De/Vision kann man getrost als eine feste Größe im Musikgeschäft bezeichnen. Und da sie irgendwie schon immer da waren, ist kaum jemand aus der Elektroszene, der schon etwas von der Welt gesehen hat (also im fortgeschrittenen Alter ist), an ihnen vorbei gekommen. Ich will damit sagen, ich habe De/Vision in den letzten 15 Jahren sicherlich 6-7 mal live erlebt und bin insgesamt zu ganz unterschiedlichen Urteilen gekommen. Technisch gesehen sind sie spitze, trotzdem gab es Zeiten voller Experimente, an die ich mich mit Schaudern zurückerinnere. Alles im Allem konnte man sich darauf verlassen, Qualität geboten zu kriegen, nur die Art und Weise konnte Überraschungen – gute oder schlechte – in sich bergen. Auch über die Setlist haben wir vorher ausgiebig begrübelt, und natürlich spekulierte jeder auf üppig vertretene alte Hits. Immerhin ist es noch keine große Ewigkeit her, seit De/Vision zuletzt in Braunschweig waren, vermutlich erkannten die beiden noch jede Salzstange im Meier wieder.

So begab es sich schließlich zu der Zeit des 12.05.2010 das wir um 19.27 Uhr die heiligen Hallen des Meiers Einzug hielten (genau, wir waren derer Zwei). Obwohl der Beginn erst um 20 Uhr mit den Einheizern Tenek veranschlagt war, tummelten sich bereits etliche Besucher an den Theken und beendeten unsere Diskussion darüber, ob der Abend gut besucht sein würde. Vorzeitig. Ja, er würde gut besucht sein. Die Nummernschilder der geparkten Autos verrieten uns, dass nicht wenige Weitgereiste ihren Weg nach Braunschweig gefunden hatten, außerdem bestand das Publikum zum Großteil aus älteren Semestern jenseits der 30 und sogar jenseits der 40 – und viele davon waren nicht unbedingt besonders schwarz…

Tenek materialisierten sich überpünktlich um 19.57 Uhr auf der Bühne und hauten sofort voll in die Tasten. Zugegeben, der erste Song war vielleicht etwas überlaut, aber dafür konnten die Jungs schließlich nichts. Zu Tenek sollte erwähnt werden, dass ziemlich genau 50% des Duos erst vor gar nicht allzu langer Zeit im Meier zu Gast war, nämlich als Live-Musikant von Mesh. Die Verwandtschaft zu Mesh hört man den Songs auch mal mehr und mal weniger stark an, was jetzt keine Kritik sein soll. Genau wie Mesh kommen Tenek, bestehend aus Geoff Pinkney (Alien 6, The Nine, Mesh) und Pete Steer (Alien 6, Glasshouse), live wesentlich besser rüber als aus der Konserve, die ich vergleichsweise enttäuschend seicht finde. Trotzdem gefällt mir das Duo ganz gut und ihr erstes Album wird auf jeden Fall wenigstens einen Achtungserfolg verbuchen können. Das Publikum hat den Saal zu ¾ gefüllt, was für eine Vorband durchaus ansehnlich ist. Die Musik verleitet hier und da die Ersten zum Mitwippen und rhythmischen Stehen, Tendenz steigend. Doch dann, beim letzten Lied, ausgerechnet dem Titelstück des neuen Albums „Stateless“ passiert es! Wir alle werden Zeugen der Unberechenbarkeit der Technik. Ein lautes „Pop!“ knallt aus der PA und dann ist Ende im Gelände. Rien ne va plus für die armen Tenek Jungs, es kommt kein Ton mehr aus den Boxen. Das nenne ich mal eine beeindruckende Demonstration einer potentiellen Gefahr mit der bis dorthin abstrakten Bezeichnung „Popgefahr“. Immerhin kann man froh sein, dass dieses Damoklesschwert wenigstens bis zum letzten Lied über unseren Köpfen hängen geblieben war. Dass einige geistig weniger Begabte „aus Spaß“ Buh riefen, fand ich ausgesprochen unsportlich. Immer dieses bunte Volk…

