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NITZER EBB – Industrial Complex

Wenn eine Band satte fünfzehn (15!) Jahre lang kein Album veröffentlicht, sondern allenfalls durch den ein oder anderen Live-Auftritt von sich reden macht und diese Band dann, quasi ganz plötzlich, als Support für die Tour von Depeche Mode verpflichtet wird, ja dann kann es sich bei dieser Band ganz sicher nicht um irgendeine x-beliebige Kapelle handeln. Und richtig: Die Rede ist von NITZER EBB, jenen EBM-Heroen, die in diesem Jahr mit Volldampf ihr Comeback einläuten. Eines der Mittelchen, um sich wieder an der Spitze der Electronic Body Music zurückzumelden, stellt ihr neues Album “Industrial Complex” dar. Folgendes schon mal vorab: welch höchst vergnüglicher Platzverweis für alle Bands, die im gleichen Teich fischen!

“Big Hit” war das letzte, auf einen Silberling gepresste Lebenszeichen von Douglas McCarthy, Bon Harris und Jason Payne. “Big Hit” erschien 1995 und sollte die Band nach einigen fehlgeschlagenen Experimenten im bandeigenen Klangkosmos wieder zurück auf den richtigen Weg führen, vergraulte Fans zurückgewinnen und überhaupt – alles sollte mit “Big Hit” wieder in die richtige Richtung führen. Die Geschichte hat gezeigt, dass genau dieser Plan nicht aufgegangen ist und die Herren fortan getrennte Wege gingen. Vor allem Douglas McCarthy beschritt mit dem Electroprojekt “Fixmer/McCarthy”, das er mit dem französischen Soundtüftler Terence Fixmer betreibt, ziemlich erfolgreiche Pfade.

Aber wie das ja oft so ist: Die Vergangenheit ließ die Truppe nicht los und so kamen sie im Jahr 2006 auf dem WGT für ein Re-Union Konzert wieder zusammen. Es folgten eine obligatorische Best-Of Compilation sowie eine Tour im Jahr 2006, in den Jahren 2007 und 2008 auch diverse Festivalauftritte. 2009 bestritten Nitzer Ebb eine erfolgreiche Europa-Tournee und ließen sich für Anfang 2010 als Vorgruppe von Depeche Mode verpflichten – zum inzwischen dritten Mal übrigens. Bereits 1988 und 1990 waren Nitzer Ebb mit Depeche Mode unterwegs.

Irgendwann in der Zeit dazwischen zog sich das Trio ins Studio zurück, um ihr 7. Studio-Album aufzunehmen, das auf den durchaus passenden Namen “Industrial Complex” getauft wurde. Wenn eine Band eine derart lange Zeit musikalisch im Prinzip inaktiv war wie in diesem Fall, dann könnte man durchaus befürchten, man würde sich noch auf dem gleichen Niveau wie vor 15 Jahren befinden.

Erfreulicherweise zeigen die Herren McCarthy, Harris und Payne auf “Industrial Complex”, dass die vergangenen Jahre eben NICHT spurlos an ihnen vorbeigegangen sind. Stumpfsinnig-stampfender EBM, ausgestattet mit einem dezenten Hauch einer Melodie und in die Welt hinausgerufenen Shouts sucht man auf “Industrial Complex” zum Glück vergeblich. Es gibt ja durchaus noch Bands, die auch heute noch diesem.. ja, man möchte sagen “old school” EBM verhaftet sind. Nitzer Ebb gehören im Jahre 2010 nicht dazu. Stattdessen präsentieren sie hier ein sehr abwechslungsreiches Album, das viele Elemente zeitgenössischer elektronischer Musik in sich vereint EBM Stilelemente in generalüberholter Form präsentiert.

