Guillermo Del Toro ist bisher nicht notwendigerweise ein Name, mit dem man Romane verbindet. Klar, als Regisseur von Filmen wie “Hellboy”, “Pans Labyrinth” oder “Der Hobbit” ist die Bezeichnung ‘Geschichtenerzähler’ durchaus passend. Als Buchautor aber war Herr Del Toro bisher kein Begriff. Dass sich das aufgrund des mit seinem Co-Autoren Chuck Hogan verfassten Romans “Die Saat” nun ein für alle Male geändert haben dürfte wird jedem klar, der sich den ersten von mehreren Teilen von Del Toros Horrormärchen zu Gemüte führt. Ob das nun allerdings so von Vorteil ist?
Alles beginnt auf dem berühmten John F. Kennedy International Airport in New York. Eine Flugzeug, soeben aus Europa gelandet, rollt die letzten paar Meter, kommt zum stehen. Soweit alles wie immer. Aber etwas stimmt nicht mit dem Flug, der da eben wieder auf dem Erdboden angekommen ist, denn unmittelbar nach der Landung sind sämtliche Systeme des Flugzeugs aus. Beleuchtung, Triebwerke, alles. Wie tot. Außerdem sind die Sonnenblenden an jedem einzelnen Fenster heruntergezogen. Da es eigentlich nicht möglich ist, ein Flugzeug unmittelbar nach der Landung derart lahm zu legen und außerdem keinerlei Aktivitäten oder Reaktionen wie beispielsweise Funksprüche von selbigen ausgehen, werden die Behörden informiert. Von Bundespolizei bis zur Seuchenschutzbehörde ist da alles dabei, was in solchen Fällen gerne mit der Marke wedelt. Da niemand weiß, was geschehen ist, wird die Seuchenschutzbehörde vorgeschickt. Ephraim Goodweather, Leiter der Behörde und gleichzeitig einer der Hauptprotagonisten in Del Toros düsterem Werk, betritt mit seiner Kollegin den Flieger – und macht eine grausige Entdeckung: Sämtliche Insassen des Fluges sind tot. Allerdings fehlt von Gewalteinwirkung genauso jede Spur wie von etwaigen Gasen. Viel mehr wirkt alles so, als seien die Insassen lediglich eingeschlafen. Es ist offensichtlich, dass hier sehr merkwürdige Dinge geschehen, die nicht einfach zu erklären sein werden. Zudem überfällt Goodweather an Bord des Flugzeuges das Gefühl einer sehr bedrohlichen Präsenz…
Dies ist in wenigen Worten der Auftakt zu 500 Seiten temporeicher, manchmal fast atemloser Spannung – wenigstens im ersten Drittel des Buches. Es stellt sich recht früh heraus, dass auch Del Toro am immer noch aktuellen Trendthema “Vampire” gefallen gefunden hat, denn das Böse, das den auf dem Buchrücken angekündigten Weltuntergang (oder wenigstens den der Stadt New York) ermöglichen will, ist ein Vampirgroßmeister, der mittels des Atlantikfluges von Osteuropa in die Staaten gekommen ist um da sein Unwesen zu treiben. Die Gründe, die Del Toro und Hogan dafür erfinden, wirken etwas an den Haaren herbeigezogen. Aber als Bewohner der Alten Welt ist man es ja inzwischen gewohnt, dass zunächst mal alles Böse nach Amerika rüberschippert, um dann dort von strahlenden Helden den Garaus gemacht zu bekommen. Da das ganze Buch aber dank seiner vielen, teilweise sehr raschen Szenenwechsel eh wie ein Hollywood-Blockbuster wirkt, ist dieses Klischee zu verschmerzen. Oder besser: es fügt sich gut ein in die Reihe der Klischees, die noch kommen werden.
Die (wenigen) Stärken dieses Romans liegen eh woanders. Zum einen ist es diese sehr düstere, nahezu bedrohlich unheimliche Stimmung, die das Autorenduo vor allem im ersten Drittel des Buches erzeugt. Stichwort Sonnenfinsternis. Zudem ist der Reiz der “Saat” solange fast unerträglich hoch, wie den Protagonisten (und dem Leser) nicht klar ist, womit sie es zu tun haben.
Ab dem Moment aber, an dem die Katze aus dem Sack gelassen wird, verliert “Die Saat” leider deutlich an Qualität – und Spannung. Denn auch wenn Del Toro und Hogan eine herzlich wenig romantische Herangehensweise an das Thema Vampire haben, verschenken sie einfach zu viel Potential dadurch, dass sie ihre Helden in manchmal echt unlogischen Aktionen quer durch New York hetzen lassen und sich ansonsten in deutlich zu vielen, oft belanglosen aber dafür effekthascherischen Metzeleinlagen ergießen. Und auch wenn sich die Van Helsing – Kopie Setrakian noch so lustig macht über die durch Literatur und Film bekannten Vampirklischees (Knoblauch, Weihwasser, Kruzifix, …) – er verkommt selbst zu einem, wenn er mit seinem Silberschwert loszieht und den Kreaturen den Kopf vom Halse trennt und das, was dann noch übrig bleibt, mit hochkonzentrierten UV-Strahlern beschießt.
Leider wird man als Leser wohl nicht erfahren, welcher Teil des Buches von welchem Autor stammt. Bleibt zu hoffen, dass im nächsten Teil derjenige, der den zweiten Abschnitt des Buches verzapft hat, nur noch für die Schlussredaktion eingesetzt wird.
Moah, ich könnte mich jedes Mal schwarz ärgern, wenn Buch so gnadenlos spannend beginnt, wie es bei Del Toros “Saat” der Fall ist und dann, ungefähr zur Halbzeit, zu einer mittelprächtigen Buffy-Folge verkommt. Dabei fing alles so vielversprechend an mit dem “toten Flugzeug”, den Rückblicken, der Sonnenfinsternis. Und dann allenfalls Mittelmaß und jede Menge Splatterdisco. Ist “Die Saat” demnach ein schlechtes Buch? Nein, denn die erste Hälfte ist einfach zu gut. Und die zweite wird noch von der Hoffnung getragen, dass es im bereits angekündigten (manch einer spricht hier auch von “angedrohten”) nächsten Teil wieder besser wird. Wenigstens bleibt einem dieser romantische Kitsch, der mit Vampirromanen ja seit geraumer Zeit einher geht, erspart.
Wertung
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