Draußen fiel der Regen in dicken, schwarzen Tropfen aus bleigrauen Wolken. Fiel seit Stunden auf die verseuchte Kohlefabrik, die ihre Aschewolken unaufhörlich in den Himmel stieß. Fiel in zermürbender Härte auf die gelähmte Stadt und hinterließ bittere Resignation in den Seelen ihrer Bewohner.

Drinnen stand Esther vor dem Fenster, starrte auf den glänzenden Aspahlt und zählte die letzten Atemzüge des Pan. Verkrampft lag er hinter ihr im blutverschmierten Bett und röchelte das letzte bisschen Leben aus seinen Lungen. Vor zehn Minuten hatte er den Versuch aufgegeben, das Brotmesser aus seinen Rippen zu ziehen. Seitdem lag er still auf der Seite, während das letzte bisschen Hoffnung langsam aus der tiefen Wunde sickerte und von der verdreckten Matratze aufgesogen wurde.

Geduldig wartete sie vor dem Fenster, stand nackt im Schein der billigen Glühbirne, die lose von der Zimmerdecke hing. Die fleckige Haut ihres verlebten Körpers schimmerte an manchen Stellen grünlich und braun im gelben Licht. Ruhig wartete sie darauf, daß der Pan den Kampf verlor. Dachte dabei an die vielen Jahre, die sie mit ihm verbracht hatte. All die Nächte, die er nach Tod stinkend nach Hause gekommen war, all die Tage, die sie weinend in der kahlen Küche gesessen hatte, zerschlagen und hoffnungslos verloren. Dachte an den Hass, den sie für ihn empfunden hatte.

Als sein letztes Röcheln verebbte, klang das Rauschen des Regens wie leises Flüstern in ihren Ohren. Ein kleines Lächeln huschte über Esthers Gesicht. Sie fühlte sich leer und zufrieden. Im Nebenraum lagen ihre drei Kinder in den feuchten, schmutzigen Betten. Bleich leuchteten die kleinen Gesichter in der Dunkelheit. Still starrten vertrocknende Kinderaugen an die rissige Zimmerdecke.

Ein kaum hörbares Seufzen, dann öffnete Esther das Fenster. Ein letztes Mal blickte sie zurück auf das Zimmer, sah auf das Bett und den toten Köper. “Ich liebte euch so sehr…”

Ächzend quälte sie sich auf die Fensterbank, fühlte den Regen über ihre geschundene Haut laufen, fühlte die kalte Nachtluft und die Gänsehaut, die ihren schweren Körper schaudern ließ. Dann beugte sie sich nach vorn und ließ sich fallen. Stürzte mit den Regentropfen um die Wette dem grauen Asphalt entgegen.

Als sie auf dem Boden aufschlug, wuchsen ihr Flügel…


© Sybille Lengauer (www.myspace.com/hirnwichsen) | Hirnwichsen (Schädelfetzen) – Das Buch


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