Unter Elektrofreunden hat sich Tausendsassa Daniel Myer mit einem seiner vielen Projekte (beispielsweise Haujobb, Architect oder Destroid) schon längst den Ruf erarbeitet, ein experimentierfreudiger, innovativer Musiker zu sein, der die Grenzen des Electro-Genres in schöner Regelmäßigkeit auslotet und immer auch ein Stück darüber hinaus geht. Bereits mit den ersten Veröffentlichugen ihres Projekts DESTROID sorgten die Herren Myer und Ullmann bei uns für große Begeisterung. Kann er aber mit der aktuellen EP “Silent World” den bislang durchweg positiven Eindruck zementieren oder gar verstärken?
Während alle Welt mit zunehmder Gespannung dem neuen Covenant Album entgegenfiebert, bei dem Herr Myer ja auch musizierend mitwirkt und einer anstehenden Veröffentlichung eines weiteren Architect-Albums im März (“Consume Adapt Create”) hat es der emsige Musiker geschafft, noch eine EP zusammen zu schustern. Ein EP, so viel kann man bereits jetzt schon mal sagen, die gekonnt das übliche Schwarz-Elektro-Einerlei umsegelt und stattdessen den lieben Mitbewerbern zeigt, wie man’s richtig macht.
Eröffnet wird die Scheibe mit dem Stück “I Walk Slow”, das – ganz dem Titel entsprechend – zu Beginn ein höchst gemächliches Tempo an den Tag legt. Sphärische, sehr weite Synthieflächen breiten sich wie eine Art Kuscheldecke vor dem Hörer aus und laden ihn ein, sich einhüllen und hinfort tragen zu lassen, ehe ein geschmeidiger, pulsierender Rhythmus hinzugesellt. Trotzdem wirkt dieses Stück ein wenig wie eine Einleitung, eine Vorgeschichte zum nachfolgenden Titelstück “Silent World”, das über ähnliche Tugenden wie der eben genannte Song verfügt, aber eine ganze Ecke tranciger daherkommt. Diese fast schon epischen Klangkonstrukte und Textzeilen wie “I have lost my faith a long time ago” sind es, die dem Hörer wohlige Schauer über den Rücken jagen. Man könnte zu diesem wunderschönen Song, der von mir schon jetzt das Prädiket “Electro-Hit des Jahres 2010″ verliehen bekommt, sicherlich auch das Tanzbein schwingen. Aber für mich eignet sich “Silent World” viel mehr dazu, die Augen zu schließen und sich von Destroid in eine andere Welt, eine andere Zeit oder ein anderes Leben entführen zu lassen – wenigtens über die Dauer der knapp sechseinhalb Minuten, die Myer dem Hörer in der “Silent World” zugesteht.
“Leaving Ground” hat im Vergleich dazu sicherlich den treibenderen Rhythmus und punktet zudem mit schnuckeligen Hall sowie Klaviergeklimper. Zudem ist “Leaving Ground” wohl auch das Stück mit dem größten Ohrwurmcharakter. Noch lange nachdem die letzten Töne verklungen sind, hallt im Kopf des Hörers der Refrain nach. Bei “Lucretia My Reflection” handelt es sich um die Coverversion eines Sisters Of Mercy Klassikers. Eine so gelungene Coverversion allerdings, die fast vergessen lässt, dass es ein Original gibt. Von den auf dieser EP versammelten neuen Destroid-Songs ist “Lucretia My Reflection” sicherlich der partytauglichste welche. Der Beat verleitet zum Tanzen, zudem kassiert der Song extra Kudos für die Gastvocals von Zeraphine-/Solar Fake – Mastermind Sven Friedrich. Dass sich Herrn Friedrichs Singorgan bestens dazu eignet, elektronische Musik zu besingen, ist ja inzwischen hinlänglich bekannt, denke ich. “Lucretia” gibt es auch noch in einer alternativen Version auf dieser EP, das akustischer wirkt und das klingt, als käme hier echtes Schlagzeug zum Einsatz. Was irgendwie nur konsequent wäre, führt man sich vor Augen, dass es sich Daniel Myer bei Live-Auftritten (vor allem als Gastmusiker) nicht nehmen lässt, auch selbst auf die Pauke zu hauen.
Darüber hinaus bietet die EP noch diverse Remixe, so zum Beispiel von den Kollegen von [:SITD:] oder Assemblage 23. Joa, kann man sich anhören. Die Remixe sind in Clubs vermutlich besser aufgehoben als die Originalversion, wirklich Neues wird hier aber nicht zu Tage gefördert. Abgerundet wird die Scheibe durch einen Live-Mitschnitt einer der schönsten Songs des letzten Albums “Loudspeaker”, “Let Me Leave”. Hier vorgetragen in einer höchst athmospärischen Kuschelnummer.
Meine Damen und Herren, die “Silend World” EP gehört bereits jetzt zum Besten, was das Electro-Genre der Schwarzen Szene in diesem Jahr zu bieten hat bzw. haben wird. Die Songs, die Herr Myer zusammen mit Kollege Sebastian Ullmann hier gebastelt hat, unterstreichen also in der Tat seinen Ruf, ein kreativer Kopf zu sein. “Silent World” ist ein klarer Pflichtkauf für jeden Musikfreund, dessen Interesse in Punkto Electro-Mucke über möglichst evilisches Geballer und/oder Körperertüchtigung auf der Tanzfläche hinausgeht.
Wertung
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Trackliste
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Anspieltipps
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