HirnwichsenIch habe heute Nacht einen Engel erschlagen.
Das klingt jetzt etwas geisteskrank, ich weiß. Aber Tatsache ist, dass ich ihr Blut immer noch an meinen Händen kleben habe. Engelsblut. Aber vielleicht sollte ich mich erst vorstellen, bevor ich mit dieser schockierenden Wahrheit alle Leute entsetze, nicht wahr?

Hallo, mein Name ist Herbert. Ich bin sechsundfünfzig Jahre alt und arbeite als Buchhalter in einem Anwaltsbüro. Wenn ich Freunde hätte, würden diese bestätigen, dass ich mich für mein Alter sehr gut gehalten habe. Ich bin gepflegt, sportlich, Nichtraucher und nett zu Tieren. Aber mit Menschen komme ich nicht gut klar. Das solltet ihr noch wissen. Eigentlich verabscheue ich grundsätzlich alles und jeden. Das kommt vom Job. Nennt sich Büroneurose.

Aber Musik, die mag ich. Darum gehe ich auch oft zu Konzerten. Ich fahre nach dem Dienst nach Hause, dusche, ziehe mich um und lege frische Batterien in meinen Player. Mit den Kopfhörern auf den Ohren fahre ich zum Konzert, um nichts hören zu müssen. Dann kaufe ich dort stumm die Eintrittskarte, hole Bier, stelle mich in die vorderste Reihe und nehme die Hörer erst ab, wenn das Konzert beginnt. So spare ich mir den Fan-Smalltalk.

Gestern war wieder so ein Abend. Konzert im „Tremolos“, dem In-Lokal in dieser Scheißstadt. Immer voll, immer laut, immer langweilig. Da habe ich grundsätzlich schlechte Laune, weil ich weiß, dass irgendwelche snobistischen Idioten versuchen werden, mich in ein Gespräch zu verwickeln. Snobs sind so besonders kommunikationsgeil. Meinen sie hätten der Welt was spezielles mitzuteilen. Das Pack.

Also boxe ich mich wie immer in die erste Reihe, „Genesis“ in den Ohren und bin ziemlich schlecht gelaunt, weil mich das verkackte Publikum nervt. Aber plötzlich…plötzlich steht sie vor mir. Die Frau aller Frauen.

Eigentlich finde ich Frauen nicht unamüsant, aber ich wahre einen gewissen Sicherheitsabstand. Wegen der Kommunikation. Wegen den Gefühlen und der Romantik. Ihr wisst schon, das ist gefährlich. Aber sie sind zumindest kein kompletter Fehlgriff, die Weiber. Das ist mir bewusst. Sie sind nur nicht für länger.

Aber dieses Wesen…wie sie vor mir stand…rote Locken bis zum apfelrunden Arsch, große, dunkelblaue Augen, Sommersprossen. Ihr schwarzes Kleidchen mit dem tiefem Ausschnitt. Die Titten! Der Anblick ließ mein Hirn schmelzen und den Rücken hinunterlaufen. Was ist der Mensch doch für ein willenloses Wesen, sobald die Libido ins Spiel kommt?
Es pochte in meiner Hose.

Still sah sie mich an, während „Land of confusion“ in meinen Ohren tönte. Sie lächelte.
Mit leerem Schädel war ich von ihr verzaubert Sie hatte nicht ein Wort gesagt und damit mein Herz erobert. Ich war verloren.

Schweigend verbrachten wir ein Konzert, das ich nicht eine Sekunde wahrnahm. Ich habe keine Ahnung, was da gespielt wurde. Menschen rempelten und drängten in wilder Tanzekstase neben mir, doch ich bemerkte es kaum. Presste mich an dieses Weib, diesen Engel, diesen Teufel und küsste sie ununterbrochen.

Schweigend folgte sie mir nach Hause, als die Lichter im „Tremolos“ ausgingen. Ich glaubte noch nie so glücklich gewesen zu sein. Ich war bereit sie zu ficken, sie stundenlang in allen möglichen Richtungen und Windungen zu vögeln. Sie war so wunderschön! Plötzlich wurde mir bewusst, dass ich dieses Weib tatsächlich lieben könnte. Vielleicht sogar für immer.

„Baby, du bist die erste Frau, die ich tatsächlich lieben könnte…“ brabbelte ich geistlos.

Sie sah mich an und ihre Augen strahlten. „Darling, ich koste 180€ die Stunde, vielleicht solltest du dir das Liebesgefasel echt für später aufheben.“

Das tat weh. Kein Engel, kein Teufel, ein einfacher Sukkubus stand also vor mir. Bereit, mich und mein Portemonnaie auszusaugen, bis nichts mehr übrig war. Eine geldgeile Hure, nichts weiter. Der Glanz blätterte von ihrer zauberhaften Gestalt und übrig blieb eine überschminkte Nutte in einem billigen Fummel. 180€ die Stunde. Was für eine Schlampe! Schlampe! Schlampe!

In wilder Raserei griff ich nach dem nächstbesten Gegenstand und warf ihn nach ihr. Leider handelte es sich um meine 30 cm hohe Messingstatue von „Imperia“, der geilen Kurtisane. Die wiegt ein bisschen mehr. Ich hörte das Knirschen, als die massive Skulptur auf den Schädelknochen krachte. Ein kleines, erstauntes Quietschen kam über ihre Lippen, dann brach sie tot zusammen.

Nun sitze ich hier und denke, dass ich recht knapp ihren geldgeilen Krallen entkommen bin. Allerdings weiß ich noch nicht genau, was ich mit der Leiche machen soll. Zum Einen…jetzt liegt sie hier, ganz kostenfrei…zum Anderen…irgendwann wird das ziemlich…stinkig.

Vielleicht sollte ich sie doch lieber im Wald verscharren, unter ein paar Tannenbäumen. Weil ja bald Weihnachten ist…wer weiß?


© Sybille Lengauer (www.myspace.com/hirnwichsen) | Hirnwichsen (Schädelfetzen) – Das Buch


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