Rammstein - Liebe ist für alle daEin todsicheres Mittel, um sich wieder ins Gespräch zu bringen und der Welt zu verkünden “Hallo, da simmer wieder!” ist oft und gerne ein schnuckeliger Skandal. Dass RAMMSTEIN dafür ein Händchen haben, bewiesen sie zuletzt einmal mehr mit dem Video zu ihrer aktuellen Single “Pussy”, das als Pornofilmchen die Rückkehr der Industrial-Rocker verkündete. Seit Freitag ist auch das zugehörige Album “Liebe ist für alle da” erhältlich. Es stellt sich natürlich die Frage, ob eine Band wie Rammstein Maßnahmen wie das Pussy-Video nötig hat, um auf sich aufmerksam zu machen.

Der Titel “Liebe ist für alle da” gibt schon ziemlich deutlich die Marschrichtung des ersten Studioalbums nach immerhin 4 Jahren Pause vor. Die Truppe widmet sich hier nämlich dem beliebtesten Thema aller Kunstschaffenden: der Liebe. Allerdings wären Rammstein nicht Rammstein, wenn das auf eine romantische/poetische/kitschige Art geschehen würde. Viel mehr beleuchten Rammstein hier auf vielen Songs die dunklen, abgründigen Seiten der intensivsten aller zwischenmenschlichen Beziehungen. Das fröhlich groovende “Ich tu Dir weh (Neue Version)”, das in seiner ersten Fassung der Stein des Anstoßes für die Indizierung der ersten Version des Albums war, sei hier genannt oder auch das inhaltlich wie akustisch ziemlich heftige “Wiener Blut”, bei dem Herren wie der Marquis de Sade seine wahre Freude gehabt hätte. Oder ein gewisser Josef F. aus Ö. Ähnlich verhält es sich beim nach wie vor albernen “Pussy” und dem namengebenden “Liebe ist für alle da”, wobei letzteres aller (neuen deutschen) Härte zum Trotz fast eine dezent melancholische Note hat.

Im Vergleich zum Vorgänger “Rosenrot” haben Rammstein auf dem neuen Album wieder einiges an Härte dazu gewonnen. Dass sie seit geraumer Zeit in der Oberliga spielen hat für den Hörer den erfreulichen Nebeneffekt, dass sich die Produktion auf technisch höchstem Niveau bewegt. Neben dem obligatorischen, rammsteintypischen Industrial-Rock-Geballer glänzen die Songs oftmals durch viele, die Songs aufpeppende Tonspuren, die das Klangbild deutlich abrunden. Das ändert aber trotzdem nichts an der Tatsache, dass große Überraschungen ausbleiben. Auch 2009 klingen Rammstein im Prinzip wie immer: auf den ersten Blick simple, auf den zweiten Blick subtile Lyrics, die mal wie ein Wüterich, mal hochsingend und mal in gewohnter Manier vorgetragen werden von Till Lindemann, dazu sich in Tempo und Härte unterscheidende Klangkorsetts, die ziemlich fest um Inhalt geschnürt wurden.

Für den Medienrummel, den Rammstein im Vorfeld der Veröffentlichung (nicht zuletzt durch das alberne Video) betrieben haben, ist das gebotene Programm unterm Strich aber etwas dünn ausgefallen. “Liebe ist für alle da” ist sicher kein schlechtes Album geworden. Der große Wurf oder gar Rammsteins bestes Album ist es aber dennoch nicht, einiger schnuckeliger Highlights wie “Frühling in Paris”, “Waidmanns Heil” oder “Haifisch” zum Trotz.

JermaineBelgardio“Liebe ist für alle da” dokumentiert für mich eines sehr sehr deutlich, was sich in meinen Augen schon seit einigen Veröffentlichungen Rammsteins bemerkbar macht: Die Herren haben ihren kreativen Zenit so langsam aber sicher überschritten. Ist ja nicht so, dass sie inzwischen alles Talent verloren hätten – Gott bewahre! Aber ihre Provokationsnummern schocken inzwischen wohl nur noch die wenigsten, so dass ich mir wünschen würde, dass die Band wieder mehr durch Innovationen und/oder Experimentierfreude glänzen würde als dadurch, sich inhaltlich wie akustisch auf der Stelle zu bewegen und dieses Manko durch die üblichen Skandale und die eigentlich unnötige Selbstpersiflage auszugleichen.


Wertung

Inhalt Gesang Klang Fan-Faktor Artwork Gesamt

Trackliste

  1. Rammlied
  2. Ich tu Dir weh (Neue Version)
  3. Waidmanns Heil
  4. Haifisch
  5. B********
  6. Frühling in Paris
  7. Wiener Blut
  8. Pussy
  9. Liebe ist für alle da
  10. Mehr
  11. Roter Sand

Anspieltipps

  1. Waidmanns Heil
  2. Haifisch
  3. Frühling in Paris

Links


Diskussion im Forum:

Verwandte Artikel: