufwartet. Nach einem weiteren kurzen Break, der sich wie ein Blick zurück in der Angstkathedrale anfühlt und sich wie zu Beginn anhört, kehrt das Epos umgehend zu seiner Stärke zurück und begleitet den nun zufriedenen Hörer bis ans Ende der 17 Minuten. Musikalisch steht er damit auf einer Stufe wie die “Amiens Version” der EP, die Album-Fassung läuft einfach noch wesentlich länger und sorgt mit dem Break kurz vor Ende noch einmal für kurzzeitige Unterbrechung respektive Abwechslung. Also habt Geduld. Alles wird gut!
„Schön, schön, schön“ gehört zu den Songs auf „fremd“, zu denen der Hörer am schwierigsten einen Zugang gewinnt. Außer dem schnell zugänglichen Chorus will diese Nummer nicht so recht zünden. Wer sich ein wenig mit der Musik ASPs auskennt, wird merken, dass dem hier Aufgetischten eindeutig zu wenig Würze bei der Zubereitung spendiert worden ist. Ähnlich wie bei „Rücken an Rücken“ hätte man hier viel mehr rausholen können. Asp besingt hier ganz offensichtlich abermals die Beziehung zwischen seinem Alter Ego und dem Schwarzen Schmetterling, wirft dabei jedoch einige Verständnisfragen auf. Die Textzeile „Du bist das G-Punkt! Ich bin SP, Komma A“ lassen da schon arges Stirnrunzeln hervorrufen.
„FremdkörPerson, erstens“ beginnt mit einem Trommel- und Flötenspiel, das sich wie ein Folkstück anfühlt. Ally Storch-Hukriede von Ally the Fiddle gibt dem neuen ASP-Album dadurch durchaus eine neue musikalische Note mit an die Hand. Als jedoch urplötzlich die aggressiven Metalriffs diese Atmosphäre durchbricht, übernimmt auch schon wieder Frontmann Asp das Zepter. Dieses Stück wird aus der Sicht des Schwarzen Schmetterlings gesungen, der sich laut Songtext wie ein „Parasit“, wie „ein fremdartiges Tier“ fühlt. Erneut macht sich der Gedanke nach der angeblichen Beendigung des letzten Zyklus breit und man fragt sich, warum dieses Lied nun Teil des Fremder-Zyklus sein muß, obwohl es doch aufgrund des Perspektivwechsels der perfekte Abschluß für den Schmetterling-Liederzyklus gewesen wäre.
Bei dieser Durchwachsenheit ist es fast schon makaber schreiben zu müssen, dass die ständig wiederkehrende Zeile „Ich warte auf Entzündung, oh bitte gib mir doch das alte Feuer zurück“ auf dem finalen „Unverwandt“ das neue ASP-Werk nahezu perfekt zuammenfaßt. Musikalisch pendelt das Stück zwischen Gothic und Folk Rock artig und abwartend hin und her und bleibt sich daher musikalisch treu, bevor sich wie erwartend die E-Gitarre in den Vordergrund drängt. Ally darf zum Abschluß sogar noch einen Solopart zum Besten geben, bevor der bereits zitierte Chorus in Endlosschleife dieses knapp 10 minütige Stück und damit das neue Album ausklingen und den Hörer zunächst ratlos zurück lässt.
Wenn man Asps Worten Glauben geschenkt haben sollte, durfte man eine neue Geschichte mit neuen Figuren und Themen erwarten, als sie dem Hörer zu einem hohen Anteil auf „fremd“ vorgetragen werden. Doch wer sich näher mit den Lyrics beschäftigt, der wird einfach nicht umhin kommen können, hier und da den Schwarzen Schmetterling oder den Schwarzen Turm wiederzuerkennen. Selbst das schlichte Coverartwork ziert einzig und allein den Schwoarzen Schmäddorling. Das wäre auch gar nicht so dramatisch, wenn einem im Vorfeld halt nicht etwas anderes schmackhaft gemacht worden wäre. Dieser Umstand wirft leider die Frage auf, ob ASP nichts Neues zu erzählen haben wollten oder gar konnten, wobei zweiteres natürlich erschreckend wäre.
