Aus dem Hause UMBRA ET IMAGO gab es in diesem Jahr einiges zu berichten. Zunächst einmal nahmen die Karlsruher Urgesteine mit Sänger Lex von Megaherz das Zarah Leander Coverstück „Davon geht die Welt nicht unter“ auf und veröffentlichten die 3-Track-Maxi pünktlich zu Pfingsten, wo sie während des alljährlichen Wave-Gotik-Treffens in der agra-Halle zu Leipzig aufspielten und den Song uraufführten. Das größere Highlight sollte jedoch erst noch kommen, denn am 30. Juli 2011 hielten Umbra zwei Konzerte am gleichen Tag im Rahmen ihres 20-jährigen Bandjubiläums im Karlsruher Crystal Ballroom ab. Der erste Gig sollte ein reines Akustikset sein, das die Band in der Form noch nie live gespielt hat. Das zweite Konzert war dann logischerweise eine reine Rock-Show gewesen. Wie mittlerweile bekannt sein dürfte, trennten sich im Anschluß die Wege von Mozart und Produzent und Gitarrist Lutz Demmler, der im Nu bei ASP unter gekommen ist, während der dort wiederum ausgemusterte Matthias „Matze“ Ambré fortan im Dienste Umbra et Imagos steht. Partnertausch mal anders, quasi. So bietet sich nun für den Fan eine gute Angelegenheit, Lutz noch einmal auf Seiten Umbras sehen zu können, da das Trash TV-Team unter der Regie von Gregor Skowronek (inszenierte bereits die beiden ersten Umbra-DVDs „Die Welt brennt“ (2002) und „Imago Picta“ (2005)) erneut für die Aufzeichnung der Doppel-DVD mit dem schlichten, aber passenden Titel „20“, verantwortlich zeichnete. Diese Rezension befaßt sich mit der Limited Edition, welche neben den beiden DVDs auch noch zwei Audio-CDs beinhaltet.

Befassen wir uns zunächst mit dem Akustik-Set: Mozart betritt zum Opener „Märchenlied“ ganz elegant gekleidet mit Dreispitz die Bühne und nimmt ganz brav auf seinem Hocker Platz, wie es sich für eine solche Veranstaltung gehört. Begleitet wird er dabei von einer ganzen Reihe an Gastmusikern, als da wären: Matthias Barth am Piano und Ingo Römling am Bass (den wir als Verantwortlichen diverser Coverartworks unter seinem Pseudonym Monozelle von Acts wie Samsas Traum, ASP oder Mantus her kennen und der bereits Remixe für Umbra et Imago beisteuerte). Apropos ASP: Natürlich ist auch Matze Ambré bereits mit von der Partie und spielt die Akustikgitarre neben Wieder-Bandmitglied Freddy Stürze und Sascha Dannenberger. Die Streicherfraktion besteht aus Rapunzel Ally Storch von der Band Ally the Fiddle an der Geige und den Letzten Instanzlern Benni Cellini (Cello) und M. Stolz, der buchstäblich die zweite Geige spielt. Auf die Drums knüppelt wie immer Migge Schwarz ein. Zum gewissen Etwas eines Live-Acoustic-Gigs zählen selbstredend die Background-Vocals. Logisch, daß hier Mozart-Muse Nanne (aufgeführt unter ihrem Künstlernamen Madeleine Le Roy) mit am Start ist. Ihr zur Seite stehen die staatlich anerkannte Gesangslehrerin Rita Huber-Süss und Karo Hafke,(von der Band Giants Causeway), die dieses Trio komplettieren. Ein ums andere Mal bricht aus Mozart jedoch trotzdem der Rockstar heraus, den es nicht das ganze Set über ruhig auf seinem Höckerchen hält, was einen sehr sympathischen Touch mit sich bringt. Bei „Erotica“ entledigt sich der Frontmann schließlich seiner (Oberbe-)Kleidung und bricht dadurch etwas aus der disziplinierten Akustikzwangsjacke heraus.

