20 Jahre Lacrimosa! Da wird es doch nun endlich mal Zeit für ein Best of-Album, richtig? Pustekuchen! Selbst nach 10 Studioalben, diversen Singles und zwei Live-Alben gibt es auch nach 20 Jahren keine stupide Compilation, die der Fan ohnehin nur der Vollständigkeit kaufen würde, sondern etwas ganz Besonderes: eine Zusammenstellung von gesuchten Demo-Aufnahmen sowie noch nie veröffentlichten Stücken aus der kompletten Schaffenszeit von 1990 bis heute, garniert mit zwei gänzlich neuen Songs! Einige dieser Titel lagen also seit über 20 Jahren im Schatten der bekannten Studioalben, bis sich Tilo Wolff zum Jubiläum entschloß, das Geheimnis dieses „Schattenspiels“ zu lüften, das am 7. Mai 2010 veröffentlicht wird.
Zunächst einmal befinden sich die beiden ersten Lacrimosa-Songs überhaupt auf dem Tonträger wieder, die Tilo bereits 1990 auf dem Demo-Tape „Clamor“ in einer überschaubaren Anzahl von 100 Stück veröffentlicht hatte: „Seele in Not“ und „Requiem“ in ihren Urversionen. Diese sind im Wesentlichen deutlich kürzer als die auf „Angst“ erschienenden Originalversionen. Aus historischer Sicht betrachtet ist es für den Fan natürlich eine tolle Sache, nun auch in den Besitz dieser raren Demos kommen zu können.
Deutlich spannender sind jedoch die nächsten beiden Stücke, da diese nun tatsächlich zum aller ersten Mal überhaupt zugänglich gemacht werden. „Seelentritt“ von 1990 ist ein sehr minimalistisch produzierter Song, der laut Tilo auch als „Requiem Teil 2“ angesehen werden kann und der bandhistorisch tatsächlich als drittes geschriebener Song nach o.g. beiden Titeln überhaupt zu katalogisieren ist. Ohne Zweifel: Der Track hätte problemos Platz auf „Angst“ finden können, ohne daß sich jemand darüber gewundert hätte.
Tack Nummer 4 lautet „Schuld und Sühne“ und ist wahrscheinlich die größte Überraschung auf „Schattenspiel“. Hier fegt dem Hörer ein peitschendes elektronisches Gewitter um die Ohren, dabei Tilos verzerrte Stimme, die pausenlos „Schuld und Sühne“ krächzt. Einige Sprachsamples aus dem Film “M – Eine Stadt sucht einen Mörder” runden dieses musikalische Stück Unsicherheit passend ab. Tilo sagt selbst über diesen Titel, daß er maßgeblichen Anteil daran hatte, daß es mit Lacrimosa weitergeht. Er brauchte diesen Ausbruch, um sich und seine Möglichkeiten ausloten zu können, um sich entscheiden zu können, mit Lacrimosa weiterzumachen und den richtigen Ton anzuschlagen. Demnach ist „Schuld und Sühne“ vielleicht aus musikalischer Sicht heraus betrachtet kein Meisterwerk, aber in der 20-jährigen Rückschau ein ganz wichtiger Punkt für die Entwicklung gewesen.
Neben weiteren Urversionen bekannter Lacrimosa-Hits wie „Schakal“ oder „Vermächtnis der Sonne“ gibt es noch weitere gänzlich „neue“ Titel, die jahrelang unter Verschluß gehalten worden sind. Dabei sind v.a. die rührigen „Morgen“ und „Schönheit straft jedes Gefühl“ zu erwähnen, die der Zeit, aus der sie entstanden sind (beide aus 2003), entsprechend dem „Echos“-Album sehr ruhig und orchestral daherkommen.
„Ein Fest für die Verlorenen“ und „Mantiquor“ legen in Sachen Härte eine deutliche Schippe drauf, wobei letztgenannter in 2005 produziert wurde und der „Lichtgestalt“ zuzuordnen ist. Wer mit Titeln wie „Kelch der Liebe“ oder „Letzte Ausfahrt: Leben“ etwas anfangen kann, der wird mit Sicherheit auch seine Freude an „Mantiquor“ haben.
„Der Verlust“ beginnt mit einem ruhigen Pianosolo und entwickelt sich nach nur ein paar Sekunden in eine lupenreine Rocknummer, die erstaunlich eingängig ausgefallen ist und echte Ohrwurmqualitäten mitbringt.
