Steve Naghavi hatte kein leichtes Jahr 2011. Sein als „Tanzomat“ getauftes langersehntes letztes Album war eine Mogelpackung. Zum Tanzen waren hier nicht einmal eine Handvoll Songs geeignet, vielmehr zum Sinnieren und Nachdenken. Die Support-Tour mit Unheilig wurde abgebrochen, als Steve erkannte, daß er trotz seines Zieles, endlich reich und berühmt zu werden, sich nicht für dumm und unter Wert verkaufen wollte. Als er registrierte, daß sich das neue Unheilig-Publikum nicht sonderlich begeistert zeigte, während sich Steve den Arsch absang und -tanzte, zog er die Konsequenzen, schmiß hin und führte die Tour nicht zu Ende. Hinzu kam der Unmut, der sich innerhalb der Kapelle abzeichnete. Chris Ruiz und Gio van Oli wollten mehr im Rampenlicht stehen und nicht nur die Playbackfraggles spielen – oder wie Steve es nennt – Live-Keyboarder. Was folgte war ein Kilometer langer, sehr persönlicher Brief von Steve an die Fans, indem er sich den ganzen Frust von der Seele schrieb, nachdem sich Chris und Oli von Steve trennten und PAKT gründeten. Die Synthpop-Institution AND ONE stand kurze Zeit ziemlich mit leeren Händen da. Doch dann konnte Naghavi die beiden alten Mitstreiter Rick Schah und Joke Jay reaktivieren, mit denen die Band zusammen mit De/Vision und Camouflage im Herbst auf Tour ging. Seitdem sind And One zurück. Zurück zu Hause – und so tauften sie passenderweise auch ihre neue Maxi: „Back Home“, wie der Konzertbesucher bereits an Hand des Bühnenbild-Banners auf der „Sextron“-Tour erahnen konnte.
Die neue Single ist eigentlich weitaus mehr als das, denn eine Spielzeit von 38 Minuten wird für gewöhnlich als EP verkauft. Vom Preis-/Leistungsverhältnis her ist das Teil also wirklich eine attraktive Sache. Und sogar das Coverartwork, welches das Metalhammer-Logo vor „der Küste von Berlin“ erkennen läßt, zaubert dem And One-Fan ein entzückendes Lächeln auf die Lippen. Alles gut und schön, aber was ist denn nun mit der Mucke der wieder zusammen gefundenen Soundtüftler?
Der Titeltrack „Back Home“ ist gleich in drei Versionen auf der CD enthalten. Es ist nicht zu überhören, daß Naghavi einmal mehr seinen großen Vorbildern nacheifert, klingt der Song doch gleich nach Einsatz der anfänglichen Sirene von der Melodie her deutlich hörbar nach Depeche Modes „Personal Jesus“, das mit einem typischen And One-Titel zusammengerührt wurde. Wat´n Zufall, daß And One ab April auf „Cover for the Masses“-Tour gehen, wo sie 50% DM-Songs und 50% And One-Material spielen werden. Inhaltlich mal wieder mit augenzwinkernden Seitenhieben bestückt (u.a. spielt die Nummer vom 2011er Höhenflug an), vermag „Back Home“ trotzdem irgendwie nicht richtig zu zünden. Das Songwriting kommt einfach nicht von der Stelle, die Nummer plätschert vor sich hin, ohne daß sie uns wie gefesselt in den Sessel drückt und sabbernd nach mehr schmachten läßt. Zwar überrascht der „Club Mix“ durch eine weibliche Duettstimme (Sophia Lengert), aber das war es dann auch schon. Daran ändern auch die beiden Remixes von Daniel Myer und And One Live-Keyboarder Nummer 3 Nico Wieditz nicht sonderlich viel, wobei die Versionen von Wieditz (namens „Mixed Conditioner“) und Myer („Berlin Mix“) dem „Club Mix“ keinesfalls unterlegen sind. Daniel Myers Version kristallisiert sich sogar als die mit dem angemessensten Gesamtergebnis heraus.
Wesentlich stimmungsvoller kriecht „Wounds“ um die Ecke. „Wounds“ könnte man als typischen B-Seiten-Song bezeichnen, der niemandem wehtut (merkwürdig, bei dem Titel), aber auch nicht hängenbleibt. Der Titel wurde bereits auf der Tour gespielt und ging mehr oder weniger unter. Von der Stimmung her bewegt sich das Stück in ruhigen „Tanzomat“-Gefilden und kommt deshalb über ordentlichen Durchschnitt nicht hinaus.
Bei „Rick“ kommt Keyboarder Rick Schah zu Ehren. Die Melodie klingt im ersten Moment irgendwie nach einem nostalgischen Synthie-Score aus einem alten 80er Jahre Klamauk-Schinken eines Otto Waalkes oder Didi Hallervoordens. Liebliche Sounds, Steves typische ironische Lyrics, ein eingängiger Refrain und schließlich der persönliche Charakter eines der Bandmitglieder könnte dazu führen, daß sich die Nummer live zu einer Partyhymne entwickeln könnte. Man wird sehen, jedenfalls ist das charmante „Rick“ die poppigste Nummer auf „Back Home“.
