Da soll noch mal jemand behaupten, wir wären Kulturbanausen. Den Gegenbeweis dazu haben der verdeckte Herr Mittler, hier auch bekannt als Predator, und ich am vergangenen Montag erbracht, indem wir kurzerhand und ganz spontan nach Hannover gedüst sind, um BEN BECKERs gesprochener Bibel-Symphonie beizuwohnen. Nachfolgend ein kleiner Erlebnisbericht.
Darüber, dass sich Herr Becker der Bibel angenommen hat, um sie mit seiner unverwechselbaren Stimme im Zusammenspiel mit seiner Zero Tolerance Band und dem Filmorchester Babelsberg zu vertonen, habe ich mich ja vor einiger Zeit an anderer Stelle ausgelassen. Das Ergebnis ist ein derart beeindruckendes Hörerlebnis, das geradezu nach einer Live-Darbietung schreit. Nun, Beck Becker ist ja derzeit auch noch unterwegs, um Interessierten aus der Bibel vorzulesen. Am letzten Sonntag sind mir durch glückliche Umstände zwei Karten für das Spektakel zugekommen, die am Montag dann auch gleich in Hannover eingelöst werden wollten. Gesagt, getan.
Vorher noch schnell in Schale geworfen, weil man hatte ja einen Kulturabend vor sich, dann Richtung Weyhausen gedüst um den Predator einzusammeln – und schon ging es los Richtung Hannover und der dortigen AWD Arena, wo das Schauspiel stattfinden sollte. Nun waren wir trotz gemäßigten Tempos auf der Autobahn ein gutes Stündchen vor Anpfiff an der AWD Arena – Parkplätze gab es trotzdem irgendwie keine mehr. Also haben wir aus der Not eine Tugend gemacht und das Mad-Goth Mobil unmittelbar vor einer Fußgängerbrücke abgestellt. Da wird wohl schon kein anderes Fahrzeug mehr durchfahren, so vermuteten wir. Das eventuelle Ticket oder gar Abschleppen haben wir dreisterweise einfach mal so in Kauf genommen. Folgende Anmerkung sei dazu noch gestattet: Immerhin waren wir nicht so planlos wie andere Verkehrsteilnehmer des gleichen Ziels, die aufgrund der verwirrenden Straßenführung in Hannover kurzerhand über den Bürgersteig gebrettert sind, anstatt wie alle anderen auch einfach direkt auf der Straße zu bleiben. Das war der erste kurze Lacher des Abends. Aber das nur am Rande.
Da wir ja noch genug Zeit hatten, beschlossen wir, zunächst mal zum Aufwärmen noch eine Tasse Zaubertrank zu schnackeln. Wir sind ja schließlich nicht ausschließlich zum Spaß da gewesen; irgendwer musste sich ja auch noch um die Getränkeentsorgung kümmern. Den Wehrmutstropfen gab es gratis dazu: Zaubertränke durften zwar mit an den Platz genommen werden, fotografieren war allerdings nicht erlaubt. Schade zwar, angesichts unserer Plätze rechts oberhalb der Bühne mit den schwebenden Lautsprechern direkt im Bild allerdings auch nicht so dramatisch. Wie in der Luft hängende Lautsprechertürme aussehen, wisst Ihr, nehme ich an.
Die Klappstühle, die dezent an Sitzgelegenheiten in Schulgebäuden erinnerten, waren auch alles andere als bequem. Macht nix, dafür hatten der Herr Mittler und ich genügend Platz, um gemütlich mit einem Brezel herumzukrümeln und zu beobachten, wie sich die Arena so langsam aber sicher füllte. Kurz vor Anstoß war das Gemäuer bis auf 2 abgesperrte Sitzreihen (Gott allein weiß warum da keiner sitzen durfte) bis auf ganz wenige Einzelplätze gut gefüllt. Nahezu ausverkauft also. Kurz nach 20 Uhr ging es dann los. Zwar kam niemand mehr herum und fragte, ob noch jemand ein Eis möchte, aber wir wollen ja nicht krümelkackerig sein. Die Lichter gingen jedenfalls aus, die Spotlights dafür an und die ca. 30 Figuren des Filmorchesters Babelsberg nebst Dirigenten enterten die Stage. Direkt gefolgt von vier rotgewandeten, schnuckeligen Damen, die den Gospelchor des Abends gaben.
Das Orchester fing an zu spielen und hinter der Bühne wurden die ersten stimmungsvollen und zum Thema passenden Bilder und Animationen via Beamer an die Wand geworfen. Direkt nach diesem “Intro” betrat dann auch Herr Becker die Bühne, wie üblich bei diesen Vorführungen gänzlich schwarz gewandet. Ohne großes Aufhebens, begrüßender Worte oder sonstigen Firlefanz trat er dann an sein Pult heran und began mit seiner inszenierten Lesung. Und, liebe Leute, spätestens in dem Moment als Becker die ersten Worte des alten Testaments durch die AWD Arena grollte, war maximaler Gänsehautalarm angesagt! Sehr, sehr ergreifend und mitreissend das ganze! Anderthalb Stunden widmete sich die Bühnenmannschaft in -natürlich- gekürzter Form dem alten Testament. Die vom Orchester mit dramatischer Musik unterlegten, gelesenen Passagen wurden zwischendurch aufgelockert durch Gesangseinlagen Ben Beckers, der dann mit Orchester, Gospelchor und der Zero Tolerance Band erstaunlich passende Stücke wie Elvis’ “In The Ghetto” oder Nine Inch Nails’ “Hurt” zum besten gab.
Nach dem alten Testament war eine halbstündige Pause angesetzt, die für Getränkebe- und entsorgung genutzt werden wollte. Wie wir feststellen mussten, scheinen die Uhren in Hannover anders zu ticken. Unsere halbe Stunde war jedenfalls länger als die der Organisatoren in der AWD Arena. Wäre ja nicht weiter dramatisch, wenn die Schlangen an den Getränketankstellen nicht so elendig lang und die dortigen Hilfskräfte nicht so impertinent unfreundlich gewesen wären. Für Zaubertrank Geld auszugeben hat jedenfalls schon mal mehr Spaß gemacht als an dem Abend da.
Na wie dem auch sei: Nach der Pause ging es dann nach gleichem Schema weiter mit dem neuen Testament. Auch wenn Kenner des zugehörigen Hörbuchs hier das leise Gefühl beschlich, als wäre im zweiten Teil des Abends etwas auf die Tube gedrückt worden. Dass die Bibellesung eh nur aus ausgewählten Passagen bestand, versteht sich von selbst. Irgendwie hatte ich aber trotzdem in der zweiten Halbzeit das Gefühl, irgendwas würde fehlen. Ich mag mich irren; nachvollziehen lässt sich das jetzt nicht mehr. Wie dem auch sei: Gegen 23 Uhr kam dann der Abpfiff und Herr Becker und seine Bühnenkollegen wurden von einem restlos begeisterten Publiklum frenetisch und mit stehenden Ovationen gefeiert. Ganz, ganz großartig, was da präsentiert wurde! Ben Becker, von Berufswegen ja bekanntlich Schauspieler, stand nicht nur wie ein Götze an seinem Pult, nein, viel mehr hat er durch seine Intonierung und seinen Gesten die Bibel lebendig gemacht! Ich möchte mich kurz in die Riege derer einreihen, die vor Begeisterung Becker für die Stimme Gottes halten. An diesem Abend jedenfalls war er es.
Schwer beeindruckt haben der Herr Mittler und ich dann anschließend den Ort des Geschehens verlassen, um uns auf den Weg aus Hannover ohne Ausflüge über die dortigen Grünanlagen Richtung Heimat zu machen. Als Fazit lässt sich festhalten: ein sehr spaßiger Abend war das, mit einem hochgradig eindrucksvollen Abendprogramm, das übrigens auch dann gefallen kann, wenn man mit der Bibel ansonsten eigentlich nix am Hut hat. Die Inszenierung und Ben Beckers Bühnenpräsenz allein rechtfertigen den Besuch!




