Wie das mit dem ersten Eindruck funktioniert, wisst Ihr. Ist dieser in den Sand gesetzt wird es unheimlich schwierig, das hier gefällte Urteil noch in irgendeiner Form zu beeinflussen. Dabei lohnt es sich manchmal eben doch, die erste Meinung noch einmal zu hinterfragen und diesem oder jenem möglicherweise eine zweite Chance einzuräumen. Bei mir war es mit dem aktuellen THE BEAUTY OF GEMINA Album “At The End Of The Sea” so. Hier war der erste Eindruck nämlich auch alles andere als berauschend. Aber ich bin ja nicht so, es darf sich ja jeder noch einmal versuchen. Ob es was gebracht hat?

Wie so viele Promos hörte ich auch die zu “At The End Of The Sea” im Auto. Ich verbringe dort täglich soviel Zeit, dass ich für gewöhnlich eine CD bequem zweimal in voller Länge hören kann. So geschehen auch neulich mit The Beauty Of Gemina. Zunächst war ich ganz angetan vom Eröffnungsstück “Dark Rain”, mit dem das Schweizer Gothic Rock Trio ihre Hörerschaft zum inzwischen dritten Album willkommen heißt. Hübsche Melodie, schickes Gitarrenspiel und eine herrlich düstere Grundstimmung. Ok, der Gesang hätte auch mit etwas weniger Nachhall auskommen können, aber ansonsten war das für einen Opener schon in Ordnung. Leider jedoch ging während des ersten Hördurchgangs irgendwie meine Konzentration flöten, so ab der Hälfte entstand bei mir der Eindruck, die folgenden Lieder alle gerade eben erst gehört zu haben. Langeweile breitete sich also aus. Hätte ich das Review unmittelbar im Anschluss daran geschrieben, wäre das Fazit wohl kein gutes gewesen.

Aber: ich erwähnte ja, dass ich eine CD ganz bequem zweimal während meiner täglichen Autofahrerei konsumieren kann. So also auch TBOGs neues Werk. Und was soll ich sagen? Beim zweiten Anlauf hat’s gefunkt. Da ist mir dann nämlich aufgegangen, mit welcher ergreifenden Schönheit beispielsweise “Kings Men Come” gesegnet ist. Ein wunderbares Stück Gothic-Rock, luftig in der Komposition, fesselnd im Refrain und nachhaltig wirkend, noch lange nachdem der letzte Ton verklungen ist.

Überhaupt werden ausnahmslos alle Song auf “At The End Of The Sea” von einer angenehm düsteren Stimmung begleitet, was zweifelsfrei an der vergleichsweise, nun ja, nennen wir es bodenständigen Ausstattung liegt – TBOG verzichten nämlich scheinbar auf großen Firlefanz und liefern stattdessen ehrliche, handgemachte Rockmusik ab, die dadurch natürlich auch nicht überfrachtet wird. Bombast gibt es woanders. Was nicht bedeutet, dass sie sich nicht auch Spielereien wie (sicherlich synthetische) Streicher oder verhaltenen Einsatz anderer elektronischer Komponenten erlauben. Die Arrangements sind bisweilen rockig, dann wieder psychedelisch, dann wieder treibend um schlussendlich doch in Richtung Wehmut abzudriften. Ein breites Spektrum also, jeweils passend instrumentiert. Allerdings immer so abgemischt, dass das wichtigste Instrument, die wunderbar dunkle Stimme von Sänger Michael Sele, deutlich im Vordergrund steht.

Und das ist auch gut so. Abseits der musikalischen Ausgestaltung punkten TBOG vor allem dadurch, dass sie eine sehr textlastige Band sind. Sie erzählen hier poetische, melancholische Geschichten, in denen man sich als Zuhörer verlieren kann und schnell, ähnlich wie der namenlose Protagonist, auf einer Reise, einer Suche nach dem Sinn, nach Liebe, nach Erkenntnis oder einfach nur nach dem Weg nach Hause befindet.

Es erfordert also in jeder Hinsicht eine Portion Aufmerksamkeit, wenn sich einem The Beauty Of Gemina erschließen soll. Wer bereit ist, dieses doch sehr geringe Opfer zu bringen, wird mit einem unterhaltsamen, unvermutet vielschichtigen Album belohnt, das sich ganz geschickt irgendwo im weiten Feld zwischen Gothic Rock und New Wave einordnet.

Unterm Strich bin ich eigentlich ganz froh, dass ich “At The End Of The Sea” noch mal eine Chance eingeräumt habe, obwohl mich der erste Hördurchgang ja alles andere als aus den Latschen gehauen hat. Dabei ist das dritte Album von The Beauty Of Gemina alles andere als ein langweiliges Machwerk, das so vor sich hinplätschert. Ganz im Gegenteil, es ist ein kleines Juwel im so oft totgesagten Genre des Gothic Rock, dessen Schönheit allerdings entdeckt werden will. Das geht eben nicht nebenbei, sondern nur mit der gebotenen Portion Aufmerksamkeit. Aber mal ganz unter uns: belanglose Musik für den Nebenbeikonsum bekommen wir ja auch schließlich oft genug serviert, oder?


Wertung

Fan-Faktor

Trackliste

  1. Dark Rain
  2. Obscura
  3. Rumours
  4. Kings Men Come
  5. Sacrified To The Gods
  6. End Of All
  7. Counting Tears
  8. In Silence
  9. A Fortune Tellers Dream
  10. Black Cat Nights
  11. Narcotica
  12. Endless Sleep
  13. La Mer – Rythme Eternel

Anspieltipps

  1. Rumours
  2. Kings Men Come
  3. Endless Sleep

The Beauty Of Gemina – Rumours Video


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