Für Freunde hochwertiger Electro-Mucke fängt 2012 defintiv gut an, schließlich steht mit der SEPTIC X ab Ende Januar eine weitere Ausgabe einer Compilationreihe im Handel, die unter Geschmacksmenschen einen extrem guten Ruf genießt – wie kaum andere, regelmäßig erscheinende Musikzusammenstellung. Natürlich ist es so, dass auch auf der aktuellen Septic der Künstlerkader von Dependent gefeiert wird – zu Recht. Aber, und das ist der besondere Reiz dieser Zusammenstellung: dies passiert ausschließlich in Forum von exklusiven Remixen und unveröffentlichten bzw. erstmals auf CD erhältlichen Songs. Darüber hinaus fördern die Macher auch immer wieder spannende Newcomer zu Tage. Was die Septic dieses Jahres also zu bieten hat, das schauen wir uns doch mal an.

Skold – Suck (Down On Your Knees Front Line Assembly Remix)

Tim Skolds Rückkehr als Solokünstler nach immerhin 15 Jahren, die er als Soundveredler anderer Musiker verbrachte, war für uns klar eine DER Überraschungen des letzten Jahres. Sein unverkennbarer Sound ließ “Anomie” zu einem aufregenden Trip für jeden Freund alternativer Rockmusik werden. Unsere Auszeichnung zum Album des Jahres war mehr als verdient. Einer der stärksten Songs, das auch als Single ausgekoppelte “Suck” kommt hier in der Verarbeitung durch Front Line Assembly daher, die dem Song das Tempo genommen, dafür aber in ein düsteres, elektronisches Korsett gesteckt haben, Pianospiel, ausschweifende Synthiepassagen und hintergründige Soundartefakte inklusive. Passiert selten genug, aber dieser Remix konkurriert sehr meisterlich mit dem Original – und lässt es eigentlich sogar hinter sich im Staub stehen. Ganz großes Kino!

Patenbrigade: Wolff – Maurerradio (Extended Version)

Die Patenbrigade haben wir ja Ende letzten Jahres erst in unserer Wohnzimmerverlängerung, der Meier Music Hall in Braunschweig, live bewundern können. Der Auftritt der Patenbrigade geriet dabei zu so einer überzeugenden Vorstellung, dass die Herrschaften zu einem definitiven Grund geworden sind, zu Konzerten/Festivals mit der P:W in Spielplan zu zittern. Daher freut es den Autor dieser Zeilen natürlich sehr, dass das Maurerradio auch auf der Septic Einzug gehalten hat. Wer die bisherige, normale Fassung des Songs kennt, wird sich nicht groß umgewöhnen müssen, kann sich aber über knapp anderthalb Minuten Spielzeit mehr freuen.

RadicalG – Lucifer (Long Version)

Ok, der Bandname weckt Assoziationen an eine Hip-Hop-Gestalt und der Titel des Songs lässt mich an Blutengel oder Blue System denken. Erfreulicherweise haben wir es hier weder mit dem einen noch mit dem anderen zu tun. Stattdessen zeigt sich hier einmal mehr, warum die Septic-Reihe unter aufgeschlossenen, neugierigen Musikfreunden so einen guten Ruf genießt. Hier wurde vielversprechender Newcomer gefunden. “Lucifer” gefällt durch vergleichsweise minimalistische Ausgestaltung, einen wunderbar stampfenden Beat und dezente Spielereien, die das Hören in den heimischen vier Wänden zu einem spannenden Erlebnis machen. Ansonsten aber gehört dieser Song in die Clubs. Beat und Rhythmus verlangen einfach danach, Finsterlingpartys zu veredeln.

