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Im Blickpunkt, Kirlian Camera, Musik-Reviews — Veröffentlicht am 13. November 2011 um 22:53

KIRLIAN CAMERA – Nightglory

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KIRLIAN CAMERA ist eine dieser Bands, bei denen sich gerne mal das Gefühl breit macht, sie wären schon immer da gewesen – und werden auch immer da sein. Führt man sich vor Augen, dass die Truppe um Angelo Bergamini seit Anfang der 80er Jahre im Spiel ist und betrachtet man dann zusätzlich noch den enormen Output, den die Band seit Gründung hatte, überrascht dieses Gefühl wenig. Aber mal weg von ungreifbaren Dingen wie gefühlten Eindrücken hin zu sehr realen Tatsachen: Kirlian Camera haben seit dem 28. Oktober ihr mit Spannung erwartetes neues Album “Nightglory” am Start. Wir haben das Teil für Euch gehört und sagen Euch nun, was davon zu halten ist.

Das letzte “richtige” Album, das diese Bezeichnung auch verdient hätte, war “Coroner’s Sun” aus dem Jahre 2006. Danach sind Kirlian Camera vor allem durch ausschweifende Maxi-CDs/EPs bzw. in epischer Breite zelebrierter Compilations (“Odyssey Europa” bzw. “Not Of This World”) aufgefallen. Da liegt es natürlich nahe, dass die Erwartungshaltung bei einer Band wie Kirlian Camera entsprechend hoch ist. Dass Kirlian Camera inzwischen aber lange genug im Geschäft sind, um mit solchen Dingen entsprechend entspannt umzugehen, beweist “Nightglory”. Schauen wir uns die Tracks doch einmal im Detail an:

I’m Not Sorry: Das Eröffnungsstück beginnt mit Klavierspiel und Elenas eindrucksvoller Stimme, bevor nach einer knappen dreiviertel Minute der elektronische Teil einsetzt. Leichte Anleihen an Euro-Dance-Nummern lassen sich hier nicht ganz wegleugnen, zudem klingt das in meinen Ohren eher nach SPECTRA*paris als nach Kirlian Camera. Möglicherweise liegt das auch am Einsatz der E-Gitarren, die in das Klangbild eingefügt worden sind. KC-typische Experimentierfreude kommt gegen Ende auf, wenn der Titel des Songs im Chor geraunt wird. Als Opener durchaus ok.

Nightglory: Hier geht schon zu Beginn deutlich mehr die Post ab. Zu den ausgefuchsten elektronischen Spielereien, die sich vornehm im Hintergrund halten, gesellt sich abermals die E-Gitarre. Und im Refrain, der sofort ins Ohr geht, wird wieder einmal klar: Elena Alice Fossi ist nicht nur das heisseste Geschoss in der düsteren Electro-Szene, sie würde mit ihrer zwischen Zerbrechlichkeit und kraftvollem Geröhre auch eine prima Rockbraut abgeben. Zusätzlichen Pathos bekommt das Lied übrigens durch die gegen Ende hin eingestreuten Streicher-Samples. Insgesamt eine ziemlich coole Nummer.

Hymn: Immer wieder in der Geschichte der Band und vor allem zuletzt bei “Odyssey Europa” bewiesen sie mit ihrer Version des Pink Floyd Klassikers “Comfortable Numb”, dass sie es einfach drauf haben, einem betagten Song durch ihre ganz eigene Version ein neues Gesicht zu geben und den Staub von den Klamotten zu pusten. Auf “Nightglory” tun sie es abermals. Song der Wahl dieses Mal: Ultravox’ 80er Jahre Meilenstein “Hymn”. Nicht das erste Mal, dass dieser Song gecovert wurde, ganz im Gegenteil. Oft genug ging das allerdings in die Hose. Wer dachte, dramatischer und pathetischer als das Original könnte der Song nicht werden, irrt. Kirlian Camera zeigen hier, dass man da durchaus noch etliche Schippen Drama drauflegen kann. Sehr schwer, sehr düster in den Strophen, explodierend und nahezu episch im Refrain. Ganz großes Kino!

Save Me Lord: Wie so oft auf diesem Album wird hier zunächst mal eine ruhige Kugel geschoben. Die sehr weitläufigen Synthie-Passagen im Hintergrund werden überlappt von dem Einsatz einer Akustikgitarre und dem hier besonders fragil wirkenden Gesang Frau Fossis. Ich denke es versteht sich von selbst, dass ein Song, der “Save Me Lord” heißt und, anders aufgearbeitet sicher eine prima Gospel-Nummer abgegeben hätte, insgesamt ruhig bleibt und eher auf leisen Sohlen daherkommt.

