Mit seinem aktuellen Album “Grosse Freiheit” ist der Graf (der, wie aufmerksame Leser inzwischen bestens wissen, zumindest nicht Bernd heisst) mit seinem UNHEILIG Projekt aktuell mächtig auf Erfolgskurs. Unheilig im Radio, Unheilig auf Musiksendern in der Glotze, Unheilig-Special bei DMAX, fette Unheilig Werbeanzeigen bei MySpace, Unheilig an der Spitze der Charts bei iTunes, Unheilig-Autogrammstunden bei Saturn, kurzum: Unheilig hier, Unheilig da, Unheilig überall! Das ganze Land droht im kollektiven Unheilig-Wahn zu versinken. Moment mal – das ganze Land? Nein, Mann – ein kleines Dorf in der niedersächsischen Pampa leistet standhaft Widerstand.

Eigentlich ist der Graf so ansich ja ein netter Mensch, wenn man ihn auf Festivals oder nach Konzerten in ein Gespräch verwickelt. Auf mich wirkt der gute Mann da immer so, als wäre er vom eigenen Erfolg überrumpelt, als trüge er Schuhe, die ihm eigentlich nicht so richtig passen wollen. Das macht ihn irgendwie sympathisch. Ein Mensch wie du und ich eben, der sich hinstellt um uns zu bespaßen. Auf dieses Thematik werde ich weiter unten aber noch mal zu sprechen kommen. Widmen wir uns zunächst lieber der Musik.

Wenn Herr Graf auf früheren Werken die “Freiheit” besang und damit klar machte, dass er sich keinen Maulkorb verpassen lässt, dann hatte das seinerzeit noch die nötige Portion Pfeffer, um innerhalb der Szene die Massen zu mobilisieren. Wenn Herr Graf bei “Astronaut” oder “Mein Stern” auf romantische Weise die Tränendrüse massierte, dann mussten selbst die härtesten Szene-Grufties zumindest schwer schlucken. Und als der Graf in Form des Songs “An Deiner Seite” öffentlich das Sterben eines Freundes begleitete, dann war ganz plötzlich die ganze Szene zu Tränen gerührt. Mit anderen Worten: Der Graf ließ seine Hörerschaft (wenigstens scheinbar) an seinem Leben teilhaben – verpackt in Songs, die nicht nur manches Mal die Grenze zum Kitsch überschritten. Aber gut, sei es wie es sei.

Unheiligs “Grosse Freiheit” knüpft nahtlos an die letzten drei Alben “Zelluloid”, “Moderne Zeiten” und “Puppenspiel” an, verbunden mit allen “Tugenden”, welche die letzten Veröffentlichungen auszeichneten: eine inhaltliche Gratwanderung zwischen gr0ßem Gefühl und unschönem Pathos, verpackt in ein sich immer weiter vom ursprünglichen Unheilig-Klangkosmos entfernendes Gebilde, das zunehmend der Massentauglichkeit vorzug gab, mit immer größerer Fokussierung auf alberne Gitarreneinsätze auf Kosten der teilweise schnuckelig-fragilen Elektrountermalung früherer Tage.

Wenn der Graf in “Geboren um zu leben”, der inhaltlichen Fortsetzung zu “An Deiner Seite” aktive Trauerbewältigung kombiniert mit optimistischer Pro-Leben-Einstellung ins Mikrofon singt, dann braucht es nicht viel um sich vorzustellen, wie plötzlich wieder viele, viele Leute ganz nah am Wasser gebaut sind. Das dramatische, militärische Trommelspiel sowie der Kinderchor gegen Ende setzt dem ganzen zweifelsohne die Kitschkrone auf. In “Heimatstern” beweist sich Herr Graf einmal mehr als jemand, der ein absolut sicheres Gespür dafür zu haben, dass es bei Konzerten dem versammelten Publikum bei geschwenkten Feuerzeugen reihenweise Schauer der Ergriffenheit den Rücken hinunter jagt. Gleiches gilt für “Unter deiner Flagge”.

