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Alben des Jahres 2010, Edge Of Dawn, Im Blickpunkt, Musik-Reviews, Reviews — Veröffentlicht am 16. Mai 2010 um 16:39

EDGE OF DAWN – Anything That Gets You Through The Night

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Die Nacht ist ein gefräßiges Tier. Gierig verschlinkt sie jeden von uns und nicht jeder schafft es, am Rande der Dämmerung wieder den uns umgebenden Schatten zu entkommen. Recht und billig ist jedes Mittel, das uns die Nacht überstehen lässt – wie auch immer… Damit hätten wir bereits grob das Kernkonzept des neuen EDGE OF DAWN Albums “Anything That Gets You Through The Night” umrissen. Was es sonst noch über das mit großer Spannung erwartete Zweitlingswerk aus dem Hause Frank Spinath und Mario Schumacher zu erzählen gibt und warum es definitiv eines DER Top-Alben in diesem Jahr geworden ist, erfahrt Ihr jetzt.

“Anything That Gets You Through The Night” weckt ein wenig Erinnerung an den Roman “Afterdark” des japanischen Kultautors Haruki Murakami. Ähnlich wie in Murakamis Erzählung, die einem Streifzug durch die nächtlichen Abgründe einer Großstadt gleichkommt, verwandelt das neue Edge Of Dawn Album seine Hörer in die Gefährten der Nacht, lädt sie einem zu einer Streife durch die Schatten. Abwechselnd werden wir hier zu Raubtieren oder Voyeuren, immer den schmalen Grat am Rande der Dämmerung entlangspazierend. Wir beobachten Gesichter, angestrahlt vom glühendem Neonlicht allgegenwärtiger Leuchtreklame oder schwach erleuchtet von schattenspendendem Licht sich kurz vor dem Totalausfalll befindlicher Straßenlaternen. Gesichter, in denen sich Geschichten lesen lassen; Gesichter voller Sehnsüchte oder Erinnerungen an Orte, an denen sie niemals waren. Und die am Ende der Nacht vielleicht auch nicht mehr die Möglichkeit haben werden, diese Orte zu erreichen. Wir beobachten Männer, die in Liebesmotels mit nahezu gefletschten Zähnen Macht ausüben und über ihr mal mehr, mal weniger freiwilliges Opfer herfallen. Erlaubt ist, was gefällt – und oft genug ist auch das egal. Wir beobachten zwielichtige Geschäfte in zwielichten Gassen, durchgeführt von Gestalten, die nahezu komplett mit den Schatten verschmelzen. Wir beobachten Menschen auf der Flucht vor dem Alltag, der Realität oder ihrem Leben, die sich in der flirrenden Hitze eines überfüllten Nachtclubs aus Sehnsüchten und Wünschen, Verzweiflung und Verdränung, Unterwürfigkeit und Unterdrückung, Alkohol, Nikotin und chemischen Substanzen einen Cocktail mixen, der oft an der lethalen Dosis kratzt – und sie manchmal auch überschreitet. Und wenn die Dämmerung kommt, der Morgen graut und sich die Nacht in ihr Versteck zurückzieht, dann ist die Welt eine andere als Vortag. Und Veränderung birgt oft auch Verluste…

Ihr merkt schon: in den geschickt gewählten Titel des Albums sowie in die 12 enthaltenen, perfekt komponierten, arrangierten und produzierten Songs lässt sich eine Menge hineininterpretieren. Kaum eine andere Band aus dem Electro-/Synthie-Pop-Bereich hat es in letzter Zeit auf so eindringliche und fesselnde Weise verstanden, einen über die ganze Spieldauer des Albums andauernden Film für den Kopf zu erzeugen. Jeder von Euch, der sich mit Edge Of Dawn auf die Reise durch die Nacht begibt, wird einen anderen Film zu sehen bekommen. Aber jeder von Euch, der sich mit offenem (also empfänglichem) Gemüt von diesen 12 gnadenlos großartigen Songs an die Hand nehmen lässt, bleibt am Ende der Nacht nachhaltig beeindruckt zurück. Möglicherweise auch verändert.

