VerblendungNach dem enormen Erfolg der “Millennium-Trilogie”, der Buchreihe des leider viel zu früh verstorbenen Autors Stieg Larssons, war es im Prinzip nur eine Frage der Zeit, bis der hochspannende Stoff auch für die Leinwand umgesetzt wird. VERBLENDUNG, der erste Teil, ist aktuell in den Lichtspielhäusern unserer Republik zu sehen. Wir waren natürlich auch dabei und sagen Euch nun, ob die filmische Umsetzung dem Schaffen Larssons gerecht wird.

Es ist was faul im Hause Vanger: Der Großindustrielle Henrik Vanger hat in seinem Leben wohl nur weniges, was ihn irgendwie bedrücken müsste. Von seiner verkorksten Sippschaft mal abgesehen. Was ihn aber wirklich fertig macht, ist das spurlose Verschwinden seiner Lieblingsnichte Harriet. Vor gut und gerne 40 Jahren verschwand das damals sechzehnjährige Mädchen. Und Vanger glaubt, dass sie seinerzeit Opfer eines Gewaltverbrechens wurde – und vermutet den Schuldigen innerhalb seiner eigenen Familie.

Da er wohl nicht mehr allzu lange Leben wird – mit über 80 Jahren ist ein demnächst stattfindendes Ende quasi vorprogrammiert – bittet er den Wirtschaftsjournalisten Mikael Blomkvist um Hilfe. Blomqvist, gerade durch eine Enthüllungsstory über einen anderen Industriemagnaten, die sich kurzerhand als Falle herausstellte, in Ungnade gefallen und zu ein paar Monaten Gefängnis verurteilt, willigt ein, sich der Sache anzunehmen. Ihm zur Hilfe steht die junge, undurchsichtige Hackerin Lisbeth Salander, die ebenfalls ein paar sehr dunkle Flecken in ihrer Vergangenheit vorzuweisen hat. Gemeinsam macht sich das optisch wie persönlich sehr ungleiche Gespann an die Recherche. Und fördert dabei Dinge zu Tage, die nicht nur vielleicht besser im Verborgenen geblieben wären, sondern sich überdies auch noch als lebensgefährlich für die Protagonisten herausstellen…

Literaturverfilmungen sind so eine Sache. Jeder, der ein Buch liest, hat eine ganz eigene Vorstellung von den Orten, den handelnden Charakteren und so weiter, daher ist die Gefahr für den Regisseur natürlich groß, sich bei der Umsetzung der Vorlage auf gefährlich dünnes Eis zu begeben oder gar gänzlich daneben zu greifen. Des weiteren stellt sich für die Filmschaffenden immer die Frage: welche Details des Romans übernehme ich in den Film? Welche lasse ich weg?

Der erste große Pluspunkt, den “Verblendung” verbuchen kann, ist, dass es sich hierbei nicht um eine Hollywoodproduktion handelt, sondern der Film in (weiten Teilen in) Schweden von (weitgehend) Schweden gemacht wurde. Ein Hollywood-Film wäre wohl mit viel mehr Bombast, Kitsch und Pathos daher gekommen, als es letztendlich der Fall ist. “Verblendung” schlägt, vom Grande Finale und der Vergewaltigungsszene (mehr wird nicht verraten…) reichlich ruhige Töne an. Genau wie in der Buchvorlage gleicht der Film einem klassischem Detektivspiel. Es ist das reinste Vergnügen zu beobachen, wie Blomkvist und Salander ein Verbrechen wieder aufrollen, das schon vier Jahrzehnte zurück liegt.

Der nächste Pluspunkt, den der Film verbuchen kann, sind die durchweg überzeugenden und großartig besetzten Darsteller. Vor allem Noomi Rapace als Lisbeth Salander überzeugt auf ganzer Linie. Michael Nyqvist, der Mikael Blomkvist spielt, erscheint wohl zunächst nicht notwendigerweise DER Blomkvist zu sein, den so einige Leser bei der Lektüre des Buches vor Augen hatten. Durch sein Schauspiel, das vor allem durch seine ausdrucksstarken Augen geprägt wird, kann er die Richard-Gere-Erwartungshaltung aber ganz locker ausgleichen.

Dritter und entscheidender Pluspunkt des Films ist aber, dass die Quintessenz des Buches, dessen wörtlich übersetzter Titel “Männer, die Frauen hassen” lautet, erhalten geblieben ist. Denn genau das ist es, was den Kern des Films, sein spezielles Thema ausmacht. Ob nun Lisbeth Salanders verkorkste Kindheit, die Nazivergangenheit einiger Mitglieder des Vanger-Clans, die für den Ausgangsplot verantwortlich und wichtig sind oder die staatliche Obhut für Salander – an allen Ecken und Enden finden sich in “Verblendung” Männer, die ihre Abneigung gegenüber Frauen (oftmals gewalttätig) ausleben – seien die Hintergründe nun faschistischer oder sadistischer Natur.

JermaineBelgardio“Verblendung” mag vielleicht für die ganz große Leinwand für den durchschnittlichen Kinobesucher etwas unspektakulär herüberkommen, Fans des Buches können aber auf ganzer Linie zufrieden sein. Die Kürzungen, die vorgenommen wurden, ja die logischerweise vorgenommen werden mussten, um das Buch innerhalb von knapp zwei Stunden Filmspielzeit unterzubekommen, gehen in Ordnung. Zwar verliert Regisseur Niels Arden Oplev das eigentlich nicht unwichtige Thema des Millennium Magazins etwas aus den Augen, so manche Figur (und Blomkvists Verhältnis zu ihr) geht etwas unter und die gesellschaftskritische Komponente der Vorlage wird nur angerissen, aber alles in allem darf sich “Verblendung damit rühmen, eine gelungene Buchverfilmung geworden zu sein. Wer nun das Buch noch nicht kennt, sich aber alle eventuell offenen Fragen, die sich notwendigerweise eigentlich schon allein aus der Figur Lisbeth Salander ergeben müssten, beantworten möchte, kommt um die Lektüre des großartigen Buches (und seiner beiden Nachfolger “Verdammnis” und “Vergebung”) nicht umhin. Denn die sind, aller Lobhuddelei für diesen düsteren, sehr sehenswerten Krimi zum Trotz, wie immer besser.

Wertung

Inhalt Darsteller Effekte Ausstattung Soundtrack Kultfaktor Gesamt

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