Die Vorbereitung auf dieses spezielle Konzert nahm ein ganzes Jahr in Anspruch, da die Songs nicht nur völlig neu arrangiert werden mußten (erledigt durch Matze Ambré, Matthias Barth und Mozart), sondern auch Stücke mit ins Set aufgenommen wurden, die Umbra et Imago noch nie live gespielt haben, wie zum Beispiel „Vater“ oder „Jahr und Tag“. Zum Ziel erklärte die Band vorab, daß sich die Setlist des Akustik-Konzertes komplett von der Rock-Show unterscheiden sollte, worauf man für das 10 Titel umfassende erste Konzert in erster Linie ruhige Nummern auswählte. Dementsprechend geht es hierbei inhaltlich auch eher um nachdenkliche Texte, anstatt auf den Mitgrölfaktor zu setzen. Als Schmankerl rezitiert Mozart völlig allein auf der Bühne stehend und nur durch Barths Pianospiel begleitet seinen Text zu „Der freie Geist“. Aufgezeichnet von acht Kameras, wurde dieses einmalige Konzerterlebnis mit einem dezenten Schnitt und unter der exzellenten Regiearbeit Skowroneks extrem gut eingefangen und transportiert die Stimmung perfekt in die eigenen vier Wände.

Beim Rock-Set steht Nanne zu Beginn deutlich präsenter im Vordergrund, während die beiden anderen Damen sich dezent in den hinteren Reihen aufgestellt haben. Ab dem „Gebet Nr. 1“ jedoch gesellt sich das dunkelhaarige Vollweib ebenfalls in den Bühnenhintergrund. Den Startschuß setzen Umbra et Imago nach dem Intro mit „Liebeslied“, bevor mit „Perfect Baby“ der vielleicht stärkste Song des letzten Albums „Opus Magnus“ gebührend abgefeiert wird. Als Gastsänger begrüßt die Band Eric Burton von Catastrophe Ballet auf der Bühne, mit dem Mozart „House of the Rising Sun“ im Duett singt, das im Original von The Animals stammt. Auch Freddy Stürze rockt sich wieder neben Sascha Dannenberger durch das Konzert, als ob er nie weg gewesen wäre, wie ihr am Solopart bei „Ignoranz“ selbst feststellen könnt. Ally Storch fiedelt erneut was das Zeug hält und erhält erst gegen Konzertende Streicherverstärkung. Die vielleicht wichtigste personelle Randinformation ist aber wohl, daß Lutz Demmler hier seinen Abschied von Umbra et Imago gegeben hat. Es sollte der letzte Auftritt unter der Fahne der Karlsruher Gothic-Band Umbra et Imago für den Mann mit der blonden Mähne gewesen sein.

Anstatt Nanne steuert beim Gassenhauer „Goth Music“ die Giants Causeway-Sängerin Karo Hafke die Vocals bei. Auffällig ist, daß bei „Davon geht die Welt nicht unter“, das sich ziemlich genau im Mittelteil des Sets befindet, die Band in einem anderen Bühnenoutfit auf der DVD zu sehen ist. Entweder es hat hier eine kurze Pause gegeben oder es handelt sich bei den Aufnahmen nur um einen komprimierten Zusammenschnitt, sodaß einige Lieder der Schere zum Opfer fallen mußten. Leider waren wir an diesem Tag nicht persönlich anwesend und können hier keine konkrete Angabe dazu machen, sondern nur spekulieren. Mozart singt das Zarah Leander-Cover mit den drei Grazien gemeinsam, während man auf der Studioversion und beim WGT-Gig wie in der Einleitung erwähnt Lex von Megaherz als Gastsänger gewinnen konnte.

Sehr eigenwillig gestaltet sich übrigens die Setlist. Typisch für ein Jubiläumskonzert wäre ein über alle Schaffensperioden hinwegreichendes Best-of-Set. Stattdessen bekommen wir einen immens hohen Anteil an Songs letzten Studioalbums „Opus Magnus“ zu sehen und zu hören. Ganze acht von dem insgesamt 12 Tracks umfassenden 2010er Outputs wurden an diesem 30. Juli im Crystal Ballroom zu Karlsruhe (aufgeteilt auf beide Sets) gespielt. Damit nahm „Opus Magnus“ die Hälfte der kompletten Setlist für sich in Anspruch. „The Final Last Dream“ ist noch nicht einmal veröffentlicht, feierte jedoch seine Premiere bereits auf dem Wave-Gotik-Treffen in Leipzig. Das Finale dieses harten Songs, das in einem hektischen Soundgewitter gipfelt, wird durch die Intensität des Schnitts noch verstärkt. Bei der balladesken Single-Auskopplung „Ohne dich“ betritt Lichtgestalt Nanne ganz in Weiß die Bühne, leider nach wie vor äußerst zugeknöpft, was sich – so viel sei an dieser Stelle schon mal verraten – auch nicht mehr ändern wird. Oder was meint ihr, wo dieser häßliche blaue FSK-Flatschen (= ab 16 Jahren) auf dem Digipak herkommt, der sich leider nicht entfernen läßt? Jedoch auch abseits der Erotikeinlagen sind Umbra et Imago seit jeher bekannt für ihr Ideenreichtum in Sachen Bühnenshow. Zur „Sonntagsandacht“ entert der in einer Mönchskluft gesteckte Mozart in gebrechlich gebeugter Manier die Bühne. Sich stützend auf einem Krückstock, an dessen Kopf sich ein Kruzifix befindet, begibt sich der Sänger hinter eine Art Kanzel und rezitiert aus seinem Buch den Songtext. Durch seine kraftvolle Stimme und sein Mimenspiel verleiht er dem Song dabei nachhaltig Ausdruck.