Dass Edge Of Dawn ein sicheres Händchen für großartige, im Electro-Bereich beheimatete Songs haben, bewiesen sie schon 2007 mit ihrem vielgelobten Debüt “Enjoy The Fall”. Immerhin war es auch eines unserer Top 5 Alben des Jahres 2007. Dem Stil, den sie damals an den Tag legten, nämlich eingängige Melodien in vielfältigen Arrangements, dazu intelligente Texte vorgetragen von einer der besten Singstimmen der Szene, Herrn Spinath, bleiben sie auch auf ihrem neuen Album treu. Die Rezeptur mag wieder die gleiche sein, aber der Feinschliff, den das Duo Spinath und Schumacher ihren Songs hat angedeien lassen, ist beachtlich. So vielschichtige, verspielte Sounds gab es lange nicht zu hören. Aber auch Reminiszenzen an “Enjoy The Fall” sind zu finden, so wirken die Stücke “Stage Fright” und “Falling” wie Brückenschläge zum Edge Of Dawn Sound vergangener Tage. Abwechslung wird auf “Anything That Get You Through The Night” groß geschrieben, schnellere Stücke befinden sich im steten Wechsel mit langsameren; praktisch den Verschnaufpausen auf dem Nachtflug. Und Edge Of Dawn ließen sich es auch nicht nehmen, das neue Werk dahingehend mit einer Überraschung einzuleiten, dass beim Eröffnungsstück “Beyond The Gate” zunächst eben NICHT Herr Spinath aus den Boxen tönt – sondern ein gewisser Mr. Reagan Jones von Iris! Die nächste Überraschung ist, dass der Sound im Vergleich zum Vorgänger viel organischer, viel wärmer wirkt. Der (sehr dezente) Einsatz von Gitarren, Piano usw. – seien sie nun echt oder nur als Sample eingebunden – bietet trügerische Sicherheit auf diesem extravaganten Nachtflug. Und Überraschung Nummer 3 ist der einzige, in deutscher Sprache vorgetragene Track “Capture”, das wie ein Stück Filmmusik daherkommt. Aber auch jenseits der genannten Beispiele gibt es so viel liebevolle Details zu hören. Jeder neue Hördurchgang offenbart neue Spielereien, die von den beiden Musikern in den Songs versteckt worden sind. Die Halbwertszeit dieses Albums ist also allein schon deshalb enorm hoch.

Nach der Veröffentlichung von “Enjoy The Fall” wurden Stimmen laut, die Edge Of Dawn als Nebenprojekt oder – noch schlimmer! – als “kleinen Bruder von Seabound” abtaten. Wer sich immer noch auf diesem Trip befindet, dem möchte ich an dieser Stelle zurufen: Bullshit! Es gibt natürlich Schnittmengen, die beide Acts gemeinsam haben. Verwundert ja aber auch nicht, wenn einer der Protagonisten in beiden Bands tätig ist. Mit “Anything That Gets You Through The Night” ist den Herren von Edge Of Dawn ein Geniestreich gelungen, das sie hoffentlich in den Augen (oder von mir aus auch Ohren) der breiten Masse endlich auf den Olymp erhebt, den sie mit dieser Glanztat hier verdient haben. Dieses Album hat das Zeug zum permanenten Begleiter durch die Nacht.

Mit “Enjoy The Fall” sind Edge Of Dawn damals ohne Umwege in meine persönliche Top 5 des Jahres eingestiegen. Und wisst Ihr was? Mit “Anything That Gets You Through The Night” vollbringen sie diese beeindruckende Leistung erneut. Wenn eine Band ein so hochumjubeltes Debüt abliefert wie das hier der Fall war, dann ist die Erwartungshaltung an den Nachfolger natürlich groß. Edge Of Dawn aber haben in den vergangenen drei Jahren nicht weniger als ein absolutes, unbestreitbares Electro-Meisterwerk heranreifen lassen, sodass sie dem Release am 21. Mai ganz gelassen entgegensehen können. Der Pressetext spricht hier von einem “wegweisendem, süchtigmachendem, opulentem Meisterwerk”. Das unterschreibe ich so. Besser kann man ein Album nicht machen und ich hoffe inständig, die breite Masse der Mitbewerber erkennt nun, dass sich Inhalt und Eingängigkeit nicht ausschließen müssen und das Faszination in diesem Genre nicht ausschließlich nur mit verzerrten Vocals und albernem Rummeltechno erzeugt werden kann. Dass es auch anders geht, haben Edge Of Dawn hier höchst eindrucksvoll bewiesen.


Wertung

Fan-Faktor

Trackliste

  1. Beyond The Gate (feat. Reagon Jones)
  2. Denial
  3. All The Time
  4. Stage Fright
  5. Valid World
  6. Capture
  7. Lucid Dreams (feat. Christa Belle)
  8. Falling
  9. Siren’s Call
  10. In Your Sleep
  11. Save My Soul
  12. Capsized

Anspieltipps

  1. Denial
  2. All The Time
  3. Falling
  4. Siren’s Call
  5. Save My Soul

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