Seit dem 9. November ist das iPhone, Apples erster Gehversuch in Sachen Handys, auch in Deutschland erhältlich; exklusiv bei T-Mobile und zu einem zunächst augenscheinlich gepfefferten Preis. Viel wurde schon über das iPhone geschrieben, diskutiert und reflektiert. Wir haben uns die Lichtgestalt unter den Handys auch angeschaut. Soviel vorweg: Wo viel Licht ist, muss auch Schatten sein. Oder?
Das sensationellste an Apples kleinem Wundermaschinchen ist zunächst mal das mit einer Diagonale von 8,89cm angenehm große Display, das zugleich für die Bedienung des Gerätes zuständig ist. Sämtliche Eingaben, Menübefehle usw. erfolgen mittels Berührung des Displays. Darüber hinaus ist das Display mit einer mehr als doppelt so hohen Auflösung, wie sie die meisten Computerbildschirme bieten (immerhin 160 dpi statt nur 72) gestochen scharf und für Leute mit Sehschwäche ein echter Segen. Erfreulich ist dabei auch, dass sich das Display eigenständig den gegebenen Lichtverhältnissen anpasst. Selbst bei direkter Sonneneinstrahlung lässt sich noch alles bestens vom Display ablesen.
Eine bei anderen aktuellen Handys übliche Tastatur fehlt dem IPhone völlig; vielmehr wird alles über das Multi-Touch-Display eingegeben. Das Display reagiert dabei erfreulich exakt schon bei leichten Berührungen; wildes Rumgedrücke ist nicht nötig. Genauso überflüssig sind Stifte oder andere Hilfsmittelchen. Ein normal großer Daumen und/oder Zeigefinger reicht völlig hin. Zunächst mal ist das Schreiben von SMS oder eMails via der eingeblendeten QWERTZI Tastatur gewöhnungsbedürftig; zu tief sitzt doch das über Jahre angewöhne Daumendrücken auf einer 9-Tasten-Tastatur. Während man anfangs noch vergleichsweise lange braucht, um beispielsweise 160 Zeichen sinnvoll zu füllen (die abstrusen Vorschläge der Auto-Korrektur tun ihr übriges), geht das nach etwa zwei bis drei Tagen Eingewöhnungsphase so geschmeidig von der Hand, als hätte man nie anders Mitteilungen verfasst. Apropos Auto-Korrektur: Entlockt einem selbige Anfangs allenfalls ein Stirnrunzeln stellt man alsbald fest, dass dieses erstaunlich lernfähige Dingelchen cleverer ist als gedacht, denn die Auto-Korrektur merkt sich was und wie man zu schreiben pflegt. Irgendwann reicht es hin, beim Tippen quasi nur noch einigermaßen die richtigen Buchstaben zu erwischen, die Auto-Korrektur erledigt dann den Rest.
Desweiteren werden mittels Display Fotos oder Webseiten vergrößert oder verkleinert, indem man mit Daumen und Zeigefinger selbige “auseinanderzieht” oder halt “zusammenschiebt”. Das funktioniert so tadellos, dass man zunächst permanent Fotos oder Webseiten vergrößern oder verkleinern möchte. Überhaupt ist das “Rumgrabbeln” auf dem Display so genial, dass selbst das ordinäre Aufheben der Tastensperren zum Vergnügen wird: einmal über den Bildschirm mit Daumen oder Zeigefinger gewischt und schon ist das Gerät entsperrt. Wer nun übrigens Panik schiebt, dass ja das Display bei häufiger Benutzung alsbald fürchterlich zerkratzt wäre, sei an dieser Stelle beruhigt: Das Display ist überaus robust, selbst das Spazierentragen des Geräts in Hosen- oder Jackentasche tun dem Display nichts.
