Time is like a Bullet from behind… das wissen anscheinend nicht nur Covenant, sondern auch die Damen und Herren aus dem Funkhaus von Welle: Erdball. Die NDW-Elektroniker aus Stadthagen waren ja schon immer für eine Überraschung gut. Die Alben der vierköpfigen Gruppe sind wahre Ausnahmeerscheinungen im Bereich des Minimal Electro-Sektors und so verwunderte es nicht, daß das Quartett ihr Können auch gerne einmal auf einem anderen Terrain unter Beweis stellen wollte: einem Spielfilm! Nachdem Welle: Erdball bereits mit dem Videoclip zu „1000 weisse Lilien“ unter Beweis stellten, daß sie sehr wohl in der Lage sind, einen Clip wie einen Kurzfilm aussehen zu lassen, so erscheint dieses Projekt nur als die logische Konsequenz dessen, womit man mit o.g. Clip anno 2006 bereits ansatzweise begonnen hat. Im Jahre 2008 präsentierte die Band dann tatsächlich ihren ersten und selbstinszenierten Fulltime-Kinofilm: „Operation: Zeitsturm“. Dieser wurde bereits beim Wave-Gotik-Treffen 2008 uraufgeführt, bei einigen Filmfestivals sowie auf der im gleichen Jahr stattfindenden Club-Tournee quasi als Warm-up vor den Konzerten gezeigt. Zwei Jahre später folgt nun also die Veröffentlichung dieses Spielfilms, welcher zusammen mit dem dazugehörigen, gleichnamigen Soundtrack als Double Feature in den Handel kommt. 

Doch was hat es nun mit dem einleitenden Covenant-Zitat auf sich? Ganz einfach: Wie der Titel „Operation: Zeitsturm“ vermuten läßt, dreht sich der komplette Film über das Thema Zeit und ob bzw. wie man diese im Nachhinein zum Guten verändern könnte. 

Der Film erzählt von dem Berliner Physiker Prof. Alois Haberl, der 1943 für seine herausragenden Forschungsarbeiten mit der Max Planck-Medaille gewürdigt und ausgezeichnet wird. Natürlich bekommen die Nazis davon Wind und sind sofort Feuer und Flamme von Haberls mächtigster Erfindung: die Formel für eine Zeitmaschine! Hitler selbst gibt den Befehl, den Professor samt seiner Tochter Marie Sophie (Plastique) gefangenzunehmen. Jedes Mittel sei den SS-Leuten erlaubt, um den Professor zum Reden zu bringen. Als dieser es nicht mehr länger ertragen kann mit anzusehen, wie seine Tochter gequält wird, gibt er klein bei und lenkt ein. Ihm gelingt jedoch in letzter Sekunde die Flucht in den Wald, wo er von den Nazis angeschossen wird. Dennoch schafft es gerade noch rechtzeitig, sein Geheimnis unter einer alten Buche zu vergraben. 

Zeitsprung in die Gegenwart: Dr. Georg Linde (Honey), sein Wissenschafts-Kollege Ing. Martin Richter (A.L.F.) sowie die Reporterin Liselotte Wagner (Frl. Venus) finden das Tagebuch des Professors und machen sich auf den Weg, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Und tatsächlich gelingt es ihnen, den Bunker zu finden, in dem Prof. Haberl seinerzeit für die Nazis die Zeitmaschine baute. Mit Hilfe des – na klar – Commodore SX-64 gelingt es den Dreien, die Maschine in Gang zu bringen. Nach ersten Startschwierigkeiten („Wann zum Geier ist mein Essen?“ ist das Stichwort) stellt sich der Erfolg ein: mittels Zeitstrangveränderung können Katastrophen wie Ramstein, Tschernobyl, das Kennedy-Attentat oder der 11. September vermieden werden. Hurra! 

Schließlich faßt Dr. Linde den Entschluß, sich selbst durch die Zeitmaschine zu schicken. Doch dieses Vorhaben funktioniert leider nicht so reibungslos, wie er sich das vorgestellt hat. Zwar wird aus ihm keine Brundle-Fliege, dafür taucht plötzlich die Professoren-Tochter Marie Sophie leibhaftig vor seinen Augen auf. Die Zeit hat den Wissenschaftlern einen Strich durch die Rechnung gemacht… 

Eines ist ganz klar: Welle: Erdball setzen mit diesem Projekt neue Maßstäbe im Bereich des Konzeptalbums! Einen kompletten Spielfilm inkl. Soundtrack in einem Set zu veröffentlichen, das hat es bis dato in der Szene noch nicht gegeben! 