Bei aller Provokation, Härte und ironischem Humor hat Mozart, der übrigens seit einiger Zeit selbst Papa ist, vor allem eins: ein gutes Herz. So ließ er spontan einen Rollstuhlfahrer auf die Bühne holen, der nun das Geschehen hautnah miterleben darf. Eine tolle Geste des sympathischen Frontmanns! Daß dieser Szenehit für weitaus mehr Euphorie im Publikum sorgt, als die meisten Titel neueren Datums, versteht sich von selbst. Wie bereits angekündigt betraten die beiden Musiker der Letzten Instanz zu „Rock me Amadeus“ noch einmal die Bühne, da das Falco-Cover gegen Ende bekanntlich über ein langes Streichersolo verfügt, an welchem sich Benni Cellini, M. Stolz und Ally Storch nun noch einmal ordentlich austoben können, während Mozart und Nanne… Nein, ein weiteres Mal muß ich euch leider enttäuschen, aber Umbra haben selbst für das Jubiläumskonzert keine Ausnahme gemacht und den über so viele Jahre zum festen Bestandteil gewordenen Muschilecker endgültig aus dem Programm geschmissen. Stattdessen albert Mozart während des Solos mit Eric Burton herum, der sich zum Ende nochmal auf der Bühne hat blicken lassen.. Sei es drum: Freund Rollstuhlfahrer bekommt jedenfalls prompt ein Mikrophon in die Hand gedrückt und darf zusammen mit Lutz den Chorus ordentlich mitgrowlen. Den Abschluß bildet das ernste „Depressionen“, das jedoch nicht so ganz in diesen feierlichen Rahmen zu passen scheint. „Rock me Amadeus“ wäre daher die bessere Wahl für das Konzertfinale gewesen – wie man es halt von Umbra gewohnt ist, egal ob nun mit Hardcore-Show oder ohne. Im Abspann der Rock-DVD werden alle Gästenamen aufgelistet, die sich an diesem denkwürdigen Tage haben eintragen lassen. Auch das halten wir für eine noble Geste Seitens Umbra et Imagos und sorgt für eine weitere Steigerung des Fanfaktors dieser Veröffentlichung.

Beide Konzerte werden in High Definition präsentiert, sodaß leider die Kapazität der DVDs erschöpft war und kein Platz mehr für das produzierte Bonusmaterial hergab. Die Specials (unter anderem ein Interview mit Pornofilmlegende John Thompson) wurden jedoch nicht für die Tonne abgedreht, sondern sollen 2012 auf der EP zu „The Final Last Dream“ nachträglich veröffentlicht werden.

Apropos neues Songmaterial: auf einer der beiden Audio-CDs servieren uns Umbra et Imago zunächst die Zarah Leander Coverversion von „Davon geht die Welt nicht unter“, dessen Maxi-CD wie gesagt bereits zum WGT ausgeliefert wurde. Darüber hinaus gibt es mit „Herzblut“ und „Agnos“ noch zwei völlig neue Stücke, die von Matze und Mozart produziert worden sind. Die neuen Tracks sind extrem rockig ausgefallen. Die Vermutung liegt daher nahe, daß die Mitwirkung von Freddy Stütze daran nicht ganz unschuldig ist.
„Herzblut“ ist ein Appell an die Szene, auf den Verfall der Gothic-Subkultur Acht zu geben, die immer mehr dem Mainstream, der Gleichschaltung, der Konsumgesellschaft zum Opfer zu fallen scheint. Zeilen wie „Vampire, [...] ich brauch Herzblut“ oder „Unter uns, da weilen die Vampire – doch sind sie nicht von unserem Stamm“ sprechen eine deutliche Sprache, worüber sich das Gothic-Urgestein Mozart besorgt zeigt. Von Freiheit und Verdruss ist hier die Rede.
„Agnos“ hingegen ist ein reinrassiger Gothic Metal Track und gehört mit zu dem Härtesten, was Umbra et Imago je verzapft haben. Ein wenig schade ist lediglich, daß auf keinem der neuen Stücke die zarte Stimme von Nanne zu hören ist, was angesichts der rohen Härte allerdings auch nicht unebdingt passen würde. Wir dürfen gespannt sein, wie sie die Musik der Karlsruher in Zukunft entwickeln wird.

