Blutengel - Schwarzes EisBegleitet von einigem werbetechnischem Aufwand (Stichwort: großformatige Plakatwerbung in vielen deutschen Städten) ist am letzten Freitag das neue BLUTENGEL Album “Schwarzes Eis” erschienen. Und wie immer, wenn Herr Pohl und seine Damen rufen, gibt es hier wenigstens einen, der folgsam los tigert und sich die jüngsten musikalischen Ergüsse zu Gemüte führt. So auch diesmal. Auch diesmal mit wachsender Begeisterung? Na schaun mer mal.

Inzwischen sind doch tatsächlich schon 10 Jahre vergangen, seit die Berliner Electro-Formation ihr erstes Album veröffentlichte. Ein Umstand, der die potentielle Hörerschaft in zwei Lager spaltet: Während eine Gruppe ihre albernen Ressentiments der Band gegenüber mit Eifer pflegt und das Schaffen selbiger von einem sinnlosen Personenkult im negativen Sinne getrieben ablehnt, erfreut sich die andere über die in schöner Regelmäßigkeit erscheinenden neuen Veröffentlichungen. Nun sind ja 10 Jahre musikalischer Bandgeschichte theoretisch eine gute Möglichkeit, eine Werkschau in Form einer mehr oder weniger liebevoller Best-Of Zusammenstellung auf die Hörerschaft loszulassen. Man könnte es aber auch so machen wie die Damen & Herren Blutengel, die stattdessen ein neues Album anstelle wieder aufgewärmter Kamellen präsentieren – und trotzdem einen dezenten Rückblick auf die letzten 10 Jahre gewähren.

Womit wir im Prinzip auch schon beim Kern der Sache angelangt wären: dem Sound. Es gibt genug Songs auf “Schwarzes Eis”, die wie Songs aus vergangen Tagen klingen. Oder, besser: Erinnerungen an selbige wecken und vielmehr eine Art Fortsetzungscharakter haben. Beinahe so, als wenn Herr Pohl zu diesem oder jenem Song verganger Tage noch etwas hinzuzufügen gehabt hätte. Ein gutes Beispiel dafür ist da “The Only One”, das wie ein direkter Anschluss an “Die With You” daher kommt. Trotzdem serviert man uns hier keine wiederaufgewärmte Suppe von vorgestern. Erfrischend neu und sehr gereift klingt das alles und dennoch lässt sich der typische Blutengel Sound in jedem Lied erkennen. Chris Pohl weiß anscheinend ziemlich genau, was seine Fans von ihm erwarten. Akustisch und inhaltlich eindeutig erwachsener geworden, bleibt er dennoch dem Konzept, dem Blutengel zugrunde liegt, treu. Will sagen: Natürlich haben wir auch hier die obligatorischen, vor Kitsch oder Klischee triefenden Songs (“Schneekönigin”, “Kind der Nacht”), die Blutengel-Hasser in ihren schwachsinnigen Vorurteilen bestätigen werden. Wobei.. manchmal frage ich mich, ob da nicht manchmal auch ein dezenter Mittelfinger seitens Herrn Pohls an all jene mitschwingt bei diesen Stücken. Egal, sei es wie es sei. Dann gibt es natürlich auch wieder Songs, bei denen Blutengel eher auf die Tanzflächen abzielen. “My Nightmare” sei hier stellvertretend genannt. Klingt übrigens auch wie Fortsetzung/Nachfolger, diesmal allerdings zu “Love Killer” von der Demon Kiss. Oder auch das vorab als Single ausgekoppelte “Dancing In The Light”, das im Kontext des restlichen Albums zumindest mir gleich deutlich besser gefällt.
Es geht aber auch anders: Allein schon der Opener, “Behind The Mirror”, überraschrt: eine reichlich langsame und reichlich ruhige Nummer ist das, die ihre melancholische Stimmungsmache durch synthetische Choreffekte unterstreicht. Bereits diese Nummer macht klar, dass Blutengel sich durchaus weiterentwickelt, dabei aber ihre Wurzeln und ihre Verpflichtung dem Konzept und den Fans gegenüber nicht aus den Augen verloren haben. Sehr hübsch auch “The Dream”, bei dem Goldkehlchen Uli im Duett mit Chris einmal mehr ihr Talent unter Beweis stellt. Großartige Nummer! Apropos großartig: Highlight des Albums sind in meinen Augen ganz klar “My Darkest Night” und vor allem “Broken Girl”; letzteres hat jetzt schon einen Platz auf dem Treppchen für die schnuckeligste Electro-Pop-Nummer inne. Nicht unerwähnt bleiben soll an dieser Stelle auch die das Album abschließende Ballade “Nightfall”, bei der die Berliner einmal mehr zeigen, dass sie durchaus ein Händchen für gefällige Balladen haben. Wie einst bei “No Eternity” säuseln sich Chris und Constance durch einen sehr vom Pianospiel geprägte Schmachtfetzen, der das Album so enden lässt, wie es begonnen hat: überraschend ruhig, überraschend anders.

JermaineBelgardioMag auch “Schwarzes Eis” vielleicht nicht so experimentierfreudig ausgefallen sein wie noch das Vorgängeralbum, so zeigen sich die Blutengel hier dennoch von ihrer besten Seite. Auch wenn Chris seine Damen ein klein wenig zu Statisten verkommen lässt und auch angesichts der Tatsache, dass dieses Album mehr als alle Vorgänger erst aufmerksam “erhört” werden will, ehe der Funke richtig zündet. Dann aber eröffnet sich dem Hörer ein wunderbares Dark Electro-Pop Album, das diesmal in meinen Augen eher in der eigenen Stereo-Anlage zuhause ist als im Club. Wer sich nun wieder über die Inhalte mockieren will, sollte dabei nicht vergessen, in welcher Szene sich Blutengel bewegen und auf welches Publikum sie bedienen. Und wer an diesem Kleinod vorbeigeht, nur weil er/sie/es Probleme damit hat, dass Herr Pohl drauf und drin ist, bekommt von mir höchstselbst die Scheuklappen um die Ohren gehauen.

Kurzum: Ich bin zufrieden – und freu mich auf die nächsten 10 Jahre. So nämlich.


Wertung

Inhalt Gesang Klang Fan-Faktor Artwork Gesamt

Trackliste

  1. Behind The Mirror
  2. Kind der Nacht
  3. City Lights
  4. My Nightmare
  5. Pure Life
  6. The Only One
  7. Dancing In The Light
  8. Schneekönigin
  9. My Darkest Night
  10. The Dream
  11. Dreh Dich nicht um
  12. Broken Girl
  13. Secret Places
  14. Schatten
  15. Nightfall

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  1. Mirror I: Birth
  2. Mirror II: Journey
  3. Mirror III: Confusion
  4. Mirror IV: Seduction
  5. Mirror V: Hope
  6. Mirror VI: Suffering

Anspieltipps

  1. Behind The Mirror
  2. Dreh Dich nicht um
  3. Broken Girl

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