Abgeschlossen wird das „Schattenspiel“ mit zwei neuen Titeln aus diesem Jahr. „Sellador“ ist eine recht aggressive und konsequente, ja fast schon experimentelle Nummer, bei der sich Tilo nicht scheut, auch mal Elektronik in die Musik von Lacrimosa einfließen zu lassen, ähnlich wie es schon bei „Promised Land“ damals der Fall gewesen ist. Das zweite brandneue Stück heißt „Ohne Dich ist alles nichts“ und ist im Prinzip das komplette Gegenteil zu „Sellador“. Während dieser nämlich durch seine Elektronikelemente quasi an die wilden synthetischen Anfangstage erinnert, so ist „Ohne Dich ist alles nichts“ eine exzellente emotionale Rockballade geworden.
Bemerkenswert ist die Tatsache, daß alle raren Stücke nicht während der Produktion soundmäßig aufpoliert worden sind, sondern alle genau so klingen, wie Tilo sie damals aufgenommen hat. Dadurch hat der der Band und den Titeln deren Authentizität gelassen, was definitiv die richtige Entscheidung war.
In dem Booklet wird Tilo dann noch konkret zu jedem Song in Form einer kleinen Geschichte erklären, wieso es die Songs damals nicht auf die jeweiligen Studioalben geschafft haben, als sie entstanden sind und wie er heutzutage über eine Veröffentlichung dieser Lieder steht. Damit wird also auch im Booklet mehr geboten als nur die üblichen Abdrucke der Lyrics. Gedanken aus erster Hand also, alleine deshalb schon eine sehr lohnenswerte Angelegenheit. So lasset uns also gemeinsam am Abend des 7. Mai 2010 bei einem Glas Rotwein (oder eines Getränkes eurer Wahl) diesem außergewöhnlichen Studioalbum lauschen und hoffen, daß diese Geschichte noch lange nicht zu Ende erzählt ist. Auf die nächsten 20 Jahre!
Ich habe mir schon sehr lange mal wieder ein Lacrimosa-Album gewünscht, daß sich stilistisch an die Anfangstage der Band orientiert, da ich mit dieser Musik aufgewachsen bin und sie überhaupt dafür Schuld trug, mit dieser Musikrichtung in Berührung gekommen zu sein. Dieser Wunsch konnte mir nun zwar nur halb erfüllt werden, doch die Art und Weise, läßt mich doch zufrieden stellen. Wohlwissend, daß ich nun Besitzer aller offiziell als „fertig“ definierten Lacrimosa-Stücke bin, das hat doch Gesicht! Und obwohl wie gesagt ein „Schuld und Sühne“ zunächst einmal recht… anders und fragwürdig klingt, so ist es dennoch von hoher Wichtigkeit, es zu besitzen, wenn man sich seiner Bedeutsamkeit vor Augen führt (mehr siehe Lacrimosa-Interview!). Da auf dieser Doppel-CD insgesamt 18 Stücke aus 20 Jahren Lacrimosa enthalten sind, ist diese CD nicht nur für Diskographie-Komplettisten gemacht, sondern läßt auch Neulingen einen interessanten Blick auf die musikalische Vielfältigkeit Lacrimosas gewähren.
Wertung
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Trackliste
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Anspieltipps
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Schattenspiel Release-Parties
- 05. Mai 2010 – Hannover (DE) Dark Star
- 05. Mai 2010 – Zürich (CH) Palais X-Tra
- 07. Mai 2010 – Leipzig (DE) Darkflower
- 07. Mai 2010 – Schleswig (DE) Ela Ela
- 07. Mai 2010 – Trier (DE) Exil
- 07. Mai 2010 – Puebla (MEX) – Funkey Monkey
- 07. Mai 2010 – Mexico City (MEX) Bar Cria Cuervos
- 07. Mai 2010 – Buenos Aires (RA) @lternativ@
- 08. Mai 2010 – São Paulo (BR) Galeria do Rock
- 08. Mai 2010 – Koblenz (DE) Druckluftkammer
- 08. Mai 2010 – Mexico City (MEX) Dada X
- 08. Mai 2010 – Guadalajara (MEX) Bar La Mancha
- 08. Mai 2010 – Leipzig (DE) Café Neulicht
- 13. Mai 2010 – Berlin (DE) K17
- 14. Mai 2010 – Dresden (DE) Bärenzwinger
- 22. Mai 2010 – Paris (FR) Les Caves du Théâtre du Nesle
- 22. Mai 2010 – Lima (PE) Club MAO








