Patrick Graham - Das Evangelium nach SatanIhr mögt Verschwörungstheorien, vorzugsweise dann, wenn als umschreibende Schlagworte Vatikan, Kirche, Jesus und Antichrist in ein und denselben Topf geworfen werden? Darüber hinaus stört es Euch nicht weiter, wenn Autoren in Sachen Gewaltdarstellung über die bloße Andeutung hinausgehen? Und Mystery-Geschichten fandet Ihr schon immer cool? Dann werft doch mal einen Blick auf “Das Evangelium nach Satan” von Patrick Graham. Da nämlich bekommt Ihr all das – und noch einiges mehr!

Mit seinem 600-Seiten Monster hat der Franzose ein Debüt abgeliefert, an dem sich die Geister mit Sicherheit scheiden werden. Graham erzählt hier die Geschichte der FBI Profilerin Maria Parks, welche die wenig beneidenswerte Gabe besitzt, den Tathergang aus der Sicht des Opfers zu sehen. Soweit, so unspektakulär, da schon gefühlte fuffzich Millionen Male da gewesen. Doch damit nicht genug: Maria ist nicht nur stumme Zeugin von unzähligen grausamen Gewaltverbrechen; nein, sie fühlt, empfindet und denkt wie das Opfer. Im Verlauf der Handlung verschmilzt sie nahezu mit den Leuten, deren Schicksal sie mittels ihrer Begabung ergründet.

Na wie auch immer: Maria Parks jedenfalls kann etwas, das die meisten Menschen nicht können – und kommt so einem Serienkiller auf die Spur, der es augenscheinlich auf Nonnen abgesehen hat. Mitnichten irgendwelchen Nonnen, sondern viel mehr Frauen, die dem Orden der Weltfernen Schwestern angehören. Einer höchstgeheimen Abzweigung der Nonnen, deren Mission es ist, sich mit geradezu blasphemischen Relikten, Schriften und ähnlichem zu befassen, zu erforschen und vor allem aber vor dem Rest der Menschheit zu verbergen. Und das durchaus aus gutem Grunde, denn eines der in ihrem Besitz befindlichen Objekte ist das sogenannte Satansevangelium, das besagt, das es nicht Jesus war, der seinerzeit am Kreuz gestorben ist, sondern Janus, des Satans Sohnemann. Und überhaupt sei ja alles, was die katholische Kirche seit über 2000 Jahren predigt und worauf der Glauben basiert, so gar nicht wahr und eine glatte Lüge. Kommt Euch irgendwie bekannt vor? Jo, macht aber nix, solcherlei Thesen sind im Thrillergenre gern genommen.

Maria jedenfalls kommt dem Nonnenmörder lebensgefährliche nahe – und muss dabei feststellen, dass der Schwesternschlächter zum einen nicht so ganz von dieser Welt stammen kann und zum anderen ein dringendes Interesse am Satansevangelium hat – denn da der amtierende Papst jüngst auf unnatürliche Weise ums Leben kam, ist die Zeit reif, die Welt ins absolute Chaos zu stürzen…….

Meine Fresse, was für ein starker Tobak! Zunächst wirkt Herrn Grahams Machwerk wie eine flotte Mischung aus “Cupido” und “Sakrileg” und ist bis etwa zur Hälfte auch unglaublich spannend und fesselnd. Danach allerdings scheint Graham ein wenig selbst den roten Faden verloren zu haben und ist stattdessen bemüht, sein Erstlingswerk irgendwie mit allem voll zu stopfen, was den Verschwörungsfans gefallen könnte. Da haben wir die FBI Profilerin, die fast schon Zeitreisen bewerkstelligen kann und – natürlich! – auch tote Menschen sieht. Dann haben wir Templer, Illuminaten, die Mafia, einen antichristlichen Geheimbund der den Vatikan übernehmen will und vermutlich auch den Teufel selbst – und das alles in einer kompakten, hoch komprimierten Story, die durchaus noch einmal 600 Seiten vertragen hätte, um nicht ganz so holprig zu wirken.

Das große Finale, oder besser: die Auflösung desselben dürfte wohl nur die wenigsten Leser befriedigt zurücklassen – auch wenn man wohl jeder mit so einem Abschluss rechnen dürfte angesichts des überbrodelnden Verschwörungsgebildes, das der Autor hier zwischen die Buchdeckel presst.

JermaineBelgardioNun ja, sei es, wie es sei: Auch wenn der Stil Herrn Grahams an manchen Ecken arg zu wünschen übrig lässt und die Flut an mysteriösen und/oder verschwörerischen Elementen mit fortschreitendem Verlauf der Handlung fast schon albern ist, so bietet “Das Evangelium nach Satan” dennoch (oder vielleicht auch gerade deshalb) sehr kurzweilige und trotz allem spannnende Leseunterhaltung. Allerdings: Mit den anfänglich genannten Vergleichen “Cupido” und “Sakrileg” hat es zum Schluss nicht nur wenig gemein, so richtig messen kann es sich damit auch nicht.


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