Assemblage 23 - CompassWenn eine Single als Vorbote auf ein kommendes Album einen guten bis sehr guten Eindruck hinterlässt, dann hat das oftmals gleich zwei Dinge zur Folge, die durchaus als widersprüchlich angesehen werden können: die Erwartungshaltung steigt. Und gleichzeitig auch die latente Befürchtung, man könnte bereits das beste Stück des Albums gehört haben. Bei ASSEMBLAGE 23s vorab ins Rennen geschickter Auskopplung “Spark” hatten wir es mit einem der feinsten Electro-Songs in diesem Jahr zu tun, demnach sind derartig ambivalente Gefühle durchaus nachvollziehbar. Aber die Entwarnung kommt vorweg: Mit “Compass” hat Tom Shear nicht weniger als das beste Album seiner Karriere vorgelegt.

Schon beim sehr schnuckeligen Vorgängerwerk “Meta” attestierten wir dem in Seattle wohnhaften Herrn Shear wohlfeile Modifikationen im bekannten und beliebten A23-Sound. Bei “Compass” war die Maxime die folgende: schicke Electro-Songs zu basteln, die sich zumindest akustisch nicht notwendigerweise in ein bestimmtes Untergenre stecken lassen wollen bzw. können sollen.

Der Vorab-Single bestätigten wir mit Freude, dass Shear die schwierige Mission, den Sound weiterzuentwickeln ohne dabei die eigenen Wurzeln zu verleugnen, mit Bravour und Eleganz gemeistert hat. Ein Trend, der sich auf faszinierende Weise auf dem Rest des Albums fortsetzt. Viel, viel verspielter wirkt er, der Klang von A23 und nicht ganz von der Hand zu weisen sind Einflüsse elektronisch orientierter Soundtüftler aus dem hohen Norden Europas. Ich möchte hier nicht Röyksopp anführen, aber die grobe Richtung stimmt schon. Das Ergebnis sind 10 höchst ansprechende Pop-Songs, die vor Abwechslungsreichtum und Experimentierfreude nur so strotzen. Und die ganz nebenbei ein charmanter, aber durchaus deutlich gezeigter Mittelfinger in Richtung all der Bands sind, die entweder der zwanghaft gewollten Innovationen wegen den Stil komplett gewechselt haben oder denen die bereits gesammelten Lorbeeren genug sind, um die garantiert funktionierende Masche noch ein weiteres Mal zu probieren.

Als Beispiele (und unbedingte Anspieltipps!) seien das fröhlich groovende und sehr europäisch wirkende “Impermanence”, die bereits bekannte Auskopplung “Spark” sowie eine der hübschesten elektronisch erzeugten Balladen des Jahres, das ergreifende “The Cruelest Year” genannt. Hier zeigt Shear, dass Stillstand nicht nur den Tod bedeutet, sondern vor allem gar nicht nötig ist. Es gibt inzwischen so viele Möglichkeiten, wie Musik elektronisch ausgestattet werden kann. Unsere Szene ist voll davon. Und während viele Bands sich immer nur einzelner Elemente bedienen (EBM-lastige Drums, hintergründig eingestreute Samples, analoge Synthies, … um nur ein paar wenige Beispiele zu nennen), könnte man auch alles in einen Topf werfen, um daraus einen frischen, neuen Klangteppich zu weben. Einzig nötig sind Ideenreichtum und die Bereitschaft, Neues zu probieren, ohne dabei zu vergessen, wer man ist und wo man hingehört. Innovationsbereitschaft und gleichzeitig eine gewisse Standhaftigkeit sind Tugenden, die eine Band ihren Fans schuldet. Tom Shear weiß das offensichtlich.

JermaineBelgardioManchmal muss man einen Schritt zurück machen, um vorwärts zu kommen. Tom Shear nimmt gleich zwei und bewegt sich somit an die Spitze. “Compass” vereint nahezu alles, was den Sound von Assemblage 23 in den letzten 5 Alben (und den davor aufgenommenen Demos) auszeichnet, lässt sich von anderen Strömungen in der elektronischen Musik inspirieren und erschafft daraus eines DER Electro- und DAS FuturePop-Album des Jahres! Ganz famose Leistung hier, ich ziehe meinen Hut. Ich wünsche mir jetzt nur noch, das “Compass” den Erfolg bekommt, den es verdient.

Wertung

Inhalt Gesang Klang Fan-Faktor Artwork Gesamt

Trackliste

  1. Smoke
  2. Collapse
  3. Impermanence
  4. How Can You Sleep?
  5. Spark
  6. Leave This All Behind
  7. Alive
  8. Greed
  9. Angels And Demons
  10. The Cruelest Year

Anspieltipps

  1. Collapse
  2. Impermanence
  3. Spark
  4. The Cruelest Year

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