Ausgebrannt und todmüde stand sie vor dem Spiegel und die Augenringe, die ihr unter der grellen Schminke entgegenblickten, bestätigten ihre Vermutung, exakt so auszusehen wie sie sich fühlte. Langsam strich sie mit rauen Fingern über ihr verlebtes Gesicht und beobachtete, wie die Runzeln in der Haut ihren Bewegungen folgten. Im kalten Neonlicht waren die Spuren, die das Leben in ihr Antlitz gemeißelt hatte, deutlich zu erkennen. Sie seufzte tief, wandte den Blick angewidert ab und wackelte vorsichtig zurück in das kleine Hotelzimmer, dass sie seit zwei Jahren ihr Zuhause nannte.

Der Fettsack saß, bereits bis auf die gelbliche Unterhose entkleidet, auf der Bettkante und starrte ihr aus glasigen Augen entgegen. Sein gerötetes, aufgedunsenes Gesicht spaltete sich zu einem kleinen Lächeln, als sie lustlos die Hüften schwang und auf ihren abgetragenen Stilettos auf ihn zustackste. Schwerfällig hievte er seinen besoffenen Körper zum Kopfende des Bettes, lehnte sich in die speckigen Kissen und klatschte mit klebrigen Fingern auf seinen Bauch. “Komm Ficken” lautete die internationale Übersetzung dieser Geste.

Ihr linker Knöchel versagte einmal mehr den Dienst und knickte unter seiner schlingernden Last zusammen. Knapp konnte sie einen Sturz verhindern, indem sie sich an einer kleinen Kommode festkrallte. Scheppernd fielen mehrere leere Schnapsflaschen zu Boden und rollten durch den kahlen Raum. Sie lallte eine kurze Entschuldigung, warf die Stilettos in eine Zimmerecke und ließ sich neben ihrem Kunden aufs Bett fallen. Die Woge aus Schweiß und Urin, die ihr dabei entgegenschlug, nahm sie kaum noch wahr.

Fast schon in Trance registrierte sie seine betrunkenen Versuche, sich auf sie zu wälzen. Mit etwas Glück würde er es nicht schaffen. Einmal mehr dachte sie dabei an ihre Kindheit, die ihr immer rosiger und schöner erschien, je länger sie hinter ihr lag. Damals war ihr das Leben ungerecht und hässlich vorgekommen, doch verglichen mit der heutigen Realität hatte sie früher in einem Paradies gelebt.

Nach sieben Minuten zeugte tiefes Schnarchen von dem gescheiterten Versuch des Fettsackes, seine investierten zehn Euro in die Tat umzusetzen. Angeekelt rollte sie seinen stinkenden Leib von ihrem. Sein Geruch hing wie ein zweiter Körper über ihr. Sie stand schwankend auf und ging barfuß ins Badezimmer.

Ausgebrannt und todmüde stand sie vor dem Spiegel und die Augenringe, die ihr unter der grellen Schminke entgegenblickten, bestätigten ihre Vermutung, exakt so auszusehen wie sie sich fühlte. Langsam strich sie mit rauen Fingern über ihr verlebtes Gesicht und beobachtete, wie die Runzeln in der Haut ihren Bewegungen folgten. Im kalten Neonlicht waren die Spuren, die das Leben in ihr Antlitz gemeißelt hatte, deutlich zu erkennen. Sie seufzte tief, wandte den Blick angewidert ab und wackelte vorsichtig zurück in das kleine Hotelzimmer, dass sie seit zwei Jahren ihr Zuhause nannte…


© Sybille Lengauer (www.myspace.com/hirnwichsen) | Hirnwichsen (Schädelfetzen) – Das Buch | Hospitalistische Liebeslieder


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