Der Weltraum, unendliche Weiten. Dies sind die neuen Abenteuer des Raumschiffs… äh.. moment mal! Falsche Serie. Im nachfolgenden Review geht es natürlich mitnichten um die Abenteuer eines Raumschiffs mit einer 400 Mann starken Besatzung, das unterwegs ist um neues Leben zu entdecken, fremde Zivilisationen und dabei dorthin zu gehen, wo noch nie irgendjemand irgendwann mal gewesen ist. Nein, wir befassen uns hier mit MASS EFFECT 2, der Fortsetzung des genialen Rollenspielabenteuers aus der Traditionsschmiede BioWare. Das heisst also: erneut übernehmen wir die Rolle von Commander Shepard, der unterwegs ist, um ein paar Reapern in den Äonen alten Hintern zu treten. Inwiefern diese Fortsetzung gelungen ist, haben wir mit Genuss herausgefunden.

Da wir hier über eine Fortsetzung reden die sich wohl kaum jemand zu Gemüte führen wird, der den ersten Teil nicht gespielt hat (was auch irgendwie ziemlich sinnfrei wäre angesichts der vielen Storyelemente, die in Mass Effect 2 wieder aufgegriffen werden) erspare ich mir und Euch an dieser Stelle eine Zusammenfassung der Ereignisse des ersten Teils. Zumal sich eine schicke Inhaltsangabe auch bei Wikipedia nachlesen lässt. Kommen wir also gleich zur Sache: Mass Effect 2 beginnt einen knappen Monat nach dem dramatischen Finale des ersten Teils. Shepard und seine Truppe sind mit der Normandy unterwegs, um Reaper und verbliebene Geht aufzuspüren und denen die elektronischen Teile zu schmoren. Bei einer Mission, die nach langweiliger Routine aussieht, wird die Normandy von einem ziemlich großen Kreuzer angegriffen und im Prinzip zu Klump zerballert. Es gibt natürlich Opfer, zu denen auch Commander Shepard gehört.

Nuuuun wäre die Spielzeit von Mass Effect 2 ziemlich kurz, wenn der Held der Geschichte in den ersten 10 Minuten den Löffel reichte. Aber da es ja irgendeine Erklärung geben musste, warum Shepard im zweiten Teil (auch trotz des optionalen Charakterimports) fähigkeitentechnisch wieder in der Grundschule anfängt, ließen BioWare ihren Helden kurzerhand eine Nahtoderfahrung durchleben. Shepards Körper wird von der ominösen Cerberus Gruppe geborgen, einem Verein, der Spielern des ersten Teils noch in mäßig positiver Erinnerung geblieben sein dürfte. Cerberus flickt Shepard über einen Zeitraum von 2 Jahren zusammen. Nicht so ganz ohne Hintergedanken, denn wie man weiß, ist Cerberus eine fast schon faschistisch wirkende Pro-Mensch-Organisation und Shepard, als Retter der Galaxis, das ultimative Aushängeschild der menschlichen Rasse. Angeführt wird Cerberus von “dem Unbekannten”, ein ziemlich ominöser Typ, der an den Zigarettenraucher aus Akte X denken lässt – nicht nur seines ungehemmten Glimmstengelkonsums wegen. Shepard wird aber nicht nur aus Spaß an der Freude oder weil sich damit so wunderbar Geld verbrennen lässt wieder ins Leben zurückgebracht. Der Unbekannte möchte von Shepard, dass er (oder sie, je nach Gusto des Spielers) herausfindet, warum die so genannten Kollektoren menschliche Kolonien am Rande der Galaxie überfallen und die Kolonisten entführen. Das ist der Zeitpunkt, an dem die Handlung von Mass Effect ins Rollen kommt und der Spieler in seinen Entscheidungen endlich wieder die gewohnte Freiheit genießt.