Um nicht jeden Song hier sezieren zu müssen mache ich es kurz: Inhaltlich bietet auch das neue Unheilig-Album sicherlich jede Menge Stoff für entsprechend empfindsame Menschen, sich damit zu identifizieren, sich gut aufgehoben und verstanden zu fühlen. Daran gibt es prinzipiell nichts auszusetzen, mir persönlich gehen die Lyrics allerdings spätestens nach dem zweiten Hördurchgang bei den meisten Songs gewaltig auf die Ketten.

Musikalisch bleibt auch alles beim alten. Wie bereits erwähnt: Die Akustik- und E-Gitarren haben gegenüber der Elektronik einmal mehr das Rennen gemacht, zudem haben wir hier allerhand Streicher, (Kinder-)Chöre, Pianogeklimper und einen verhaltenen Einsatz von Synthies. Na ok, der Gesang des Grafen wirkt auf mich an manchen Stellen auch etwas rauher als sonst. Aber davon ab: alles hört sich dermaßen glatt gebügelt an, dass sich selbst bei den “härteren” Songs (“Unter Feuer”, “Ich gehöre mir”) Mutti in der Küche beim Zwiebelnschneiden nicht versehentlich vor Schreck den Daumen absebelt, wenn plötzlich Unheilig aus dem Küchenradio schallt. Der Sound von Unheilig wirkt auf mich auf maximale Gefälligkeit getrimmt – und ich bin sicher, das Konzept wird auch dieses Mal wieder funktionieren.

Der morbide Charme, die (vergleichsweise) düstere Grundstimmung, die klare Identifikation mit der Szene – all das ist für mich nach dem “2. Gebot” verloren gegangen. Ja selbst die einstmals so eindrucksvolle Stimme des Grafen wirkt inzwischen nur noch beliebig. Unheilig ist für mich inzwischen alles mögliche, aber eines ganz sicher nicht: authentisch. Dafür tanzt mir der Graf auf zu vielen Hochzeiten, ist für mich eine Spur ZU allgegenwärtig im Moment. Mag der Graf noch so sehr behaupten, dass ein Album wie “Grosse Freiheit” seine Visionen beinhaltet, die er mit uns teilen möchte – ich werde das Gefühl einfach nicht los, dass der Graf lediglich eine Marionette ist, eingepfercht in einen allenfalls nur noch dezent “gruftigen” Käfig und das im Hintergrund ein paar pfiffige Manager und/oder Produzenten stehen, die ganz genau wissen, wie sich mit dem Habitus der Schwarzen Szene gutes Geld verdienen lässt.

Wie gesagt: der Graf ist ein netter Typ. Seine Melodien sind für Millionen. Aber nicht für ein kleines Dorf irgendwo in Niedersachsen. Und erst recht nicht für mich. Der Graf hat mich als begeisterten Hörer bereits nach dem “2. Gebot” verloren und mit jedem Album, das sich in meinen Ohren immer mehr in Richtung modernen Schlagers bewegt, entfernt sich seine Vision immer weiter von dem, was ich in dieser unserer Szene hören möchte. Jemand aus meinem Umfeld meinte diesbezüglich einmal zu mir: “Unheilig? Die sind doch gemacht.” Das lasse ich unkommentiert hier mal so stehen. Ich gönne dem Grafen seinen Erfolg, aber ich glaube, die einzige Art, wie der Graf und ich künftig noch zusammenfinden werden, ist bei Live-Konzerten. Ansonsten möchte ich abschließend David Foster Wallace zitieren: war alles schrecklich amüsant, aber in Zukunft bitte ohne mich.


Wertung


Trackliste

  1. Das Meer
  2. Seenot
  3. Für immer
  4. Geboren um zu leben
  5. Abwärts
  6. Halt mich
  7. Unter Feuer
  8. Grosse Freiheit
  9. Ich gehöre mir
  10. Heimatstern
  11. Sternbild
  12. Unter Deiner Flagge
  13. Fernweh
  14. Neuland

Anspieltipps

  1. Geboren um zu Leben
  2. Grosse Freiheit

Links


Diskussion im Forum:

Verwandte Artikel: