Ganze vier Jahre hat es gedauert, bis In Strict Confidence nach dem vergleichsweise schwachen Vorgänger „Exile Paradise“ endlich einen neuen Longplayer auf die hungrigen Fans losgelassen haben. Am 26.02.2010 hatte das Warten ein Ende: „La Parade Monstrueuse“ wurde veröffentlicht! Sofort fällt das opulente Coverartwork der Limited Edition ins Auge, das ein fliegendes Schiff zeigt, auf dem ein varieteeartiges Zirkuszelt (!) integriert wurde, während das Backcover den dazu passenden Zirkusdirektor zeigt. Nein liebe Freunde, das ist kein Review zum neuen Tim Burton-Film oder einem weiteren Anime des Studio Ghibli, sondern zum aktuellen Output von Dennis Ostermann, Jörg Schelte und Stefan Vesper alias ISC.
Schon das Intro deutet auf eine inhaltlich sehr verspielte und verträumte, ja märchenhafte Platte hin. Das anschließende „My Despair“ kennt der ISC-Hörer bereits von der im Vorfeld veröffentlichten gleichnamigen EP. Ein melodischer, aber sehr ruhiger Song, der zwar ins Ohr geht, dabei niemandem weh tut, der aber im Vergleich mit früheren Singles wie „Babylon“, „Engelsstaub“ oder „Kiss your Shadow“ eindeutig den Kürzeren zieht und sicher nicht als Klassiker in die Bandgeschichte eingehen wird, dafür ist er einfach nicht besonders genug.
Der nächste Song („Silver Bullets“) legt da schon eine deutliche Schippe zu und überrascht direkt zu Beginn mit harten Gitarrenriffs. „Oh nein, jetzt nicht auch noch ISC“ höre ich euch schreien? Moment mal… kein Grund zur Aufregung. Die Gitarrenparts ergänzen hier im Gegensatz zu anderen Kollegen aus dem Elektronik-Bereich das Klangbild perfekt. Bei ISC ist dieses Stilmittel also eindeutig als positive Weiterentwicklung zu bewerten, anstatt ein völliger Umbruch im musikalischen Stil wie z.B. bei einer gewissen Kapelle aus Norwegen. Neu-Gitarristin HayDee Sparks ist demzufolge eine nicht nur optische Bereicherung für das Bandgefüge.
Wer sich die letzte Ausgabe des Sonic Seducers beschafft hatte, dem ist auch „Silver Bullets“ nicht neu: im genannten Magazin lag eine nicht offiziell im Handel erhältliche „Silver Bullets“-EP bei! Quasi der perfekte Soundtrack zum „Wolfman“-Kinofilm ;-)
Anschließend nimmt die Härte wieder etwas ab, dafür wird es um so melodischer: „One Drop“ hat fast schon Schunkelmentalität. Nörgler hinsichtlich Gruftie-Schlager sollten bitte nicht gleich auf die Barrikaden gehen, sondern dem hevorragenden Album vorher Gehör schenken. Gleiches gilt für das balladeske „Ewige Nacht“. Es darf auch gerne mal stimmungsvolle Atmosphäre bejubelt werden, anstatt sich über seichte Lyrics zu beschweren. Danke.
Insgesamt befinden sich 11 Tracks auf dem außergewöhnlichen und stilistisch abwechslungsreichen Album, die dieses Mal mit zwei verschiedenen Frauenstimmen versüßt werden: zum einen ist die bereits bekannte Antje Schulz wieder mit an Bord, zum anderen bekommt Dennis´ düstere und z.T. gebrochen anhörende tolle Stimme Verstärkung durch die neue Sängerin Nina de Lianin, die eine opernhafte Gesangsausbildung im National Theater in Belgrad genoß. Um den Spannungsbogen auf diesem bizarren Werk „hinter den Spiegeln“ aufrecht zu erhalten, treten die Damen jedoch nicht in jedem Song an Direktor Ostermanns Seite. Die Duette sind perfekt verteilt worden auf dem Album. Egal ob nun das straighte „This is all“, das verspielte „I surrender“ oder der wohl stärkste Ohrwurm des Longplayers: „Set me free“: die düstere Stimme Ostermanns harmoniert hervorragend mit den sehr hohen und klaren Vocals von Alice im… ääähh Nina und Antje. Neben zuletzt genanntem Track ist auch das an die Gebrüder Grimm erinnernde „Snow White“ hervorzuheben. Geniale Arrangements, zuckersüße Flächen und der typische Ohrwurm-Charakter im Chorus ergeben unterm Strich einen ISC-Volltreffer! Etwas merkwürdig ist die Tatsache, daß der Vorhang dieser Variete Obscur nicht mit einem Outro fällt – hätte dem Gesamteindruck sicher nicht geschadet. Wenn jedoch ein solches Album mit einem sphärischen Stück elektronischer Musik wie dem Titel „Golden Gate“ abgeschlossen wird, dann verzeihen wir Dennis gerne, daß er ein passendes Outro anscheinend schlichtweg vergessen hat.