Die zweite Audio-CD tischt uns 13 Live-Aufnahmen auf, von denen sechs vom Akustik-Set und sieben Stücke vom Rockkonzert entnommen worden sind. Die Tracklist dazu könnt ihr am Ende dieser Rezension nachlesen.

Unterm Strich bleibt also eine spannende Doppel Live DVD/CD, auf welcher das ob der relativ überschaubaren Location sehr intime Konzerterlebnis in perfekter Bild- und Tonqualität festgehalten wurde und man die Atmosphäre zielsicher einzufangen wußte. Aus technischer Sicht ziehen wir also unseren Hut. Lediglich die Wahl der Setlist hätte ein wenig abwechslungsreicher gestaltet werden können. Für Fans ist „20“ dennoch ohne Zweifel ein ideales Weihnachtsgeschenk, welches in insgesamt drei Varianten zu erwerben gibt:

  • Die Basis-Version (2 DVDs)
  • Die Limited Edition (2 DVDs + 2 CDs)
  • Die Deluxe Edition (2 DVDs + 2 CDs gehalten in einer Schmuckbox, die folgende Gimmicks beinhaltet: Lasergravierter Metall-Kugelschreiber in einem Etui, Schlüsselband, Taschenspiegel mit Aufdruck, Schlüsselanhänger, XXL-Aufkleber [100 x 210 mm], XXL-Autogrammkarte [145 x 210 mm])

Umbra et Imago-DVDs stehen grundsätzlich für eine hohe Bild- und Tonqualität. Mit „20“ machen die Karlsruher dabei keine Ausnahme. Vor allen in den Bereichen Schnitttechnik und Mastering ging Regisseur Gregor Skowronek vom Trash-TV Team einmal mehr vorbildlich zu Werke. Zwar fielen die extra für diese Produktion gefilmten Interviews der Kapazitäts-Schere zum Opfer, was angesichtes der Qualität in HD jedoch zu verschmerzen ist. Wer damit leben kann, daß Umbra et Imago die Erotikattitüde an den Nagel gehängt haben und einige Dekolletés im Publikum mehr offenbaren als die Protagonisten auf der Bühne, ist mit der Limited oder der Deluxe Edition von „20“ bestens bedient. Also ab damit unter den Weihnachtsbaum!


Wertung DVD

Wertung CD


Trackliste DVD 1: Acoustic Set

  1. Märchenlied
  2. Jahr und Tag
  3. Kleine Schwester
  4. Mein Herz und meine Seele
  5. You are Poison for me
  6. Erotica
  7. Der freie Geist
  8. Vater
  9. Ein letztes Mal
  10. Wintertage

Anspieltipps

  1. Märchenlied
  2. Kleine Schwester
  3. Ein letztes Mal

Trackliste DVD 2: Rock Set

  1. Intro
  2. Liebeslied
  3. Perfect Baby
  4. House of the Rising Sun
  5. Gebet Nr. 1
  6. Ignoranz
  7. Goth Music
  8. Davon geht die Welt nicht unter
  9. Ode an die Musik
  10. The Final Last Dream
  11. Ohne dich
  12. Sonntagsandacht
  13. Alles Schwarz
  14. Rock me Amadeus
  15. Depressionen

Trackliste CD 1

  1. Herzblut
  2. Davon geht die Welt nicht unter
  3. Agnos

Trackliste CD 2 (Live)

  1. Märchenlied (Acoustic)
  2. You are Poison for me (Acoustic)
  3. Erotica (Acoustic)
  4. Vater (Acoustic)
  5. Ein letztes Mal (Acoustic)
  6. Wintertage (Acoustic)
  7. Liebeslied
  8. Perfect Baby
  9. House of the Rising Sun
  10. Gebet Nr. 1
  11. Ignoranz
  12. Goth Music
  13. Ode an die Musik

Anspieltipps

  1. Perfect Baby
  2. Sonntagsandacht
  3. Alles Schwarz

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