Winged Child: Hier wird es wieder experimenteller und verspielter, was den Elektro-Anteil angeht. Fällt gut auf, wenn man sich diesen Song mittels Kopfhörern zu Gemüte führt. Ansonsten will die Hookline hier nicht so recht zünden und sich der Song nicht gänzlich im Gehörgang festsetzen. Einer der schwächeren Songs dieses Albums.

I Killed Judas: Gefällt zu Beginn zunächst mal durch den Einsatz eines elektronisch verzerrten Arkodeons, was dem Song in den ersten Sekunden einen Hauch Seemannsromantik verleiht. Wenn die schweren, ausladenden Synthiepassagen einsetzen, ist es damit allerdings vorbei. Auch wenn es wohl niemand in einer Kirche intonieren wird, so hat auch dieser Song über weite Strecken Gospelcharakter. Bis zum dramatischen, ziemlich düsteren Finale jedenfalls, wo dramaturgisch wohl der Gnadenschuss gefallen sein dürfte.

Immortal: Ähnelt in Sachen Struktur und Machart den ersten beiden Songs des Albums. Die Melodiebögen in den Passagen zwischen den Refrains erinnern mich bisweilen an Andrew Lloyd Webbers “Phantom der Oper”. Vom Feeling her wohl der “typischste” Song des aktuellen Kirlian-Camera-Klangkosmos’. Und Elena gibt stimmlich hier abermals richtig Gas. Beide Daumen hoch!

I Gave You Wings – I Gave You Death: Düster, schwermütig und ebenfalls im Tempo sehr gedrosselt. Gefällt vor allem wegen der stimmlichen Performance von Frau Fossi, ansonsten ebenfalls einer der schwächeren Songs des Albums. Hier wird wohl so manches Mal die Skip-Taste zum Einsatz kommen.

Black Tiger Rising: Ein knapp zweiminütiger, instrumentaler Song, der sich langsam steigert und gegen Ende seinen dramaturgischen Höhepunkt erreicht. Problem an der Sache ist die Frage, die sich unweigerlich stellt: was soll das? Vor allem an dieser Stelle? Hätte man gut und gerne als Intro nehmen können, von mir aus auch noch als Interlude. An der Stelle aber, als vorletzter Track dieses Albums, kommt es deutlich zu spät und will sich nicht so richtig in den Gesamtkontext einfügen. Einzige Erklärung hierfür: es soll den Hörer mit Pauken und Trompeten (im Wortsinn, übrigens!) auf das Finale vorbereiten. Ja gut, äh…

Gethsemane: Das große Finale dieses Albums. Hier heißt es noch mal richtig “Drama, Baby”. Elena gibt noch ein letztes Mal stimmlich richtig Vollgas (teilweise schwingt pure Verzweiflung mit), die Streicher-/Synthiearrangement leiten irgendwann zum großen Finale über, bei dem sich Kirlian Camera von ihren Hörern verabschieden. Schwermütiger als hier geht es auf keinem Song dieses Albums zu. Je nach persönlicher Stimmungslage ist dieser Song allerdings mit Vorsicht zu genießen…

Ob sich die Wartezeit auf ein “richtiges” neues Album gelohnt hat, wird in diesem Fall wohl jeder für sich selbst entscheiden müssen. Im Großen und Ganzen machen Kirlian Camera genau das, was sie immer machen: elektronische Musik mit der Lizenz für Träumereien. Nur dass hier sämtliche Experimente ausgelassen worden sind und man sich stattdessen auf elf, fast immer züdendende, eingängige Songs konzentrierte. Wobei – das was hier an musikalischen Experimenten fehlt, ging wohl dieses Mal an die gestalterische Abteilung – Stichwort: Cover-Artwork.

“Nightglory” ist dem Namen entsprechend ein Album für die Abendstunden geworden. Herrlich unaufgeregt und entspannt wird hier ein akustisches 10-Gänge-Menü serviert, das sich problemlos am Stück konsumieren lässt. Kirlian Camera verzichten hier wie bereits erwähnt nahezu komplett auf klangliche Experimente. Hier ist definitiv nichts dabei, was den Hörgenuss irgendwie stört, unterbricht oder den Hörer dazu zwingt, panisch die Skip-Taste zu suchen. Ganz im Gegensatz zum Vorgänger übrigens (“Kaczynski Code” oder “CIA Haunted Headquarters” anyone?). Einschalten, abschalten und der ganzen Herrlichkeit der Nacht hingeben.


Wertung

Klang Fan-Faktor Artwork Gesamt

Trackliste

  1. I’m Not Sorry
  2. Nightglory
  3. Hymn
  4. Save Me Lord
  5. Winged Child
  6. I Killed Judas
  7. Immortal
  8. I Gave You Wings – I Gave You Death
  9. Black Tiger Rising
  10. Gethsemane

Anspieltipps

  1. Nightglory
  2. Hymn
  3. Immortal

Kirlian Camera – Nightglory Video


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