„High“ ist eigentlich kein besonders großer And One Titel, aber die Darbietung in der Gebläsehalle in Peine, genauer gesagt in Groß-Ilsede, war eines der Highlights, da hier Joke Jay den Part des Sängers übernehmen durfte. Daher ist diese Live-Version eher etwas für die Raritätenkiste und all diejenigen, die an diesem denkwürdigen Konzertfinalabend in Niedersachsen am 3. Dezember 2011 mit dabei gewesen sind.
Der „Missing Track“ klingt durch seine Gitarrensounds und der ruhigen Grundstimmung freilich sehr nach The Cure. „Wie bitte?“, fragt ihr euch? Gitarrensounds? The Cure? Hä?! Der Song stellt tatsächlich etwas ganz Besonderes im And One´schen Oeuvre dar, denn etwas ähnlich Gelagertes aus dem Hause Naghavi fällt dem Schreiberling gerade bei bestem Willen nicht ein. Wahrscheinlich zu gewagt für ein Albumtrack und deshalb gut auf dieser Veröffentlichung aufgehoben. Damit entgegnen And One den ewigen Nörglern, die der Synthpop-Band vorwerfen, sich soundmäßig seit Jahren nur selbst zu kopieren. Warum also nicht?
Als Hidden Track haben And One für ihre Hörer noch ihre „Letzte Warnung“ parat. Dabei handelt es sich nicht um einen Song im eigentlichen Sinn, sondern eher um eine Soundcollage mit dunkel eingesprochenen Sprachfetzen, die durchaus Raum für Interpretationen zuläßt. Also schaltet nach dem letzten Track nicht gleich die Anlage aus, sondern bleibt noch etwas am Ball.
Was also können And One anno 2012 nach der Reunion und dem Aufschwung seit Herbst letzten Jahres? Das ist noch schwer zu sagen, da der „Club Mix“ des Titeltracks leider im Vergleich zum „Berlin Mix“ deutlich den Kürzeren zieht und somit wahrscheinlich eher für Naghavi selbst von Wichtigkeit aufgrund seiner Entstehungsgeschichte und dem Songtext ist, als daß er sich langfristig in die Herzen der Fans spielen wird. Apropos Fans: Volle Punktzahl gibt es allerdings in der Kategorie Fanfaktor, da „Back Home“ und „Rick“ inhaltlich sehr persönliche Titel sind (auch wenn im Falle von „Rick“ nicht bierernst zu nehmen) und mit „High“ eine Live-Version zu hören ist, auf dem Steve auch Joke Jay Platz zur Entfaltung auf dem Silberling bietet. Hm… von sieben Tracks beschäftigen sich quasi zwei davon mit den übrigen Bandmitgliedern… ob das schon bis zu PAKT durchgedrungen ist? ;-) Hinzu gesellt sich ein Hidden Track und ein wunderschönes Covermotiv.
Lassen wir all die emotionalen Geschichten jedoch außen vor, so müssen wir leider feststellen, daß auch „Back Home“ nicht der ganz große Wurf geworden ist, den man sich nach der enttäuschenden „Tanzomat“ erhofft hatte. Aber wer weiß… vielleicht war das ja auch nur eine „Letzte Warnung“, bevor And One uns das „S.T.O.P.“-Schild vor die Nase halten. Bis dahin freuen wir uns auf die „Cover for the Masses“-Shows, die die Berliner mit niemand anderem als Covenant und Welle: Erdball zusammen bestreiten werden. Für Fans ist diese Single ein absolutes Muß, alle anderen warten besser aufs Album.
„Back Home“ ist für mich leider nur eine durchschnittliche Single/Maxi/EP oder sonstwas von And One geworden. Na klar freue ich mich auf die Live-Version aus Peine und den Mut, mal endlich mit neuen Sounds zu experimentieren („Missing Track“), aber Luftsprünge mache ich nach mehrfachem Durchhören der „Back Home“ trotzdem nicht. „Tanzomat“, „Zerstörer“, „Back Home“. Die letzten drei Releases konnten die Erwartungen allesamt nicht erfüllen. Bleibt uns jetzt nur die Daumen zu drücken, daß And One mit „S.T.O.P.“ endlich mal wieder zu alter Stärke zurückfinden.
Wertung
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Trackliste
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Anspieltipps
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Tourdaten
- 10.04.12 | Hamburg | Markthalle
- 21.04.12 | Leipzig | Haus Auensee
- 28.04.12 | Dresden | Alter Schlachthof
- 05.05.12 | München | Backstage
- 12.05.12 | Berlin | Columbiahalle
- 18.05.12 | Hannover | Capitol










