Jedem Anfang, so heisst es in einem Zitat Hermann Hesses, wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und hilft zu leben. Dieser gern zitierte Sinnspruch wurde und wird für so vieles angewendet: der Beginn einer neuen Beziehung, der Start in einen neuen Job, der Umzug in eine andere Stadt – Beispiele ließen sich beliebig viele finden. Aber er lässt sich auch ganz wunderbar anbringen, wenn ein neuer Musiker bzw. ein neues Musikprojekt auf der Bildfläche erscheint, um die Reise durch die oft so steinige Musikwelt anzutreten. Wie zum Beispiel AVENUE D’ELECTRONIQUE und dem Debütalbum “Le Voyage Mondial”.

“Le Voyage Mondial”, das Anfang dieses Jahres veröffentlicht wurde, mag das Erstlingswerk des elektronischen Projekts aus Halle/Saale sein – der erste musikalische Gehversuch ist es aber nicht. Bereits 2005 fanden sich Sylvio Pretsch und Thomas Fraulob zusammen in der Absicht, gemeinsam Musik zu schaffen. Der Bandbiografie ist zu entnehmen, dass beide seit den 90er Jahren elektronische Musik produzieren und nachdem sie sich mit Live-Acts (“Electric-Society II” oder “danse électronique”) ihre ersten Sporen verdienten, beschlossen sie, mit Avenue d’Electronique in die Vollen zu gehen. Allerdings überdauerte die Zusammenarbeit gerade mal ein Jahr, danach trennten sich die Wege der beiden Musiker und Avenue d’Electronique wurde zu einer One-Man-Show von Sylvio Pretsch. Seit Anfang 2008 schraubte Herr Pretsch dann am Debütalbum, das nun vorliegt.

Das zugehörige last.fm Profil bezeichnet Avenue d’Electronique als Electro-Pop, EBM und Industrial Musikprojekt. Aber ganz unter uns, Freunde: für mich sieht das so aus, als würde sich der junge Mann hinter dem Projekt in eben jenem Umfeld zuhause fühlen und versucht mittels der Angabe der genannten Stilrichtungen als Schlagworte das Interesse Gleichgesinnter zu wecken. Nichts verwerfliches ansich, nur ist das abgelieferte Werk über weite Strecken weder EBM noch Industrial, allenfalls Electro-Pop, hier und da bereichert mit Spurenelementen genannter Genres.

Und wisst Ihr was? Das ist auch gut so. Die fast ausschließlich instrumentalen Stücke bewegen sich stattdessen im Fahrwasser von New Age Größen wie Jean-Michel Jarre oder Vangelis. Wunderbar komponierte, schön arrangierte Instrumental-Pop-Songs, die sofort ins Ohr gehen und gerade danach schreien, als Soundtrack zum Begrüßen des langsam aber sicher kommenden Frühlings herzuhalten. Songs wie “Le Voyage Mondial”, “Rise Of The Phoenix” oder von mir aus auch “Seven Oceans” machen einfach Lust, das Leben zu bejahen, die Sonne, den Frühling und die aus dem Winterschlaf erwachende Welt um sich herum zu bejubeln und schlicht und ergreifend gut drauf zu sein. Ob dies die Intention des Künstlers war sei mal so dahingestellt, aber wer sich “Le Voyage Mondial” im Auto zu Gemüte führt, während die nach dem langen Winter wieder ungewohnt bunte Landschaft an einem vorbeisaust, wird nachvollziehen können, was ich meine. Die ansprechende Covergestaltung trägt übrigens einiges zu diesen Assoziationen bei.

Bis hierhin also alles schön, alles gut, alles kein Problem. Aber: ernste Schwierigkeiten hatte ich mit dem letzten Track des Albums, “Wie Fremde im eigenen Land”. Abgesehen davon, dass dieser Song aufgrund seines stampfenden EBM Rhythmuses und der verzerrten Vocals kein Stück zum Rest des Albums passt, habe ich echte Bedenken wegen des Inhalts, der sich mit der Problematik nicht integrationsbereiter Ausländer befasst. Es wirkt nicht nur unnötig provokant, sondern ich fürchte auch, dass hiermit die falschen Subjekte angesprochen werden bzw. diese den Text in den falschen Hals bekommen. Das trübt den ansonsten positiven Gesamteindruck doch um einiges. Ich hoffe auf eine Neuauflage ohne diese Nummer. Sie passt einfach nicht in diese Weltreise. Vielleicht sollten wir bei Gelegenheit mal Herrn Pretsch bezüglich der Beweggründe für diesen Song auf den Zahn fühlen. Am besten, Ihr hört selbst rein und fällt ein eigenes Urteil.

Hach ja.. es hätte so schön sein können. Bis zum Finale von “Le Voyage Mondiale” war ich höchst angetan von der geboten, schicken weil relativ konkurrenzfreien Instrumentalmusik. Es störte mich kein bischen, das EBM und Industrial scheinbar nur Etiketten sind, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Ganz im Gegenteil, diese Genres sind eh viel zu überlaufen von einer Masse, welche die Klasse von ein paar wenigen Acts nachzueifern versucht und sich dabei beliebig austauschbar macht. Die Instrumentalstücke sind so, wie sie sind, große Klasse und hier sehe ich für Avenue d’Electronique eine echte Nische. Aber “Fremde im eigenen Land” hätte nicht sein müssen. So bleibt aller Begeisterung zum Trotz irgendwie noch ein bitterer Nachgeschmack. Schade.


Wertung

Klang Fan-Faktor

Trackliste

  1. Mystic Boutiqe
  2. Le Voyage Mondial
  3. Rise Of The Phoenix
  4. Realize The Change
  5. Infiltration Explained!
  6. The Mirror
  7. Unattainable
  8. Seven Oceans
  9. Escape From Earth
  10. Things From Bad To Worse
  11. They Were Angels
  12. Wie Fremde im eigenen Land

Anspieltipps

  1. Le Voyage Mondial
  2. Rise Of The Phoenix
  3. Seven Oceans

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