Krimis funktionieren oftmals so, dass der Leser Zeuge eines (mal mehr, mal weniger grausamen) Verbrechens wird. Anschließend machen sich ein, gerne auch zwei ermittelnde Figuren daran, dem Bösewicht nachzuspüren. Das ganze Geschehen verpackt in ein effekthascherisches Setting. Fertig ist ein Krimi oder Thriller nach dem Schema F. Kann man das nicht auch anders angehen? Der schwedische Autor STIEG LARSSON bewies mit “Verblendung”, dass es durchaus anders geht: Was nämlich, wenn es keine Leiche gibt? Und nicht mal ganz klar ist, ob überhaupt ein Verbrechen stattgefunden hat?
Manchmal kommt der Fall nach dem Höhenflug ganz schnell. Das muss auch der Wirtschaftsjournalist Mikael Blomkvist feststellen, nachdem er in seiner Zeitung eine Story veröffentlichte, für die ihm die handfesten Beweise als Grundlage für seine Behauptungen fehlten. Ende vom Lied: eine saftige Geldstrafe, 3 Monate Gefängnis und ein beschädigter Ruf. Just in dem Moment tritt der schwerreiche Industrielle Henrik Vanger in Mikaels Leben – mit einer sehr sonderbaren Bitte: Mikael soll nämlich eine Familienchronik des weit verzweigten Familienclans verfassen. Und damit herausfinden, wer aus dem Clan der Vangers Henriks Lieblingsnichte Harriet vor mehr als vierzig Jahren ermordet hat. Eine Leiche wurde zwar nie gefunden und auch wenn sämtliche Ermittlungen ergebnislos blieben, so glaubt Henrik Vanger doch nicht an das spontane Ausreissen eines Teenagers. Zumal: Seit ihrem Verschwinden bekommt Vanger Jahr für Jahr zum Geburtstag in Glas gerahmte, getrocknete Blüten. Ein Geschenk, das ihm Harriet immer machte. Und an seinem 82. Geburtstag beschließt Vanger, den Fall noch einmal aus einem anderen, neutralen Blickwinkel aufzurollen und engagiert den zunächst zögerlichen Blomkvist.
Blomkvist zur Seite steht die junge, rebellische Privatermittlerin Lisbeth Salander. Gleichermaßen hoch begabt wie unkonventionell lässt sie sich mit ihrem unfreiwilligen Partner auf eine Ermittlung ein, in deren Verlauf die beiden feststellen müssen, dass es manchmal doch besser ist, wenn man über dieses und jenes einfach nur noch den Mantel des Schweigens deckt…
Stieg Larsson ist mit “Verblendung” nicht weniger als ein Meisterwerk gelungen, das die Grenzen typischer Krimis weit hinter sich lässt. Es ist viel mehr ein spannender, vielschichtiger (Wirtschafts-)Krimi, eine Familiensaga, ein psychologisches Kammerspiel, gesellschaftskritisches Statement gegen diverse Zu- und Umstände in Schweden und noch so vieles mehr! Larsson entführt seine Leser in die bittere Kälte des schwedischen Winters (man meint, die Kälte förmlich aus den Buchseiten herauskriechen fühlen zu können!) und lässt sie dort ein unglaubliches, unvergleichliches Drama miterleben. Natürlich; das, was der armen Harriet zugestoßen ist (oder.. vielleicht auch nicht?) mag sich in der Vergangenheit abgespielt haben, aber Larssons großartiger Erzählstil macht Vergangenes und Gegenwärtiges auf unvergleichliche Weise sehr lebendig. Und wenn auch Verblendung anfangs (wenn auch interessant) in eher gemächlichem Tempo dahin plätschert, entwickelt der Roman recht schnell eine Sogwirkung, der man sich unmöglich entziehen kann. Zu genial konstruiert ist dafür die Verflechtung der Protagonisten in diesem Drama. Und zu sympathisch sind dafür die beiden “Helden” Blomkvist und Salander, die der leider bereits 2004 verstorbene Stieg Larsson hier erfunden hat. Die oftmals gebrachten Vergleiche mit Henning Mankel oder Hakan Nesser möchte ich hier nicht anbringen. “Verblendung” spielt in einer ganz eigenen Liga und braucht sich den Vergleich mit dem Wallander’schen Sitzfußball nicht gefallen zu lassen.
Wie bereits erwähnt, ist Stieg Larsson bereits im Jahre 2004 wegen eines Herzinfarkts der (Literatur-)Welt verloren gegangen. Mit “Verblendung” jedoch, dem Auftakt einer Trilogie, hat er sich aber ein Stück weit unsterblich gemacht. Oh und die schlaflosen Nächte oder die Augenringe am Morgen danach, von denen Leser dieses Buches immer wieder berichten – dieses Phänomen lässt sich durchaus an sich selbst beobachten… Fazit: Lesen! Marsch, marsch!
Wertung
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