Zu Saint Paul fällt mir sicherlich einiges ein. Beispielsweise eine Stadt in Minnesota (USA), Schauplatz von Jonathan Franzens Roman “Freiheit”. Vielleicht fällt mir dazu auch noch der Apostel Paulus ein. Ganz sicher aber hatte ich THE SAINT PAUL bisher nicht als Erzeuger großartiger Electro-Mucke auf dem Schirm. Ich könnte mir vorstellen, vielen von Euch geht es ähnlich. Ich finde ja, dass wir daran etwas ändern sollten. Anfang November erschien die Debüt-EP “Rewind The Time” und es wird an dieser Stelle definitiv Zeit, ein paar lobende Worte loszuwerden.
Wie immer, wenn wir Euch an dieser Stelle Newcomer vorstellen, gilt es wohl, ein paar Hintergründe zu beleuchten. So wollen wir auch im Falle von The Saint Paul verfahren. Das Duo aus dem Ruhrgebiet fand im Jahr 2010 zusammen, nachdem Marc und Paul eigenen Angaben zufolge bereits seit Jahren in der EBM-/Electro-Szene aktiv unterwegs waren. Live-Auftritte inklusive. Unter welcher Flagge sie seinerzeit gesegelt sind, darüber schweigt sich die Bandbiografie erfolgreich aus. Ist aber eigentlich auch völlig schnurz, entscheidend ist eh nur folgende Aussage: beide Herren sind keine Anfänger, die noch leicht grün hinter den Ohren sind und die gerade erst herausgefunden haben, welche Knöpfe sie drücken müssen, damit irgendwelche Töne entstehen. Ganz im Gegenteil, man hört es der vorliegenden 7-Track-EP in jedem Song an, dass hier Könner am Werke waren. Lassen wir die beiden Remixe mal aussen vor, dann begeistern alle Songs durch eine ausgefeilte Rafinesse in punkto Songgestaltung, frischer neuer Ideen und Eingängigkeit.
Rewind The Time: Das Eröffnungsstück und Titelsong dieser EP. Eine klassische FuturePop-Nummer, die mit eingängiger Melodie und vor allem durch den klaren, unverzerrten und angenehmen Gesang Pauls gefällt. Dazu ein tanzbarer Rhythmus. Dieser Song ist eine ideale Eintrittskarte in die musikalische Welt von The Saint Paul und hinterlässt den Hörer angenehm überrascht mit einem “Wow, das war gar nicht schlecht”-Gefühl. Fans von Colony 5 und ähnlichen werden sich hier sofort heimisch fühlen.
City Of Glass: Deutlich verspielter, im Tempo etwas gehobener als das vorhergehende Stück. Schön fragmentierter Sound, der vor allem in den instrumentalen Passagen durch den überraschenden Einsatz einer Violine bzw. Geige gefällt. Klar, ist nicht das erste Mal, dass ein solches Streichinstrument Einzug in elektronische Szene-Mucke gehalten hätte. The Crüxshadows oder gerade Emilie Autumn sind da ja auch gerne ganz vorne mit dabei. Hier allerdings ist es weniger ein das Klangbild dominierendes Element als viel mehr als das Tüpfelchen in einem eh schon ziemlich spannenden Electro-Pop-Song. Und inhaltlich lässt mich die Passage “I lost my mind in the City of Glass” irgendwie an Paul Austers New-York-Trilogie denken. Toller Song Nummer 2 hier.
Unempathic: Treibend, schnell, tanzbar und so unglaublich gut, dass mir fast die Worte fehlen. Erinnert mich an Apoptygma Berzerk in ihrer “Harmonizer” bzw. “Welcome To The Earth”-Phase und im sofort in die Ohren gehenden Refrain sehe ich The Saint Paul auf einer Konzertbühne stehen, während Electro-Freunde zu diesem Song ekstatisch abfeiern. Während aller Begeisterung für die hymnenartige Melodie sollte hierbei auch den schnuckeligen, hintergründigen Artefakten im Klangbild Aufmerksamkeit geschenkt werden. Ganz, ganz großes Kino!
Damned To Fail: Markant hier sind die langen instrumentalen Passagen mit den ausufernden Synthie-Flächen, die wunderbar mit den peitschenden Beats harmonieren. Aufmerksamen Hörern werden auch hier wieder die hohe Anteil an hintergründigen Spielereien auffallen, die das Erscheinungsbild abrunden.
Drowning: Ein Ausflug in ruhigere Gefilde darf natürlich nicht fehlen. Die erste Strophe wird mit ruhigem Gesang eingeleitet, eingebettet in eine Decke geschmeidiger Melodie. Der Überraschungseffekt stellt sich dann ein, wenn einem von Paul die Zeilen “when everything dies” entgegengeschrien werden. Das sorgt nur nicht nur dafür, dass der Song eine ganz andere Wendung bekommt als man es zunächst vermutet hätte, sondern verschafft ihm auch deutlich mehr Nachdruck und Tiefe.
Abgeschlossen wird die EP mit dem “Tortusa Heimataerde Remix” von “Rewind The Time” (zum Glück ohne das von Heimataerde gewohnte Sackgedudel) und dem “Hardfloor Remix” von “City Of Glass”. Hier hat die für das Mastering verantwortliche (und für gefällige Bassläufe bekannte) X-Fusion Music Production noch mal so richtig an den Reglern gedreht. Hört das bei anständiger Lautstärke und Eure Nachbarn werden sich bedanken. ;)
Wer sich nicht davon abbringen lässt, dass der Begriff FuturePop aus irgendwelchen (vermutlich albernen) Gründen inzwischen irgendwie negativ belegt ist, bekommt mit “Rewind The Time” genau das: hervorragende Electro-Kost im FuturePop-Umfeld, die sich aus dem Stand gleich neben den ach so großen Acts wie Assemblage 23, Colony 5 oder Apoptygma Berzerk behaupten kann. Dafür sorgen die verspielten, eingängigen Melodien, das untrügliche Gespür für spannende und gleichwohl eingängige Arrangements und der erfreulich unverfälschte Gesang. Ein höchst überzeugendes Debüt also, das nun Lust macht auf mehr!
Es gibt an dieser Stelle wahrlich nicht mehr viel zu sagen. Mit FuturePop (oder eben: elektronischer Pop-Musik im düsteren Umfeld) kriegt man mich eben immer. The Saint Pauls “Rewind The Time” war Liebe auf den ersten Hör. Das Tun des Duos erinnert mich manchmal sehr stark an die Zeiten, als Apoptygma Berzerk oder Colony 5 noch cool waren. Fans dieser Musikrichtung können und sollten hier unbedingt mal reinhören. Ich habe in diesem Jahr in diesem Genre wenig gehört, was mich auch nur annähernd so begeistert hätte. Behaltet diese Truppe im Auge, Leute – hier dürfen wir wohl noch so einiges erwarten!
Wertung
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Trackliste
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Anspieltipps
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