Auch wenn Tenek nur eine gute halbe Stunde gespielt haben war die Wartezeit bis zur Hauptkapelle kurz. Der Saal war ordentlich voll mit Fans und ein Blick in die Runde zeigte mir einen Querschnitt aller Tour-Shirts der vergangenen Jahre plus einige stolz getragener Mesh- und DM-Devotionalien. De/Vision bewiesen ebenfalls eine fast unverschämte Pünktlichkeit und enterten die Bretter, die viel Geld bedeuten, einige Minuten vor 21 Uhr. Steffen und Thomas erschienen in – seufz – gewohnt legeren Outfits (Jogginghose?!) und äußerst pflegeleichten Frisuren (Meister Propper und Popeye). Als Opener fand „Until the End of Time“ vom aktuellen Longplayer den Weg in unsere Gehörwindungen und danach folgte ein sehr markantes „Mandroids“. Steffen war sofort gut drauf und die Menge war gleich von Anfang an heiß auf die Mucke. Ich merkte allerdings, dass die zwei von De/Vision tatsächlich ganz ungeniert das komplette neue Album „Popgefahr“ in der Setlist verbaut hatten. Als mir dies allmählich dämmerte wurde mir auch klar, dass wir wohl auf all die ersehnten alten Hits verzichten müssten. Gut, okay, sie haben „Blue Moon“ gespielt und „Strange Affection“ und sogar „Your Hands On My Skin“, was, wie ich mir sagen ließ, noch nie vorher live vernommen worden war. Meine persönlichen Favoriten deckte das jedoch keinesfalls ab und bei insgesamt 19 Songs blieb auch nicht allzu viel Platz, wenn allein 10 Stücke davon brandneu waren. Für allgemeine Verwirrung sorgte auch die Tatsache, dass Steffen und Thomas nicht anders konnten, als ihre scheinbar ungeliebten ollen Kamellen neu aufzupolieren und damit viel verschlimmbesserten. Die anfängliche Begeisterung bei „Try To Forget“ ebbte dann auch rasch ab, als auch der letzte Besucher merkte, da stimmt was nicht. Ältere Lieder erhielten einen harten Club-Sound mit dominierenden Beats (ich glaube, die machen das seit der „Noob“ so), was eindeutig zu Lasten der Synthie-Melodien ging, die praktisch gänzlich wegrationalisiert wurden. Das war sehr schade und dämpfte die gute Laune auch nicht ganz unerheblich, obwohl der reine Enthusiasmus unter den Fans über fast alle Widrigkeiten hinweghalf. Die neueren Stücke rockten dafür richtig gut und das Schöne ist, dass das brandneue Album „Popgefahr“ kaum den Live-Versionen nachsteht und seinerseits kraftvoll daherkommt. Steffen animierte die tanzenden Fans immer öfter zum Klatschen und überließ es dem Publikum, sogar einige wohlbekannte Passagen selbst ins Mikro zu gröhlen. Nach zwei Zugaben war dann aber gegen halb 11 Uhr wirklich Schluss, immerhin sollte noch eine MD-Party steigen. Ich bin kein Freund von Motto-Abenden, ich gebe es frei zu, daher muss unser hastiger Rückzug noch vor der ersten DM-Konserve leicht panikartig ausgesehen haben. Zur DM-Party sind dann noch Gäste in den noch gut gefüllten Saal geströmt, um sich bei den Klängen ihrer Lieblinge einen gepflegten Synthie-Abend zu machen und dürften auch nicht enttäuscht worden sein.

Abschließend kann ich trotz des bisschen Unkens nur betonen, dass es ein wirklich schönes Live-Konzert war, ein knackiger Abend ohne Längen und Warterei, aber mit zwei professionellen Kapellen, bei denen die Zeit sehr schnell vorbei ging. Und das allerschönste an dem Abend : er war ganz ohne Jäger 90.




Setlists:

Tenek:

1. I don’t cry for you
2. If I should fall
3. High Ground
4. Less is more
5. Later in the summer
6. Where’s the time
7. State of mind
8. Stateless

De/Vision:

1. Until the end of time
2. Mandroids
3. Blue Moon
4. Be a light to yourself
5. Pray
6. Strange affection
7. What you deserve
8. Plastic heart
9. What’s love all about
10. Ready to die
11. Flash of life
12. Try to forget
13. I regret
14. Your hands on my skin
15. Twisted story

Zugabe 1:

1. Rage
2. Time to be alive

Zugabe 2:

1. Flavour of the week




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