Gekonnt wurden hier die Szenen der NS-Zeit mit der Gegenwart kombiniert. Honey sitzt als Dr. Linde auf seinem Dachboden neben seiner C=64-Sammlung und liest als Erzähler aus dem gefundenen Tagebuch des Professors vor. Die beschriebenen Ereignisse werden dann via Flashbacks von den Schauspielern präsentiert. 

Unterbrochen wird das Geschehen immer wieder durch eingeblendete Zitate, die sich ebenfalls explizit dem Thema Zeit widmen, u.a. von Napoleon, von Ebner-Eschenbach oder Jean-Luc Picard. Sogar Honey selbst ließ es sich nicht nehmen, gegen Ende in diese Riege mit einzusteigen: „Die Zeit ist wie eine Leinwand. Je mehr Phantasie du auf sie malst, desto schöner wird sie.“ Am schönsten aber ist wohl das von Einstein verwendete Zitat: „Ich denke niemals an die Zukunft. Sie kommt früh genug“. Weisse bescheid! 

Nicht nur die Story allein dreht sich um die Zeit, das Wort selbst wird sehr häufig im Text  verwendet. Als beispielsweise der Nazi den Professor mit den Worten drängt: „Uns läuft die Zeit davon!“, reagiert dieser lässig mit: „Das ist eine Frage der Zeit…“, um mehr an selbiger zu gewinnen. 

Bemerkenswert ist, daß Honey hier nahezu überall seine Finger im Spiel hatte. Er übernahm das Drehbuch, war sowohl Regisseur als auch einer der Hauptdarsteller, wirkte am Schnitt mit, steuerte erstaunlicherweise den Soundtrack bei und  kümmerte sich ebenfalls zusammen mit den restlichen Welle-Mitgliedern um die Bauten. Ein echter Workoholic also. Ob er sich diese Arbeitsweise nun bei einem Joe D´Amato, einem Jess Franco oder einem Andreas Bethmann abgeguckt hat, bleibt ungewiß, aber dieses bemerkenswerte Engagement soll hier auf gar keinen Fall unerwähnt bleiben. Apropos Schnitt: dieser gehört bei dem Film mit zu den totalen Pluspunkten und verdient Applaus. Auch nicht wirklich erstaunlich, denn wo die Musik so ein wichtiger Begleiter der gezeigten Bilder ist, da muß das Spiel zwischen Akustik und Visuellem natürlich perfekt auf einander abgestimmt sein. Daher entspricht der Schnitt auch stets dem Rhythmus des Soundtracks, alles wirkt wie ein großer Videoclip, bei dem Bild und Ton bestens miteinander harmonisieren. Perfekte Arbeit! 

Doch wie schaut es im Allgemeinen mit der Glaubwürdigkeit dieses Undergroundfilmes aus? Werfen wir zunächst einen Blick auf die Darsteller. Da der Film mit der Auszeichnung des Professors beginnt, begegnet der Zuschauer als erstes Horand Hölzel alias Alois Haberl. Schnell macht sich hier Ernüchterung breit. Hölzel wirkt in seinem Spiel äußerst unsicher, die Betonungen passen in den seltensten Fällen und niemand nimmt ihm sein Schauspiel ernsthaft ab. Alles erscheint hier zu statisch, zu sehr auswendig gelernt, ohne Emotion gespielt. Optisch paßt er sicherlich in die Kategorie Wissenschaftler, aber als Schauspieler macht er seine Sache leider nicht besonders gut. 