Netzwelt und der iPod
Eines der größten Pluspunkte des iPhones ist der Safari-Browser, ein nahezu vollwertiger mobiler kleiner Bruder des populären Mac Browsers. Durch das Netz zu surfen war auf einem Mobiltelefon nie vorher so komfortabel. Wenn man eine Adresse eingeben will, wird wieder die Tastur eingeblendet – ansonsten steht das komplette Display für die Darstellung der Webseiten zur Verfügung. Hier kann man entweder mittels des weiter oben erwähnten Ziehens die Ansicht vergrößern/verkleinern oder aber durch Drehen des Handys die Ansicht auf Breitbildformat kippen. Zusätzlich zoomt das iPhone bei Eingabefeldern, etwa für die Daten die man fürs Online-Banking braucht, automatisch mit. Somit ist das Surfen im Netz nicht bloß ein Gimmick, dass das iPhone zufälligerweise auch hat, sondern eine ernsthafte und sinnvolle Anwendung, wenn sonst kein Internet zur Verfügung steht. Die meisten im Test aufgesuchten Seiten funktionierten ohne Probleme. Mad-Goth, MySpace, last.fm – alles ohne Beanstandung zu erreichen und zu bedienen.
Auch beim Mail Programm kommt einstweilen das Gefühl auf, am heimischen PC zu sitzen, da Bild-, Office- oder PDF-Dokumente in der Mail angezeigt werden. Bearbeiten lassen sie sich allerdings nicht; hier herrscht seitens Apple wie bei einigen anderen Dingen (siehe unten) noch Nachbesserungsbedarf.
Das nächste große Plus, welches das iPhone auf der Habenseite verbuchen kann, ist der integrierte iPod Touch. Clickwheel iPod’ler werden neidisch auf die iPhone und iPod Touch User schielen, die geschmeidig durch die Musiksammlung “schnalzen” oder das Gerät kippen, um durch die Albumcover zu blättern – quasi wie in der “Cover Flow” Darstellung in iTunes. Und Musikvideos werden jetzt auch im Breitbildformat angeschaut.
…und die Schattenseiten
So schick das iPhone auch ist, so sehr die einfache und geniale Bedienung auch begeistern kann – das Apfel Handy hat durchaus einige Defizite. Wie schwer die wiegen, sollte jeder potentiell Interessierte für sich selbst abwägen; unerwähnt sollen sie hier dennoch nicht bleiben.
Das iPhone verfügt weder über UMTS noch über einen GPS Empfänger. Das ist für ein Gerät, das quasi permanent mit dem Internet verbunden ist, reichlich albern. Zwar können sich T-Mobile Kunden über eine nahezu flächendeckende EDGE Anbindung freuen, mobiles Surfen via UMTS wäre aber doch schöner gewesen, wenn halt mal kein Hotspot zur Verfügung steht. Genauso: Wenn sich schon eine Google Maps Integration auf dem Gerät befindet – warum hat es dann nicht auch noch für GPS zwecks Navigationszwecken gereicht?
Oder: Warum gibt es zwar das nette Gimmick des YouTube Players, wenn ich aber andere Videoseiten (MyVideo oder MySpace Video) mit dem Safari ansurfe werde ich darauf hingewiesen, dass der verwendete Flash-Player veraltet sei. Albern?
Über das gänzliche Fehlen einer MMS Funktion (das iPhone kann Multimedia-Mitteilungen weder senden noch empfangen) kann man angesichts der vorzüglichen eMail-Lösung sicherlich streiten. Da aber der Großteil der Handybevölkerung ihre eMails mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit noch nicht direkt aufs Handy bekommen, wäre eine MMS Funktion durchaus wünschenswert gewesen. Ach und wenn wir schon beim textlichen Kommunizieren sind: Die Darstellung des SMS Nachrichtenverlaufs in Form der iChat Dialoge sind zwar schön und auch recht praktisch – eine Anzeige darüber, wieviele Zeichen die aktuelle SMS umfasst wäre aber durchaus sinnvoller gewesen.