Links, rechts, geradeaus, du bist im Labyrinth. Keiner kann dir sagen wer die Guten und die Bösen sind

Eines der großartigsten Features in Mass Effect war das Gefühl, in seinen Entscheidungen die größtmögliche Freiheit zu haben. Natürlich, letztendlich waren alle Aktionen so ausgelegt dass sie, egal welchen Weg man einschlug, letztendlich doch irgendwie die Galaxis rettete und dem Reaper in Form der Souvereign die Lichter auspustete. Allerdings konnte man durch seine Handlungen, durch die Antworten in den (schick aufgezogenen) Dialogen beeinflussen, ob man als strahlender Held, als Lichtgestalt quasi, die Galaxis rettete oder ob man Unheil und diverse Übel (mehr oder weniger wissentlich und willens) in Kauf nahm, um das gleiche Ziel zu erreichen. Mit anderen Worten: Mass Effect überließ es dem Spieler, in den Annalen der Geschichte als Strahlemann oder als rücksichts- und gewissenloses Arschloch einzugehen. Mass Effect 2 unterscheidet sich in diesem Punkt von seinem Vorgänger kein Stück. Und der Clou an der Sache: Wer ein neues Spiel startet, hat die Möglichkeit, seinen Charakter aus dem ersten Teil zu importieren.

Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele?

Viel wurde spekuliert im Vorfeld über den angekündigten Charakterimport in Mass Effect 2. Das letztendliche Ergebnis überrascht nicht nur (weil es anders abläuft als so mancher wohl vermutet hätte), sondern unterstreicht einmal mehr die Genialität von BioWare. Die gesammelten Skills sowie das (möglicherweise) angepasste Aussehen von Shepard sowie dessen Geschlecht interessieren beim Charakterimport nicht die Bohne. Viel mehr wurden während des Durchspielens des ersten Teils Variablen geschrieben, die in Mass Effect 2 ausgelesen werden – und die das Universum, in welchem sich der Spieler in den nächsten gut und gerne 30 Stunden tummelt, maßgeblich beeinflussen. Beispiele: Ihr habt in Mass Effect 1 den Kroganer Wrex nicht über den Haufen geballert? Dann wird er Euch in Teil 2 als Anführer eines mächtigen Kroganer-Clans fröhlich begrüßen. Ihr habt den Rat in der finalen Schlacht gerettet? Dann wird er sich auf der Citadelle mit Euch wesentlich anders auseinandersetzen als wenn Ihr ihn im Finale seinem Schicksal überlassen hättet. Viele, viele Dinge, die Ihr im ersten Mass Effect getan habt, finden (auf Wunsch) Berücksichtigung in Mass Effect 2. Was zur Folge hat, dass sich das Gefühl von Kontinuität sowie sich in einem permanent in Entwicklung befindlichen, auf die eigenen Handlungen reagierenden Universum aufzuhalten, maximal verstärkt.

Mass Effect 2 überlässt dem Spieler ebenfalls wieder die Wahl, den aufrichtigen Pfad der Tugend zu beschreiten oder, jetzt wo Shepard ja im Prinzip für den Unbekannten und sein zwielichtiges Cerberus-Netzwerk unterwegs ist, mal so richtig die Sau herauszulassen. Man muss wohl nicht irgendeine Glaskugel polieren um zu wissen, dass sich so manche Entscheidung, die Shepard im Verlaufe seiner Reise durch die Galaxis trifft, definitiv Auswirkungen auf das Grande Finale in Mass Effect 3 haben werden.