Das Eröffnungsstück “Promises” erinnert zunächst noch am ehesten an manches Werk vergangener Tage, überrascht neben dem (vor allem bei einer Live-Darbietung sicherlich) schweißtreibenden Beat durch den Gesang Douglas McCarthys. Natürlich, gesungen wurde auch früher schon, trotzdem ist es im EBM-Bereich nach wie vor eine willkommene Abwechslung Singsang zu hören, der nicht nur aus der Wiederholung immer gleicher Einzeiler besteht. “Once You Say” und “Never Known” knüpfen an das Tun früherer Tage an und erinnern zum Beispiel an “Our Own World” vom “Big Hit”. Anschließend überraschen Nitzer Ebb ihr Publikum mit dem balladenhaften “Going Away”, das im Zusammenspiel von extrem weiten Synthesizer-Flächen, Piano-Spiel und dem nach Abschied schmeckenden Inhalt zu einem hübsch-melancholischen Geniestreich arrangiert wurde. Ebenfalls pure Begeisterung kassieren Nitzer Ebb für “Hit You Back”, dessen Rhythmus  und die hintergründigen Streicher-Samples selbst den tanzresistentesten Musikfreund nicht kalt lassen sollte. Oder nehmen wir “Payroll”, das wohl so manchem Beastie-Boy Neidgefühle bescheren dürfte… Aber auch Freunde klassischer EBM werden auf “Industrial Complex” bedacht: “Kiss Kiss Bang Bang”. Wenn ich die Augen schließe sehe ich schon förmlich vor mir, wie dieser Track zu einer Art Schlachtruf auf jedem Festival wird, auf dem “Kiss Kiss Bang Bang” von Nitzer Ebb live performt wird. Sehr schick! Um in diesem Review aber nun nicht jeden Song im Detail erläutern zu müssen schließen wir die Bestandsaufnahme mit einem Hinweis auf den Track “I Am Undone”, ein atmosphärisch extrem dichter Synthie-Pop Song, der den Facettenreichtum dieses Albums einmal mehr unterstreicht.

Mit “Industrial Complex” ist Nitzer Ebb das Comeback mehr als gelungen! Dieses Album, das wohl in diversen Jahrescharts vertreten sein wird, definiert EBM zeitgemäß neu. Wollen wir hoffen, dass sich die vielen Mitbewerber in diesem Genre an dem Ideenreichtum von Douglas McCarthy, Bon Harris und Jason Payne orientieren werden.

Welch ein großer Wurf! Natürlich darf man schon etwas erwarten, wenn sich eine Band fünfzehn Jahre Zeit lässt, um ein neues Album zu präsentieren. Und auch wenn Time like a bullet ist, wie wir ja wissen, und somit 15 Jahre rückblickend wie im Fluge vergangen zu sein scheinen – der ein oder andere Trend ist ja doch entstanden. Schön zu sehen, dass die Zeit an den Herren Nitzer Ebb nicht spurlos vorbei gegangen ist – natürlich aus musikalischer Sicht gesehen – und die Entwicklung der Musik auf diesem Album in der ein oder anderen Form Berücksichtigung findet. “Industrial Complex” definiert die Art, wie sich EBM anzuhören hat, neu. Man wird das Genre künftig noch differenzierter betrachten müssen – die Zeit vor “Industrial Complex” und die Zeit danach.


Wertung

Klang Fan-Faktor artworkg Gesamt

Trackliste

CD1:

  1. Promises
  2. Once You Say
  3. Never Known
  4. Going Away
  5. Hit You Back
  6. Payroll
  7. Down On Your Knees
  8. I Don’t Know You
  9. My Door Is Open
  10. I Am Undone
  11. Kiss Kiss Bang Bang
  12. Traveling

CD2:

  1. I Am Undone  (Alan Wilder Remix)
  2. I Am Undone (Christopher Kah Remix)
  3. My Door Is Open (Terence Fixmer Remix)
  4. Once You Say (Tom Furse Remix)
  5. Once You Say (Celluloide Remix)
  6. Once You Say (Orphee-Eeproh Remix)
  7. Once You Say (People Theatre Remix)
  8. Once You Say (Collapsed System Mix)
  9. Once You Say (Suesseborn Sinessence Mix)

Anspieltipps

  1. Going Away
  2. Hit You Back
  3. Kiss Kiss Bang Bang

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