KMFDM – Go To Hell (Cervello Elettronico Remix)

Ich schätze, wir brauchen gar nicht weiter darüber zu diskutieren – was KMFDM auf die Beine stellen, ist soundtechnisch einfach nur fett. Und so verwundert es auch kaum, dass diese Version von “Go To Hell” von allen auf dieser Compilation versammelten Tracks quasi der mit der dicksten Hose ist. Bässe, die so tief gehen, dass sie als Schallmassage eigentlich schon verschreibungspflichtig sein müssten. Und zu dem dumpfen, elektronischen Gestampfe der gewohnte Einsatz der E-Gitarren. Insgesamt erinnert der Song entfernt an Depeche Modes “Personal Jesus”. Kennt Ihr Euch noch diese Whiskey-Werbung von vor ein paar Jahren, in der sich das klassische Rauhbein darüber mokierte, nicht den bestellten Bourbon bekommen zu haben? So eine vor den Kopf stoßende Leck-mich-doch-Attitüde ließe sich mit diesem Track ganz hervorragend musikalisch untermalen.

Edge Of Dawn – Red Bank

Eigentlich ist ja schon die Tatsache, dass die “Septic X” mit neuem Material von Edge Of Dawn daherkommt, Kaufgrund genug. Kühl und sehr analog wirkt das Klangbild des Duos Spinath und Schumacher, mit gewohnter, dezent verfremdeter Stimme unseres Lieblingspsychologieprofessors (Spinath), welcher die eingängigen Melodien seines Musikpartners mit Leben erfüllt. Möglicherweise nicht der stärkste Song aus dem Hause Edge Of Dawn, dennoch geht er gut ins Ohr. Eben alles so wie man es gewohnt ist und erwartet.

Dismantled – Disease (VF Remix)

Mit seinem letzten Dismantled-Album “The War Inside Me” lieferte Gary Zon im Sommer des letzten Jahres ein deftiges, sperriges und schwer zugängliches Album ab, das nicht mal eben so nebenbei gehört werden kann. Die Reaktionen auf diese akustische Apokalypse waren durchwachsen. Wer nun aber fürchtet, der Knüppel würde auch auf der “Septic X” geschwungen werden, kann aufatmen. “Disease” war ja schon auf dem Album eines der leichter zu verdaunden Stücke. Auch der VF Remix, extra angefertigt für Vampire Freaks, ist gut konsumierbar und fast schon im FuturePop-Bereich anzusiedeln. Wie gesagt: geht gut ins Ohr und wird wohl jeden besänftigen, für den Dismantled vor allem für Songs wie “Exit” (Post Nuclear) oder “What A Tragedy” (When I’m Dead) steht.

Acretongue – Oblivion (Abeyance)

Mit “Strange Cargo” erreichte uns eine der größten Überraschungen im elektronischen Bereich des letzten Jahres überhaupt. Das südafrikanische Projekt von Nico J hat sich aus dem Stand weg auf einen der obersten Plätze in der Top-Alben-2011-Auswertung katapultiert. Und wer “Strange Cargo” einmal gehört hat, wird bestätigen können, dass man sich dem hypnotischen Reiz dieser vergleichsweise ruhigen Electro-Mucke nur schwer entziehen kann. Das Stück “Oblivion”, eh schon eine der clubtauglichsten Nummern auf “Strange Cargo”, kommt hier in einer alternativen Version daher. Mit deutlich mehr Bumms und somit viel mehr Feuer unter dem Hintern soll Acretongue offensichtlich Clubrotation beschert werden. Hoffen wir, dass dieses Kalkül aufgeht. Actrongue muss gehört werden!

Imperative Reaction – Side Effect (Club Version)

Als Imperative Reactions selbstbetiteltes Album in den letzten Tagen des Sommers 2011 erschien, bestätigten wir Band und Album, es gleiche einem Tanz auf einem Vulkan und dass die Herrschaften bereit zur Eruption seien. Von der unbändigen Dynamik und der puren Energie der Amerikaner kann man sich mit dieser Club-Variante von “Side Effect” einen sehr guten Eindruck verschaffen. Ehrlich Freunde, wer sich zu diesem Stück nicht bewegt zittert nicht mal mehr, wenn man betreffende Person mit Elektroschocks stimuliert.

