HirnwichsenMein Liebster!

Heute Nacht bin ich schon wieder gestorben. Es hilft nichts es zu negieren, das Sterben nimmt seinen Lauf. Ein kleines Stück von mir ist der Ewigkeit anheim gefallen und ich werde es nie wieder finden. Ich fühle mich mit jeder Nacht kleiner werden, fühle das Schwinden wenn ich in den Spiegel blicke. Sie sieht mir entgegen und verschwindet dann in den Schatten. Ihr Tod ist auch meiner. Bis ich mich gänzlich aufgelöst haben werde. Bis ich nicht mehr existent bin.

Und ich schreibe dir, mein Gefährte, mein Geliebter, mein ewiger Freund, um dir zu sagen, dass ich erneut ein Stück des Weges beschritten habe, hin zur Unendlichkeit. Mit jeder Nacht, jeder Stunde, jeder Minute. Ich denke an dich und fühle dass auch du an mich denkst. Und ich danke dir dafür!

Ich ziehe durch die Straßen, um meinen Tod zu teilen, so wie wir es früher schon getan haben. Ich suche Verbündete, die meine Last für kurze Zeit von mir nehmen. Mich temporär mit Leben füllen. Ihrem Leben.

Ein junges Mädchen, auf dem Weg nach Hause. Ich trat hinter sie, als sie in ihrer Tasche nach dem Schlüssel suchte. Das Messer lag leicht in meiner Hand, doch der Schnitt fiel mir schwerer als beim letzten Mal. Ich ermüde zu schnell. Als das Blut aus ihrem Hals schoss fühlte ich das Gewicht des Sterbens von mir weichen, für ach, so kurze Zeit! Während das Leben aus ihr sprudelte, floss es in mich hinein und durchflutete mich mit süßer Energie. Und verfliegt doch wieder so schnell! So schnell! Schon als ich sie vergrub ermattete mein Körper, mein Käfig, mein Gefängnis und erneut fühlte ich das Sterben näher an mich heran rücken. Mit jeder Schaufel Erde die ich über ihren Körper häufte spürte ich die Kraft entweichen. Bis nichts mehr übrig war und ich nach Hause kroch, auf allen Vieren, wie ein verendendes Tier.

Wir sind gefangen in uns selbst, in Fleisch und Blut eingekerkert, ohne die Möglichkeit zu entfliehen. Und mit jedem Menschen den ich töte lebe und sterbe ich! Liebster, ich kann sie nicht mehr zählen. Wie oft habe ich dir nun schon geschrieben, mein Nachtgeliebter? Habe dir erzählt dass ein weiteres Leben sich mir ergeben hat? Wie oft schon habe ich das Messer in einem Hals getrieben, das Blut eines fremden Körpers in mich fließen lassen? Ich weiß es nicht mehr! Aber mit jedem Mal fühle ich stärker wie ich kurz auflebe und dann…das Sterben unaufhaltsam voranrückt.

Es ist wie ein Krebs, der mich auffrisst, ein Geschwür in meinem Kopf, das immer größer wird. Ich fühle es wachsen! Ich weiß, das Gehirn selbst kann nichts fühlen, aber meine Gedanken können es! Ich fühle wie ich immer weniger werde und mit jeder Nacht entschwindet ein weiteres Stück von mir.
Vergesse ich mehr wer ich einst war. Vergesse die Größe meines früheren Selbst. Die Abstände werde kürzer in denen ich das Leben anderer für meines nehmen muss. Ihr Blut wird dünner, wässriger. Oder ist es nur mein Lebensfaden, der dünner wird?

Ein kleiner Junge sang ein Lied, heute früh vor meinem Fenster. Ich habe meine Lust niedergerungen und ihm sein Leben gelassen. Der Tag war zu nah, ich musste mich zur Ruhe begeben. Traumlos, Gefühllos in meinem Versteck vor dem Sonnenlicht. Geliebter, was bin ich in diesen Stunden des Tages, wenn ich Schlafe und nichts sich in mir regt? Ist das der Tod, den ich gleichzeitig suche und fliehe? Ist es das was mich erwartet, wenn das Blut einst nicht mehr reicht, oder sie mich finden werden, mich finden und einen Pflock durch mein Herz rammen, meinen Kopf abschneiden und meine Überreste ans Licht zerren werden, das mich verbrennen wird zu Asche und Staub? Ist das Nichts tatsächlich das was mich erwartet?

Schreibe mir bald wieder, mein Liebster, schreibe mir wie es dir ergeht, in der Fremde, der Ferne die du gesucht hast als mein Sterben sichtbar zu werden begann. Ist auch dein Tod bereits näher zu dir gerückt?

Ich liebe dich und gedenke deiner…

…deine Nachtgeliebte.


© Sybille Lengauer (www.myspace.com/hirnwichsen) | Hirnwichsen (Schädelfetzen) – Das Buch


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