Liebe Brüder und Schwestern, wir haben uns versammelt, da die Hohepriester der Church Of AGONOIZE uns vergangenen Freitag ihr neustes Manifest haben zukommen lassen, damit wir es lieben und ehren, bis das uns das nächste Schaffenskind von diesem scheidet. Auch auf die Gefahr hin, im folgenden eventuell blasphemische Handlungen zu begehen, so wurde das aktuelle Werk mit dem .. nun.. etwas sperrigen Titel “Hexakosioihexekontahexa” daraufhin geprüft, ob es nur ein weiteres Stück Knüppelelectro ist – oder vielleicht doch die neue Bibel für Freunde harscher Klangeskunst. Und vor allem C.O.A. Jünger natürlich.
Ich muss gestehen, schon im Vorfeld ein Stück weit blasphemisch gewesen zu sein. Angesichts der allenfalls mittelprächtigen “Bis das Blut gefriert” EP gingen Erwartungshaltung und Vorfreude auf das neue Album, das in der Limited Edition sogar mit 3 CDs aufwartet, etwas zurück. Ich fürchtete, dass Agonoize womöglich die Ideen ausgegangen sind und sie mich ähnlich enttäuschen könnten, wie so einige andere Acts aus dem weiten Feld der elektronischen Musik in diesem Jahr.
Daher freut es mich nun, an dieser Stelle Entwarnung zu geben. Die Bad Boys from Berlin enttäuschen eben nicht. Wer offenen Ohres und wachen Geistes dem neuen Album lauscht, wird jede Menge spannender Modifikationen am Sound der Band feststellen. Sie schustern hier (meist) anständig ballernde Songs zusammen, die ganz klar und sehr eindeutig nach Agonoize klingen – aber trotzdem eben nicht wie immer. Den eigenen Stil weiter zu entwickeln, ohne dabei auf der Stelle zu treten oder die Fans zu verprellen dürfte wohl eine der schwierigsten Aufgaben einer etablierten Band sein. Agonoize haben diese Aufgabe hier jedenfalls mit Bravour gemeistert.
Auch inhaltlich kann man eine Weiterentwicklung attestieren. Natürlich sind Agonoize in ihren Texten genauso subtil und zurückhaltend wie eh und je. Und natürlich widmen sie sich auch hier einmal mehr ihren Lieblingsthemen Religion (im wiederaufgewärmten “Legion” zum Beispiel, oder auch in “Rituale Romanum”), unliebsamen Personen (wenn auch der geschlechtlichen Gleichbehandlung wegen hier wohl diesmal ein Herr der Schöpfung ein akustisches Kantholz ins Gesicht geballert bekommt -> “Ohnetitel”, einer von vielen heißen Clubhitanwärtern übrigens. Vermutlich nicht zuletzt wegen des A-Wortes. Menschliche Triebe sind ja soo einfach zu befriedigen.) und fragwürdigen zwischenmenschlichen Beziehungen (“Vollrauschfetischist”, “Blut, Sex, Tod” oder dem ebenfalls reanimierten “Pornomagcenterfold”).
Aber auch ziemlich ernsten Themen wie Kindesmissbrauch (“Puppenmädchen”) oder menschlichen Allmachtsgefühlen (“Manmadegod”) wenden sich die Herren zu. Wie immer abwechselnd entweder in Deutsch oder Englisch vorgetragen. Wer nun aber immer noch behauptet, dunkler Electro – oder gar die Mucke von Agonoize – hätte keine Inhalte außer das gern zitierte F-Wort, der sollte sich vielleicht auch mal einer Mind Maker 2000 Behandlung unterziehen.
Mit “Hexakosioihexekontahexa” liefert die Church Of Agonoize also in der Tat ein neues Knüppelelectro-Manifest ab. C.O.A Jünger können “Sieben” jetzt also unter dem Kopfkissen hervorholen und gegen das neue Album eintauschen und anbeten. Und alle anderen bekommen ein schnuckeliges Stück Electro-Musik härterer Gangart, an dem es irgendwie nix herumzukritteln gibt.
Für mich gehören Agonoize ja schon lange zur Speerspitze ihres Genres und langsam aber sicher laufen sie selbst gestandensten Größen den Rang ab. Das Tolle an Agonoize Songs ist, dass sie man sie oftmals gleichermaßen im Club als auch zuhause genießen kann. Im Club kann man sich zu den treibenden Beats so richtig schön abreagieren, zuhause den Inhalten folgen. Von der faszinierenden Wirkung beim Autofahren fange ich gar nicht erst an… “Hexakosioihexekontahexa” jedenfalls mag einen albernen Namen haben, auf den Inhalt kommt es aber an. Und der gefällt! Für mich ist dieses Album das erhoffte volle Brett abwechslungsreicher, aggressiver Musik geworden. Bezugnehmend auf die Ausgangsfrage ist “Hexakosioihexekontahexa” also in der Tat die neue Bibel für C.O.A. Jünger. Amen und basta!
Wertung
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Trackliste
CD2:
Alarmstufe Rot:
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Anspieltipps
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