Volt 9000 – How To Start A War (Original Version)

Es ist sehr begrüßenswert, dass in der Playlist so einer septischen Musikzusammenstellung auch immer wieder junge Künstler die Aufmerksamkeit des Hörers in Anspruch nehmen dürfen. So wie zum Beispiel Volt 9000 mit dem vorliegenden “How To Start A War”, das ein extrem abgefahrener Vertreter des Electroclash ist. Punkig, trotzig-rotzig in den Strophen, balladesk und mitreißend im Refrain. Coole Nummer. Den Werdegang von Volt 9000 zu beobachten dürfte spannend werden. Zumal: Volt 9000 kommt aus Toronto, Kanada. Und wie gut kanadische Electro-/Industrialmucke sein kann, hat sich inzwischen sicherlich hinreichend herumgesprochen.

Legacy Of Music – Tragedy (feat. Mesh)

Jetzt wird es aber kuschelig hier. Dieser Beitrag hier wird sich am Ende des Jahres, wenn es darum geht, die schönste Ballade zu küren, sicherlich auf etlichen Listen wiederfinden. Pianogeschwängertes, elektronisches Liedgut und Mesh dazu – was mehr braucht es für einen guten Song? Eben. Die Lizenz zum Träumen wird übrigens serienmäßig jeder verkauften CD beigepackt.

Angels On Acid – Epitaph (V2)

Ok, ganz so romantisch wie beim vorhergehenden Stück geht es hier nicht zur Sache, dennoch verleitet auch dieses düstere, schwere und behäbige Liedchen zu Kopfkino. Die zweite Version von “Epitaph” ist eines der Lieder, bei der sich der Hörgenuß via Kopfhörer empfiehlt. Zum einen, weil es die Außenwelt so wunderbar abschirmt und man sich ganz dem düsteren Klangkosmos hingeben kann, zum anderen weil es in genau diesem so viel zu erhören gibt. Geheimtipp, ganz klar!

Ghost & Writer – Gambit (Septic Version)

Und noch eine Truppe aus dem Hause Dependent, deren Album (“Shipwrecks”) uns so gut gefallen hat, dass wir es in der Jahresendauswertung mit auf den Podest gehoben haben. Und nun präsentieren Jimmyjoe Snark III und Frank Spinath hier ebenfalls neues Material. Den guten Eindruck, den sie mit ihrem Debütalbum hinterließen, wird hier sehr deutlich untermauert. Eingängiger Electro-Pop, der vor allem nach einem schmeckt: mehr! Von Ghost & Writer ist definitiv noch einiges zu erwarten, “Gambit” ist eine extrem schnuckelige Möglichkeit zur Wartezeitverkürzung.

Diskonnekted – Yesteryears (Septic Edit)

Ok, um es kurz und schmerzlos zu machen: diese schwelgerische Electro-Ballade ist mein klarer Favorit auf der diesjährigen Septic Compilation. Ein endlos schöner Song mit fast schon verschwenderischer Detailverliebtheit in der klanglichen Ausgestaltung. Und dann diese melancholisch-träumerische Stimmung – das schreit einfach nach Wiedergabe in Dauerschleife. Oh und nach Zugabe, selbstverständlich.

System Syn – Absence

Es ist ein Jammer: das vorletzte System Syn Album, “Strangers”, wurde dank Dependent noch in Deutschland vertrieben, nachdem die Vertriebsrechte von Out Of Line zu Dependent übertragen wurden. Dummerweise finden sich für die unterkühlte, tendenziell eher minimaliste Elektrokost aus dem Hause des Multitalents Clint Carney offenbar nicht genug Hörer in unseren Gefilden. Was zur Folge hat, dass das aktuelle Album “All Seasons Pass” keinen offiziellen Release in Deutschland erlebt hat. So lässt sich die Bekanntheit dieses hörenswerten Electro-Projekts natürlich nicht steigern. Wenigstens springt man mittels der Septic hier in die Bresche und präsentiert einen Appetithappen eines gelungenen Albums mit einem dramatischen, realen Hintergrund.