Das (wie es sich für ISC gehört) perfekt produzierte „La Parade Monstrueuse“ ist sowohl als Standard-Version als auch als Limited Fanbox (für ca. 20 EUR) mit diversen Gimmicks wie Postkarten, Sticker, Button oder Aufnäher erhältlich. Der Käufer der LE bekommt natürlich auch noch eine Bonus-CD mit insg. 10 Titeln, auf denen nicht nur die obligatorischen Remixes enthalten sind (u.a. beigesteuert Rhys Fulber und X-Fusion), sondern auch noch der eine oder andere Track, der auf der Basisversion nicht vorhanden ist. Am interessantesten ist hier wahrscheinlich der erste Titel der Bonus-CD, das in deutsch vorgetragene, sehr dunkle „Am Abgrund“.
Der größte Kaufgrund für die teurere Variante ist jedoch der ASP-Remix von „Set me free“! Selten genug kommt es vor, daß ein Remix der Album-Version überlegen ist, hier ist das eindeutig der Fall. Was Alexander F. Spreng da abgeliefert hat, ist ganz großes Kopfkino! Urplötzlich in der zweiten Songhälfte macht das Lied einen Break, nimmt das Tempo raus und klingt irgendwie wesentlich düsterer als noch einige Sekunden zuvor. Der wird doch nicht etwa? Doch… Zaubererbruder ASP übernimmt das Zepter und löst Dennis Ostermann tatsächlich bis zum Ende des Remixes gesanglich ab! Was sich hier hoffentlich interessant für alle ASPiranten anhört, klingt nicht minder großartig. Sowohl seine langsam intonierten Soloparts als auch das stimmliche Duett bis zum Finale sind schlichtweg als genialer Einfall zu betrachten und sind das I-Tüpfelchen auf der Überraschungsskala.
Tja und wem das nun immer noch nicht genug ist, der bekommt als Sahnehäubchen noch die Videoclips zu „My Despair“ und der Ballade „Ewige Nacht“ oben drauf. Mehr geht dann wohl kaum mehr! Besuchen Sie also bitte unbedingt diesen bizarren Wanderzirkus der limitierten Art – nocht gibt es Tickets!
Also ich gebe es ja zu: ich hatte sehr hohe Zweifel, daß mir das Album gefallen würde. Mit „Exile Paradise“ konnte mit mit Ausnahme von „Forbidden Fruit“ fast nichts anfangen. Auch „My Despair“ bestätigte leider diese Entwicklung. Doch was die Herren nach vierjähriger Schaffensphase anbieten, stimmt mich sehr fröhlich und läßt mich die angestaubte ISC-Flagge wieder hissen. Eingebettet in die restlichen Songs wirkt nun selbst „My Despair“ alles andere als deplaziert (auch wenn sie als Auskopplung zu schwach auf der Brust daherkommt). Wenn die Gitarreneinsätze auf diesem Niveau bleiben und mit dem nächsten Album nicht überhand nehmen, ist das völlig ok. Die Neuverpflichtungen haben ebenfalls eine gute Arbeit geleistet. Ich weine Nadine Stelzers Stimme aus vergangenen Tagen zwar immer noch eine Träne nach und bleibe dabei: sie war die perfekte ISC-Sängerin – aber Lichtgestalt Nina ist mit Sicherheit eine Bereicherung, was sich dann live hoffentlich auf dem WGT und dem M´Era Luna Festival als richtig herausstellen wird. Freuen wir uns einfach drauf! 2010 könnte also ein höchst ereignisreiches und erfolgreiches Jahr für In Strict Confidence werden.
“Mirror, Mirror on the Wall who is the Fairest one them All?” Die Antort ist einfach: “La Parade Monstrueuse”. Kaufen!
Wertung
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Trackliste
Bonus-CD:
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Anspieltipps
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Tourdaten
- 08.05.10 | Prag, CZ | Abaton
- 22.05.-25.05.10 | Leipzig | Wave-Gothik-Treffen (Zeit und Location noch unbekannt)
- 11.09.10 | Görlitz | Nikolai Nox
- 18.09.10 | Rostock | M.A.U. Club