Ganz anders die SS-Soldaten: Hier überzeugten sowohl die Darsteller (allen voran Kevin Gross), als auch die in Eigenarbeit gefertigten Kostüme. Und wir lernen dabei sogar noch etwas: Nazis haben am liebsten Beck´s getrunken…

Ebenfalls wirklich glaubwürdig kommen die vier Bandmitglieder herüber: allen voran Honey und A.L.F., deren Dialogszenen zu keiner Zeit übertrieben gesprochen werden. Die zwei könnten sich mit ihrem technischen Retro-Fachchinesisch auch genauso an einem Sonntagnachmittag auf der Terrasse bei einem Kaltgetränk ihrer Wahl unterhalten. Von Overacting keine Spur! Gespannt konnte man von der Performance von Frl. Venus sein, bei der es schwierig war, diese im Vorhinein einzuschätzen, da sie doch ansonsten nach Konzerten eher zurückhaltend mit ihrer Präsenz vor den Fans umgeht und von daher einen eher schüchternen Eindruck erwecken läßt. Doch auch sie agiert mit einer derartigen Spielfreude, daß alle Zweifel sofort im Keim erstickt werden können. Daß sie an den Dreharbeiten sichtlich Spaß hatte, beweisen auch ihre Aussagen im Interview des Making Ofs. Achja: Auch ein schöner Rücken kann entzücken, Frl. Venus! Ein Königreich für einen Spiegel… 

Von den beiden Ladys hat Plastique als Marie Sophie Haberl den größeren Part, den sie ebenfalls sehr souverän meistert. Lediglich ihr Rücken- und Schmetterlings-Tattoo hätte man touchieren sollen – sie spielt schließlich ein Mädchen aus den 40ern! Apropos Filmfehler: Als sie die Kruzifix-Statue aus dem versifften Klo mit den Händen herausholt, sind selbige samt Kreuz in der nächsten Einstellung blitzsauber. Vielleicht waren diese beiden mehr als offensichtlichen Goofs ja auch beabsichtigt und sollten dem Amateurfilmliebhaber ein Lächeln hervorzaubern, so ganz glauben können wir das jedoch nicht. Nunja, nennen wir es einfach ein charmanter Hauch von Trash an dieser Stelle. :-P

Hm… fehlt da nicht noch jemand in der Darstellerriege? Indirekt schon. Nicht jemand, sondern etwas! Wie bereits erwähnt, kommt natürlich auch das inoffizielle fünfte Bandmitglied von Welle: Erdball – der Commodore C=64 – nicht zu kurz, ist er es doch, der es schließlich möglich macht, die Zeitmaschine überhaupt in Betrieb nehmen zu können. Unterstützung bekommt die alte Brotdose durch einen Kollegen, einem Atari Portfolio. 

Sehr lustig ist in diesem Zusammenhang die Szene zwischen den männlichen Welle-Parts, bei dem A.L.F. Honey vorschlägt, einen PC zu Hilfe zu nehmen. Daraufhin zeigt Honey seinem Gegenüber nur den Vogel und entgegnet: „Das wäre zu instabil!“ – großartig! 

Handwerklich i.O. ist auch die Kameraarbeit ausgefallen. Hier gibt es kein stümperhaftes (oder modernes…) Herumgewackel, die Bilder sind sauber eingefangen und die Sets  ordentlich ausgeleuchtet. Die Crew mietete sich sogar für eine ganze Nacht ein Schwimmbad, um Lichtgestalt Plastique räkelnd unter Wasser einfangen zu können. Entstanden ist eine sehr stilvolle und erotische Szene, die zwar leider recht kurz, aber dankenswerterweise öfters im Endschnitt auftaucht. Tip für alle Plastique-Schwärmer: die LE kaufen und sich das Making Of anschauen… ;-) 

Die Spezialeffekte sind – wie es sich für einen Amateurfilm gehört – simpel, aber i.d.R. effektiv und glaubwürdig in Szene gesetzt. Auch die animierten Sequenzen hat man schon in vielen anderen Amateurfilmen weitaus schlechter zu sehen bekommen. Ob nun Explosionen, Bluteffekte oder die Transformator-Sequenzen… Für ein Debüt ist das eine respektable Leistung, was der Zuschauer hier zu sehen bekommt. 