Die integrierte 2 Megapixel Cam macht zwar ganz anständige Schnappschüsse, aber auch hier wäre sicherlich mehr drin gewesen. Zumal einigermaßen unklar ist, warum dem iPhone trotz einer Cam die Möglichkeit zur Aufnahme von Videoclips abgeht. In dem Zusammenhang: Ein Audiorecorder, um das iPhone auch als Diktiergerät nutzen zu können, wäre auch toll gewesen.
Die mitgelieferten Kopfhörer sehen zwar ganz schick aus, fallen klanglich aber eher in die Kategorie Spielzeug. Wer das iPhone naheliegenderweise auch als iPod Touch nutzen möchte, sollte sich hier nach Alternativen umschauen. Oh und überhaupt Kopfhörer: Zwar ist das iPhone mit einer Standard-3,5-Millimeter-Buchse ausgestattet, diese allerdings ist so tief ins Gehäuse eingelassen, dass ohne Anschaffung eines zusätzlichen Adapters die meisten Kopfhörer wohl schlicht nicht passen werden.
Der Speicher ist mit 8 GB zwar großzügig bemessen, eine Möglichkeit zur Erweierung mittels Flash-Karten wäre aber trotzdem sehr wünschenswert gewesen. Genaus unverständlich ist auch, dass man beim iPhone – genauso wie beim iPod – den fest verbauten Akku nicht tauschen kann. Festivalgänger, die beispielsweise aufs WGT fahren, können das iPhone demnach dann also getrost zuhause lassen. Bei durchschnittlier Belastung des Telefons (SMS, Mails checken und kurze Telefonate) kommt man auf allenfalls 2 Tage, die der Akku mitmacht. Wird dann noch Musik gehört oder bei YouTube Videos geguckt, ist – je nach Beanspruchung – nach 6, spätestens nach 10 Stunden das Licht aus.
Zusätzliche Software oder eigene Klingeltöne lassen sich momentan nur über Umwege, nämlich dem Hacken des Geräts, auf das iPhone spielen. Warum Apple diesbezüglich so derart kleinkariert ist, lässt sich vom Endverbraucher nur bedingt nachvollziehen. Hoffnung besteht aber insofern, da Apple für das Frühjahr 2008 ein Software Development Kit angekündigt hat, mit dem findige Programmierer die bisherigen Unzulänglichkeiten des Telefons ausbügelt und das Gerät vielleicht um die ein oder andere Funktion erweitert. Ein Telefon wie dieses schreit beispielsweise nach einer Instant Messaging Lösung. Gibt es, aber leider auch nur für gehackte iPhones. Apples hauseigene Variante iChat wäre ja wenigstens ein Anfang gewesen…
Ja und sonst so?
Das iPhone ist trotz der genannten Schwächen eines der besten Smartphones, die derzeit für Geld zu bekommen sind. Allerdings sollte man sich vor Anschaffung des nicht eben billigen Gerätes folgendes klar machen: Wer derzeit mit der Anschaffung eines neuen Mobiltelefons liebäugelt, um damit in erster Linie zu telefonieren oder SMS zu tickern und auf die iPod Funktionen keinen gesteigerten Wert legt, sollte das iPhone aller Apple-Anbetung zum Trotz liegen lassen, denn dann ist es inklusive des T-Mobile Vertrags schlicht zu teuer. Wer allerdings eine Art mobiles Büro braucht und die permanente Internetanbindung des Telefons durch Mailen oder Rumgewusel im Netz ausschöpft, bekommt derzeit nichts besseres – und einen 8 GB iPod Touch gleich obendrauf.
Das iPhone ist ein tolles, todschickes Stück Technik, das für Verzückung und Begeisterung sorgt – von einem perfekten Telefon aber meilenweit entfernt ist. iPhone Besitzer allerdings können sich darauf freuen, dass zumindest die eh schon reichlich geniale Software durch Updates seitens Apple noch um einiges besser und funktionsreicher wird.





