Zugegeben: Gedichte klassischer Bauart von längst begrabenen Dichtmeistern als Grundlage für das eigene musikalische Tun zu nehmen, ist nicht eben die frischeste Idee in der Musikwelt. Wer sich zurück erinnert, dem fallen da sicherlich beispielsweise Projekte ein, die sich dem Werke eines Rainer Maria Rilkes widmeten oder auch eines Hermann Hesses. Kann man also hier noch punkten, wenn man mit Musik an den Start geht, die im gleichen Gewässer fischt? Ja kann man. BACIO DI TOSCA tun es auf ihrem aktuellen Album “Hälfte des Lebens” bereits zum wiederholten Male.
Wenn man sich die bisherigen Verschmelzungen klassischer Dichterkunst mit (oftmals zeitgenössischer) Musik anschaut, dann stellt man fest, dass es oft irgendwelche populären Stimmen (etwa die bekannter Sänger oder Schauspieler) sind, welche die Texte möglichst markant vortragen, untermalt von mehr oder weniger unaufdringlichem Gedudel.
Bacio di Tosca, in erster Linie bestehend aus Mezzosopranistin Dörthe Flemming, geht da einen anderen Weg. Natürlich, auch hier dienen Gedichte von Friedrich Hölderlin, Heinrich Heine oder auch Eduard Mörike als inhaltliche Grundlage. Aber der Unterschied liegt in der Musik: bei einer Mezzosopranistin liegt es natürlich nahe, dass selbige ihre Texte auch singend zur Hörerschaft transportiert. Und da Soprangesang nun einmal naturgemäß vor allem im klassischen Bereich anzutreffen ist, verwundert es dann auch nicht weiter, dass Bacio di Tosca auch auf ihrem zweiten Album Neo-Klassik auf Elemente des Dark Wave treffen lassen.
“Hälfte des Lebens” ist demnach auch kein Partyalbum, nichts für das gedankenlose Nebenbeihören, während man beschäftigt ist, die Küche zu bohnern oder das Auto zu waschen. “Hälfte des Lebens” verlangt vom Hörer, dass sich dieser über die knappe Stunde mal hinsetzt, möglicherweise dazu ein Gläschen Wein genießend, und einmal nichts weiter tut, als sich der Musik hinzugeben. Ich garantiere Euch, das ermöglicht einen Hörgenuss der anderen, dennoch nicht weniger besonderen Art. Dramatisch ist sie, die Musik, schwermütig, manchmal auch vorsichtig optimistisch, dabei oft so zerbrechlich zart wie Rosen aus Glas aber immer, immer unheimlich schön. Schiebt es auf den eindrucksvollen Gesang, die sorgfältig ausgewählten Texte, den inflationären Einsatz der Streicher, die verhaltenen Wave Spielereien, die vielfältigen Arrangements oder aber auch nur die Empfänglichkeit des Autors dieser Zeilen zur Stunde des Reviews, aber Bacio di Tosca, um mal auf die Ausgangsfrage zurückzukommen, schinden Eindruck. Und finden wie nebenbei durchaus noch neue Wege, um klassisches Dichertum mit Musik zu vereinen.
Man muss kein ausgesprochener (Neo-)Klassikfreund sein, um an Bacio di Toscas neuem Werk gefallen zu finden. Wer einigermaßen mit Offenheit gesegnet ist und sich darüber hinaus gerne mal an die Hand nehmen lässt, um neue Dinge kennenzulernen, sollte die von Frau Flemming dargereichte Hand ergreifen und sich für die eine Stunde (bei Bedarf auch gerne öfter) in die musikalische Welt von Bacia di Tosca entführen lassen, ihre Visionen erhören und erleben und anschließend, ein Stück weit bereichert, in die Wirklichkeit zurückkehren. Die Idee der Verschmelzung von Dichtung und Musik ist nicht neu, fürwahr, aber selten so schön wie hier.
Wertung
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
Trackliste
|
Anspieltipps
|









