PATENBRIGADE: WOLFF – Baustoff (Popmusik für Rohrleger)
Nach vier Alben haben sich die Electro-Bauarbeiter mit dem leicht ostalgischen Touch, die PATENBRIGADE: WOLFF, einen festen Platz in der in der alternativ-gruftigen Electro-Szene geschaufelt. Mit jeder Menge prominenter Unterstützung (unter anderem Julia Beyer und Dr. Mark Benecke) als Baugehilfen im Schlepptau hat das Duo Sven Wolff und Lance Murdock ein fünftes Album namens “Baustoff (Popmusik für Rohrleger)” konstruiert, das gekonnt den Spagat zwischen Tanzmusik und träumerischen Balladen meistert.
Moment mal – Dr. Mark Benecke? Jupp. Wer Herrn Benecke beispielsweise bei seinem Vortrag beim Wave Gotik Treffen in Leipzig dieses Jahr beigewohnt hat, dürfte spätestens hier mitbekommen haben, dass der gute Mann offenbar Fan der Patenbrigade: Wolff ist. Ruft man sich dann noch einmal ins Gedächtnis zurück, dass der Kult-Kriminalbiologe für gewöhnlich mit mehr oder weniger spektakulären Todesfällen zu tun hat, überrascht es nicht, dass Benecke auf der vorliegenden Scheibe in kurzen Ansagen von Arbeitsunfällen auf Baustellen berichtet. Eine Aufgabe, die Herrn Benecke scheinbar in einige Aufregung versetzt und mit Stolz erfüllt: “Mit der PATENBRIGADE: WOLFF zusammen auf einer Platte sein zu dürfen, ist so geil wie alle Weihnachtsfeiern meiner Kindheit zusammen. Die Jungs sind nicht nur am Vornsten, sondern auch extrem coole Schweine. Dass sie nebenbei noch Geschichts-, Gefahrstoff- und Baustellen-Kenntnisse verbreiten, Flaschenbier in Schubkarren lagern und Synthies zerdeppern, gefällt mir sehr und stimmt mit meiner Einstellung überein: Ärmel und Regler hoch, Krachbumm und Zack. PATENBRIGADE: WOLFF is total King!”
Und wenn auch Herr Benecke sicherlich der prominenteste Gastarbeiter auf “Baustoff” ist, so ist er doch nicht der einzige. Dem schnuckeligen, höchst tanzbaren und verdächtig nach Clubhit riechenden “Fehler 404″ leiht ein gewisser Stefan Leukert seine Stimme, der sonst bei den Decades aktiv ist. Oder “Abrissbude”, der zweiten, treibenden Clubnummer. Hier trällert ein Herr Alexander Pitzinger seine anklagenden, die Dummheit kritisierenden Texte. Sagt Euch nix? Beim Begriff Painbastard klingelt es aber, oder?
Die schnelleren Songs auf “Baustoff” haben im Prinzip alles, was ein Lied braucht, um im Club erfolgreich zu sein: schnelle, tanzbare Beats, die jede noch so müde Laufextremitäten in Bewegung versetzen, schnuckelige Synthie-Melodien und Hooklines, die spätestens nach dem zweiten Hören des Songs selbst von Goldhamstern rückwärts gepfiffen werden können. Und das alles auf einem qualitativ sehr hohem Niveau, wohlgemerkt! 08/15 Rumpelbeat überlassen die Herren Wolff und Murdock anderen. Was hier zum Tanzen anregen soll, steht auf einem handwerklich höchst soliden Fundament sauberer Programmierung.
Und doch sind dies nicht die wirklichen Perlen von “Baustoff”. Deutlich mehr Punkte sammelt die Bautruppe nämlich stattdessen mit den atmosphärisch dichten, im Tempo sehr gedrosselten Tracks, die manchmal an die New Age Konstrukte eines Jean-Michel Jarre oder Vangelis erinnern, manchmal an die symphonischen Klangwelten von Schiller. “Sun After The Rain” sei hier genannt, dem Lichtgestalt Julia Beyer ihre wunderbare Stimme leiht und hier eines der schönsten, elektronisch gefärbten “heavenly voices” Stücke des Jahres präsentiert wird. Was auch immer der Grund für mögliche Verstimmung beim Hörer sein mag – wenn man so schön mit Musik getröstet wird, wie es die Patenbrigade mit Frau Beyer hier tun, dann kann der Zustand ruhig noch etwas anhalten.
Wer sich von dem Album nun selbst ein Bild machen will, kann (und sollte!) die CD ab Dezember erwerben. Aber: Die Patenbrigade: Wolff hat die Zeichen der Zeit erkannt, so dass “Baustoff” ab dem Release-Tag auch kostenlos über die Patenbrigade Webseite heruntergeladen werden kann.
Ich muss ja zugeben, dass mir die Patenbrigade: Wolff zwar durchaus bekannt war, diese bis auf ein paar Songs ansonsten aber unterhalb meines Radars durchgeflogen ist. Ich kann mir vorstellen, dass es dem ein oder anderen von Euch da draußen ähnlich geht. Es stellt sich die Frage: Warum eigentlich? Mit “Baustoff” liefert die Patenbrigade eines der spannendsten Electro-Alben des Jahres ab! Die Songs sind so konstruiert, dass das Album am Stück, als Ganzes quasi, gehört werden kann. Zwar passen die Ansagen von Herrn Dr. Benecke ins Patenbrigade-Konzept und verhindern, dass das Album in die Chill-Out Ecke abdriftet, allerdings: Rohre verlegen möchte ich trotzdem nicht, wenn mir nebenbei erzählt wird, dass Bauarbeiter von einer herabstürzenden Betondecke gebügelt wurden. Dennoch: wer es entspannter mag, kommt an diesem “Baustoff” nicht vorbei.
Wertung
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
Trackliste
|
Anspieltipps
|
