Daran kann auch die im DIN A5-Buchformat wie immer schicke und mit einem Echtheitszertifikat (von Asp handsigniert!) versehene Limited Editin im Hardcover nichts ändern. Die sechs Songs umfassende Bonus-CD mit einer Spielzeit von über weiteren 49 Minuten wertet leider das allerhöchstens durchschnittliche Album nicht wohltuend genug auf. Das Nik Kershow-Cover zu „Wouldn´t it be good“ macht lyrisch im Kontext zwar durchaus Sinn und klingt zum Teil sogar ganz ordentlich wenn sich erneut Geige und Gitarre die Bälle zuspielen, will aber irgendwie nicht so richtig zu ASP passen. Auch die weiteren Remix-Versionen hätten nicht unbedingt sein müssen, da sie den Fassungen der Haupt-CD leider nichts entgegenzusetzen haben. Sehr nett hingegen sind die beiden Live-Cips, die es oben drauf gibt. Da wäre zum Einen wie bereits erwähnt die Live-Version von „Wechselbalg“ vom M´Era Luna 2011 und zum Anderen „Ich will brennen“ zusammen mit Subway to Sally live aus Potsam vom 30.12.2010.
Tut mir leid, meine lieben ASPiranten und ASPirantinnen, aber es ist eisige Wirklichkeit: Nummer Eins des neuen „Fremder“-Liederzyklus ist leider nicht der erhoffte Wurf geworden und erfordert selbst für den größten Fan viel Zeit, um mit „fremd“ in dieser kalten Jahreszeit warm zu werden. Zwar gelingt das irgendwann bei Titeln wie „Angstkathedrale“ oder „FremdkörPerson, erstens“ tatsächlich, aber im Vergleich zum bisherigen Schaffen müssen wir leider konstatieren, dass „fremd“ das bis dato schwächste Studiowerk einer der wichtigsten deutschen Gothic Rock Bands geworden ist. Ob das nun tatsächlich an dem Ausstieg von Matze Ambré liegt oder generell die Marschroute des neuen Liederzyklus sein wird, bleibt abzuwarten. Wir möchten jedenfalls vor einem Blindkauf zumindest den warnenden Finger heben und empfehlen daher ein (mehrfaches!) Probehören.
Auf eine lange Rezension soll ein kurzes persönliches Fazit folgen. Insgesamt bin ich von „fremd-Fremder-Zyklus, Teil 1″ enttäuscht. Trotz mehrtägigem Probehören ist der Funke letzten Endes dann doch nicht übergesprungen, wie es zum Beispiel Subway to Sally in aller letzter Sekunde noch geschafft haben, sodaß ich in der Bewertung leider keine positive Gesamtnote geben kann. Ich möchte hier nicht die „Schuld“ bei Lutz Demmler suchen, das wäre ungerecht und auch unbegründet, aber nach so langer Studioalbumfunkstille habe ich mit einem kleinen Knallbonbon, einem Genre-Juwel gerechnet. Ich hoffe also inständig, dass das es nur der Anfang war und ASP „bald das alte Feuer“ zurückgegeben wird und sie wieder in der Lage sein werden, nachhaltige Hits am Fließband produzieren zu können. Sind wir mal guter Hoffnung, „Star Wars – Episode I“ war schließlich auch nur der lahme Beginn vom großen Ganzen.
Wertung
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Trackliste CD 1
Trackliste CD 2
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Anspieltipps
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Trailer
Tourdaten
- 16.11.11 | Bochum | Matrix [Zusatzkonzert]
- 17.11.11 | Bochum | Matrix
- 22.11.11 | Frankfurt | Batschkapp [Zusatzkonzert]
- 23.11.11 | Frankfurt | Batschkapp
- 24.11.11 | Frankfurt | Batschkapp
- 30.11.11 | Zürich, CH | X-tra
- 23.02.12 | Kiel | Max
- 24.02.12 | Erfurt | Stadtgarten KZ
- 25.02.12 | Würzburg | Posthalle
- 01.03.12 | Ulm | Roxy
- 02.03.12 | Mannheim | Capitol
- 03.03.12 | Magdeburg | Altes Theater