Sicherlich ist die Geschichte sehr einfach, das Drehbuch nicht tiefgründig genug, um damit den Deutschen Filmpreis zu gewinnen. Aber jeder fängt mal klein an und wenn sich Welle mit ihrem nächsten Filmprojekt zu steigern wissen, dann kann man mit Fug und Recht behaupten, daß „Operation: Zeitsturm“ ein von Filmen wie „Zurück in die Zukunft“, „Indiana Jones“ und „Die Fliege“ beeinflußter, charmanter Szenefilm geworden ist, der handwerklich und darstellerisch unterm Strich durchaus zu überzeugen weiß, der aber auch ein etwas reichhaltigeres Drechbuch hätte vertragen können. Doch wenn ein Debütfilm, ein Experiment wie dieeses, keine Schwächen und Fehler hätte, gäbe es für die Protagonisten schließlich auch keinen Grund, darauf aufzubauen. Und daß da bereits etwas Neues kommt, beweißt die Tatsache, daß beim diesjährigen WGT in Leipzig schon der nächste Film („Operation: Atahualpa“)  in der Rohschnittfassung präsentiert wird. Frei nach dem Motto: „Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist zuviel Zeit, die wir nicht nutzen!“ Wahre Worte… 

Der mitgelieferte Soundtrack umfaßt insgesamt 15 Tracks feinstes Welle: Erdball-Material mit einer Gesamtspielzeit von 53 Minuten. Dabei sind nicht alle Titel gänzlich neu – z.B. „Lebendig begraben“, „Chaos Total“, „Wizard of Wor“ kennt der Hörer bereits aus früheren Sendungen. Da es sich jedoch um einen Soundtrack handelt, ergeben auch die bekannten ausgewählten Stücke einen thematischen Sinn für dieses Konzeptalbum. Die vielleicht spannendsten Stücke auf diesem Soundtrack sind „Wir sind die Maschinen“ (Honey und Plastique im Duett), „Die falsche Front“ oder das Titelstück „Operation: Zeitsturm“, das mit einer lieblichen, Welle-typischen Melodie mit Ohrwurmcharakter daherkommt. 

„Operation: Zeitsturm“ erscheint in der Basis-Version im CD-Format und beinhaltet den Spielfilm auf der DVD sowie die Audio-CD. Die Limited Edition kommt im DVD-Format daher und enthält zusätzlich noch eine Bonus-DVD mit Making Off, Photos, Show Reels und den Trailern zu „Operation: Zeitsturm“ sowie „Operation: Atahualpa“. 

Insgesamt betrachtet liefern Welle: Erdball also ein Rundum-Sorglos-Paket ab, das nicht nur für den Hörerclub interessant sein dürfte, sondern für all diejenigen, die Interesse daran haben mitzuerleben, wie einige der wichtigsten Künstler der Szene etwas völlig Neues wagen. Alleine dieser Mut dazu, als erstes diesen Weg eingeschlagen zu haben, sollte anerkennend honoriert werden. Wenn nun also beim nächsten Projekt noch etwas mehr Treffsicherheit bei der Auswahl der Darsteller erzielt werden kann, die Story etwas mehr Reife als bei diesem Erstlingswerk besitzen wird und die ansonsten schon recht gute filmtechnische Arbeit noch weiter  intensiviert werden kann, dann können wir uns in Zukunft auf nicht nur neue Tonträger von Welle: Erdball freuen, sondern auch Platz im DVD-Regal für den einen oder anderen neuen Welle-Kinofilm freihalten. Und nun: Nutzen auch Sie die Zeit! Bestellen Sie „Operation: Zeitsturm“, solange Sie noch können!


Wertung

Darsteller Special Effects Soundtrack Kultfaktor Gesamt

Trackliste Audio-CD

  1. Intro Jarre
  2. Operation: Zeitsturm
  3. Wir sind die Maschinen
  4. Zurück zum Start
  5. Zeitstrangveränderung
  6. Die Zeitmaschine
  7. Die falsche Front
  8. Marie Sophies Reise
  9. Geld regiert die Welt
  10. Die Stunde Null
  11. Wir spielen Gott
  12. Chaos Total²³ (d.G.)
  13. Wizard of War (Erste Version)
  14. Lebendig begraben
  15. Die Zauberfee

Anspieltipps

  1. Operation: Zeitsturm
  2. Wir sind die Maschinen
  3. Lebendig begraben

 



Trailer


Tourdaten

  • 17.04.10 | Kopenhagen, DK | Forbraendingen
  • 23.05.10 | Leipzig | Kohlrabizirkus im Rahmen des Wave-Gotik-Treffen
  • 24.07.10 | Köln | Rheinparkhalle im Rahmen des Amphi Festivals
  • 30.07.10 | Emmaboda, SE | Emmaboda Festival

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