Rollenspiel für Casual Gamer

Einer der größten Änderungen, die im Vergleich zum Vorgänger vorgenommen wurden dürfte gleichwohl die sein, für die Mass Effect die meiste Schelte kassieren wird. Wenigstens aus dem Lager der Passionszocker. Denn wenn die Optik der Zeit angepasst (und das Problem der immer gleichen Umgebungen auf ein Minimum reduziert wurde), die Dialoge nach wie vor absolute Obersahne sind und die Handlung noch immer vor den Bildschirm fesselt, so wurde das Spielgeschehen doch deutlich kastriert. Mass Effect 2 gleicht nunmehr einem Shooter wie Gears Of War. Die Charakterentwicklung ist sehr eingeschränkt worden. Hatte man im ersten Teil noch die Möglichkeit, nachdem man sich auf eine Klasse festgelegt hatte, entsprechende Fähigkeiten zu entwickeln (oder eben auch nicht) wie zum Beispiel seine hart verdienten Skillpoints in Pistolen- oder eben in Schrotgewehrtalente zu investieren, geht das in Mass Effect alles nur noch sehr rudimentär. Auch die Inventarverwaltung ist eigentlich nur noch dem Namen nach eine solche. In Mass Effect 2 nehmen nämlich alle Gruppenmitglieder immer automatisch das beste, aktuell verfügbare Item. Dahingehend betrachtet ist Mass Effect 2 allenfalls Rollenspiel light. Macht aber nichts. Die Steuerung ist dafür im Gegenzug mehr in Richtung Shooter optimiert wurden, zudem verfügt das Feindvolk nun über diverse Trefferzonen, die gezieltes Ballern zu einer sinnvollen Sache machen. Klingt möglicherweise dramatischer als es ist. Denn auch wenn sich Mass Effect 2 von dem, was man unter Rollenspiel versteht, durch die Änderungen ein ganzes Stückchen weg bewegt hat – den Spielfluss bremst es in keiner Weise. Und der spannenden Handlung tut es auch keinen Abbruch.

Dem Rotstift zum Opfer gefallen sind übrigens auch die Erkundsfahrten mit dem Mako. Das heisst: Die Erkundung der immer gleichen Planetenoberflächen sind passé. Zwar soll wohl noch ein Fahrzeug (nebst möglichen Außenmissionen) per Download nachgereicht werden, aktuell beschränkt sich das Erkunden von nicht in irgendeiner Form questrelevanten Planeten darauf, den rotierenden Weltenball mit einem Scanner nach Rohstoffen abzusuchen, die ihrerseits für die Erforschung von Waffen-, Panzerungs- oder Schiffsupgrades gebraucht werden. Das allerdings ist bestenfalls mäßig spannend. Nach dem hundersten “Sonde gestartet” Sample, das man sich leidgeprüft anhören muss weil gerade noch 500 Einheiten Element Zero für den nächsten Forschungsauftrag fehlen, wünscht man sich die dezent hakelige Steuerung des Makos sehnlichst zurück.

Panzerfahrer, ich begrüße Sie!

Mass Effect 2 mag manches im Spielablauf geändert haben, über das man sich sicherlich streiten könnte. Aberrrrr: Es ist nach wie vor Mass Effect. Und als solches bietet es nach wie vor höchst genial inszenierte Dialoge, sympathische Figuren, überzeugende Dialoge, ein großes, stimmig konstruiertes Universum, eine spannende (wenn auch offensichtlich als “Interlude” fungierende) Handlung, schicke Grafik (die verwendete Unreal Engine überzeugt hier einmal mehr), sehr überzeugende Sprachausgabe und einen mitreissenden, orchestralen Soundtrack. Mit anderen Worten: Mass Effect 2 beerbt seinen Vorgänger auf würdigste Weise und liefert somit eine überzeugende Empfehlung, um am Jahresende einen Platz auf dem Podest der Top-Games in 2010 zu ergattern.

Den ersten Teil von Mass Effect habe ich seinerzeit 7 (in Worten: sieben) Mal durchgespielt! Einfach, weil ich das Universum, was von BioWare hier geschaffen wurde, so faszinierend und überzeugend fand. Die Mischung von Star Trek, Star Wars (und im zweiten Teil auch teilweise von Blade Runner) kickt nach wie vor. Mag ja sein, dass Mass Effect 2 nur noch an einem Rollenspiel vorbei gelaufen ist – wobei auch hier noch geklärt werden müsste, wie man Rollenspiel definiert. Unterm Strich bleibt es aber ein verdammt unterhaltsames Spiel, das bei gründlicher Spielweise (also dem Erledigen diverser Nebenquests) gut und gerne 30 Stunden bester Unterhaltung bietet. Die Charaktere, die Handlung, die Grafik, die Musik… all diese Elemente tragen ihren Teil dazu bei, dass ich auch Mass Effect 2 diverse Male durchspielen werde, der Titel in meiner Jahresendwertung weit oben landen wird und ich nun voller Ungeduld auf das große Finale im dritten Teil warte! Es ist was es ist: ein höchst unterhaltsames Abenteuer.


Wertung

Grafik Sound Gameplay Spielidee Multiplayer Gesamt

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