Mindless Faith – Next To Last

Von den Herrschaften von Mindless Faith hat man ja auch schon ein paar Tage nichts mehr gehört. “Medication For The Misinformed” datiert immerhin auch schon auf das Jahr 2007 zurück. Mit “Next To Last” präsentiert man hier einen Vorgeschmack auf das 2012er Album “Just Defy” und jeder, der mit dieser besonderen Mischung aus treibenden Electro-Beats und harten Gitarrenriffs, wie sie beispielsweise auch die Kollegen von KMFDM bevorzugt machen, etwas anfangen kann, wird bei dieser Nummer vergnüglich mit der Zunge schnalzen. Wenn doch nur jede Rückmeldung so überzeugend wäre.

Crash Course In Science – No More Hollow Doors

Zum Abschluss und Ausklang der “Septic X” wird es noch einmal etwas electroclashig. Mag die diesjährige Ausgabe der Samplerreihe eher mit ruhigen Tönen begonnen haben, so ist es ganz offensichtlich, dass man uns zum Abschied noch einmal auf die Tanzfläche locken möchte. Ich bin guter Dinge, dass das klappt. Crash Course In Science gehört ebenfalls zu den Acts, die bisher vermutlich die meisten noch nicht auf dem Schirm haben. 1979 mit der ersten Veröffentlichung an den Start gegangen und seitdem nicht durch übermäßig viele Releases aufgefallen – da kann schon mal was hinten runter fallen. Horizonterweiterung powered by Septic. “No More Hollow Doors” jedenfalls riecht nach Frittenbude. Oder eben andersherum.

Was gibt es abschließend über “Septic X” zu sagen? Das gleiche, was sich seit Jahren über diese Reihe sagen lässt: außen Top Hits. Innen Geschmack. “Septic X” ist genau wie die Vorgänger ein klarer Pflichtkauf!

Seit 12 Jahren gibt es die Septic Reihe inzwischen, zuletzt in jährlichem Rhythmus veröffentlicht. Und jedes Mal galt: wer sich für hochwertige Musik vor allem elektronischer Machart begeistern kann, kam an der jeweiligen Septic nicht vorbei. 2012 ist das keine Spur anders. Auch in diesem Jahr servieren uns die Herrschaften von Dependent ein musikalisches Schmankerl der Extraklasse. Die Remixe bzw. unveröffentlichten Stücke auf der “Septic x” können sich durchweg allesamt hören lassen. Bleibt nur zu hoffen, dass sich die im Booklet abgedruckten, prophetischen Worte von Labelboss Stefan Herwig, es handele sich hierbei möglicherweise um die letzte Septic, nicht bewahrheiten. Dafür macht diese durch Dependent verabreichte Infektion einfach zu viel Spaß!


Wertung

Klang Artwork Gesamt

Trackliste

  1. Skold – Suck (Down On Your Knees Front Line Assembly Remix)
  2. Patenbrigade: Wolff – Maurerradio (Extended Version)
  3. Radical G – Lucifer (Long Version)
  4. KMFDM – Go To Hell (Cervello Elettronico Remix)
  5. Edge Of Dawn – Red Bank
  6. Dismantled – Disease (VF Remix)
  7. Acretongue – Oblivion (Abeyance)
  8. Imperative Reaction – Side Effect (Club Version)
  9. Volt 9000 – How To Start A War (Original Version)
  10. Legacy Of Music – Tragedy (feat. Mesh)
  11. Angels On Acid – Epitaph (V2)
  12. Ghost & Writer – Gambit (Septic Version)
  13. Diskonnekted – Yesteryears (Septic Edit)
  14. System Syn – Absence
  15. Mindless Faith – Next To Last (Septic Mix)
  16. Crash Course In Science – No More Hollow Doors

Anspieltipps

  1. Skold – Suck (Down On Your Knees Front Line Assembly Remix)
  2. Acretongue – Oblivion (Abeyance)
  3. Volt 9000 – How To Start A War (Original Version)
  4. Angels On Acid – Epitaph (V2)
  5. Ghost & Writer – Gambit (Septic Version)
  6. Diskonnekted – Yesteryears (Septic Edit)

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