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:WUMPSCUT: – Siamese

Getreu dem Motto: “The same procedere as every year, James” beehrt uns Rudy Ratzinger, fleissig und arbeitseifrig wie er ja nun einmal offensichtlich ist, auch in diesem Jahr wieder pünktlich zur hoffentlich bald beginnenden Frühlingszeit mit einem neuen :WUMPSCUT: Album. Und wie auch in den letzten Jahren zuvor haben wir natürlich in das aktuelle Update, “Siamese”, des Elektrotüftlers Ratzinger vorab schon einmal hineingehört.

Ich kann mir gut vorstellen, dass es ebenso viele Leute gibt, die bei der Ankündigung eines neuen :Wumpscut: Albums entnervt mit den Augen rollen, wie es wohl auch Freunde brachialen Industrial-Electros gibt, die verzückt mit der Zunge schnalzen. Vorab sei eines schon mal festgehalten: Wer in der jüngeren Vergangenheit mit dem Schaffen von :Wumpscut: nichts anfangen konnte, wird wohl auch mit dem neuen Werk “Siamese” nicht warm werden. Allerdings: wem die letzten Veröffentlichungen aus dem Hause Ratzinger eine Spur zu seicht waren, möglicherweise auch zu glatt gebügelt, wird sich auf “Siamese” wohl überrascht umhören. Denn bereits mit dem Eröffnungsstück “Falling From Lucifer’s Grace” pustet Herr Ratzinger mit ordentlich Nachdruck die Gehörgänge frei. Tief dröhnendes, basslastiges Industrialgeballer mit stakkatoartigen Riffs, das typische :W: Gebrüllsinge, verstörenden Samples und in den wenigen ruhigen Momenten unheimliche Jahrmarktsatmosphäre wollen offensichtlich sagen: Seid ihr alle da? Ja? Dann kann es ja losgehen.

Und das tut es. Direkt anschließend gibt es nämlich das “Boneshaker Baybee” auf die kopfseitig verschraubten Empfangsgeräte gedroschen. Und ich würde einen Kasten Wellnesswasser nach Pilsener Brauart darauf verwetten, dass bei nahezu jedem Hörer der erste, spontane Gedankengang irgendwas in Richtung “nanu? Lädt der Ratzinger jetzt zum Straftanz?” sein dürfte. Das verwendete, an Kreissägengekreisch erinnernde Sample ist ja doch irgendwie durch eine andere Electrotruppe zu einigem Ruhm gelangt.

Überhaupt wirkt “Siamese” über weite Strecken wie ein Spiegel, den Rudy Ratzinger den gängigen, immer wieder (teilweise bis zum Erbrechen) verwendeten Spielereien in der Electro-Szene vorhält. Die einen mögen das als Ideenklau abtun, die anderen sehen darin womöglich eine herrlich zynische Persiflage eines Genres, in dem es Innovationen nur in haushaltsüblichen Portionen gibt, während sich viel zu viele Genrekollegen darauf beschränken, artig im Einheitsschritt auf der Stelle zu treten.

Die Highlights von “Siamese” sind aber weniger die tanzbaren Hau-drauf-Nummern, die manchmal sogar echtes Nerv-Potential aufweisen (“Zirbit” zum Beispiel, gesampletes Hundegebell hin oder her), sondern es sind die Momente, in denen Herr Ratzinger ruhige Töne anschlägt. Wie beim Titelstück “Siamese” zum Beispiel, das sich, ganz dem Thema entsprechend, mit der nicht einfachen Lage siamesischer Zwillinge auseinandersetzt und von Ratzinger mit fast schon inbrünstiger Verzweiflung interpretiert wird. Klaviergeklimper inklusive. Auch schön: das abschließende “Killuh”, bei dem Rudy einem Frauenstimmchen den Vorzug gibt und die den Hörer mit einem höchst vielseitigen, erstaunlich vertrackten Finale sanft aus dem Album geleitet. Aber uffpasse: Wer seinen Player auf Repeat gestellt hat, wird aus dem bereits erwähnten Opener wieder ziemlich unsanft aus seinen Gedanken gerissen.

Dennoch: aller aufgebotenen Raffinesse zum Trotz wird es auch in diesem Jahr wieder so sein wie in all den anderen Jahren vorher: für die einen ist “Siamese” ein langweiliges, sich aus versatzstücken zusammensetzendes Machwerk, für die anderen eine Art industrieller Revolution. Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen. Und wie so oft bei :Wumpscut: macht auch “Siamese” da am meisten Spaß, wo es auch hingehört: in Einrichtungen nämlich, in denen das Album dem Hörer mit dem entsprechenden Schalldruck verabreicht werden kann.

Ich sagte ja bereits, dass die vielen Versatzstücke, die Herr Ratzinger in die Songs auf “Siamese” einstreute und die man irgendwie alle schon mal irgendwo gehört hat, durchaus als Ideenarmut ansehen könnte. Ich allerdings stelle mich in diesem Jahr auf die Seite derer, die das neue :Wumpscut: Album ziemlich cool finden und in die Songs einen wunderbar zynisch erhobenen Mittelfinger sehen, den Rudy R. seinen Mitbewerbern entgegenstreckt. Da wir im nächsten Jahr bereits 20 Jahre :Wumpscut: feiern, schließe ich an dieser Stelle mit den Worten: Es liegt Gespannung in der Luft angesichts des anstehenden Jubiläums. Bis zum nächsten Jahr, Mr. :W:.


Wertung


Trackliste

  1. Falling From Lucifer’s Grace
  2. Boneshaker Baybee
  3. Siamese
  4. Zirbit
  5. Auf Wiedersehen im Massengrab
  6. Teufelszeug
  7. Bam Bam
  8. Loyal To My Hate
  9. Blood Stigmata
  10. Killuh

Anspieltipps

  1. Boneshaker Baybee
  2. Siamese
  3. Killuh

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