Als bekannt wurde, daß der Pionier des düsteren Popcorn-Kinos Tim Burton sich der Geschichte von Lews Carroll um Alice, die dem weißen Kaninchen folgt und sich im Wunderland wiederfindet, verfilmen würde, war der Jubel groß. Ob sich Burtons Version lohnt, erfahrt ihr hier.

Burton bedient sich nur sehr vage an der Vorlage, seine Geschichte ist denkbar einfach erzählt: Die erwachsene Alice Kingsley (Mia Wasikowska) soll mit dem adeligen Hamish verheiratet werden, doch eigentlich ist sie gar nicht in den ekeligen Jüngling verliebt… Als sie die Frage nach der Verbindung fürs Leben mit Ja beantworten soll, erblickt sie das weiße Kaninchen, reißt sich los und folgt dem Kaninchen in dessen Kaninchenbau. Was dann folgt ist bekannt: nachdem sie wächst und im Anschluß wieder schrumpft, durchschreitet sie die Tür zum Wunderland.

Dort begegnet sie den sich immer streitenden Zwillingen Tweedledee und Tweedledum, den Dodo und eben das weiße Kaninchen. Ihr erster Weg führt sie zu der Raupe Absolem, welche ihr einen Blick in das Orakulum gewährt. Dabei handelt es sich um eine Art Kompendium, in welchem die Ereignisse seit Anbeginn von Wunderland eingetragen sind. Alice sieht dort, wie sie mit einem Schwert den Jabberwocky, einen mächtigen Drachen, besiegt. Natürlich hält sie das alles für einen schlechten Scherz und schenkt diesem Unsinn keinen Glauben. Dieser Unsinn wird noch verstärkt, als sie zum Verrückten Hutmacher (grandios wie immer: Johnny Depp) und dem (toll animierten) Märzhasen geführt wird. Eine solche Teeparty hat Alice wahrscheinlich noch nicht gesehen. Oder doch? Vermutlich… denn Alice war vor 13 Jahren schon einmal in Wunderland, nur kann sie sich daran nicht mehr erinnern! Anyway, die Bewohner Wunderlands versuchen Alice davon zu überzeugen, daß sie die einzige ist, die am sogenannten Bluma-Tag den Jabberwocky besiegen kann.

Der Hutmacher hat gehört, daß das dafür benötigte Schwert sich im Schloß der Roten Königin (Helena Bonham Carter) befinden soll. Kurz darauf wird der Hutmacher von den Schergen der Roten Königin gefangengenommen, deren Lieblingsbeschäftigung neben dem Crocketspiel es ist, Leute die Köpfe abschlagen zu lassen. Der Hutmacher kann die Herrin jedoch bezirzen, indem er ihr vorschlägt, für sie allerhand Hüte herzustellen. Schließlich findet Alice das Schwert und bringt es zu der Weißen Königin, in deren Diensten der Hutmacher einst stand.

In ihrem Namen tritt Alice gegen den Jabberwocky als Duellpartner der Roten Königin an, um den Bluma-Tag zu einem erfolgreichen Tag für Wunderland werden zu lassen und dadurch die Herrschaft der Roten Königin zu beenden. Ob ihr das gelingen wird?

In der Zusammenfassung der Handlung wird also deutlich: Alice ist schon einmal in Wunderland gewesen! Schon während sie die Substanz im Kaninchenbau nascht und dadurch anfängt zu wachsen, wird sie von einigen Bewohnern dabei beobachtet, die das Geschehen mit den Worten „Man sollte meinen, sie kenne das alles noch vom ersten Mal“ kommentieren. Im Laufe der Handlung scheint sich sich immer mehr daran zu erinnern, was vor 13 Jahren hier vorgefallen ist – dies wird in Form von Flashbacks untermalt.

Burton geht wie gesagt seinen eigenen Weg, er reiht nicht nahtlos einzelne Episoden und Stationen aneinander, die Alice während ihres Streifzuges durch das Wunderland erlebt, sondern kreiert einen eigenen Handlungsfaden. Das macht auf der einen Seite durchaus Sinn, da er der Story seinen eigenen Stempel aufdrückt, auf der anderen Seite jedoch gehen dem Zuschauer dadurch auch viele Charaktere durch die Lappen. Zum Beispiel gibt es hier kein Wiedersehen mit dem Walroß und dem Zimmermann, und auch Little Bill sucht man vergebens. Das ist schon jammerschade, da es sehr interessant gewesen wäre, was ein Tim Burton aus diesen Figuren gemacht hätte. Demzufolge gibt es im Prinzip nur eine Handvoll bekannter Charaktere von Carroll, der Rest stammt aus Burtons eigenem Geist.

Schauspielerisch ist zu sagen, daß die noch recht unbekannte Mia Wasikowska als Alice eine gute Figur abgibt. Anne Hathaway als Weiße Königin sieht ein wenig nach Galadriel aus, auch ihre Umgebung gleicht irgendwie ein wenig nach Bruchtal. Ihre „Overacting-Gestiken“ wirken irgendwie comichaft, aber da es bei Burton ohnehin keine Regeln gibt, ist auch daran eigentlich nichts auszusetzen. Generell scheint man sich insgesamt ein wenig bei Peter Jackson bedient zu haben, denn einige Szenen im Wald oder auch die Schlachtenszehen erinnern einen ganz automatisch an HdR.

Burtons Haus- und Hofdarsteller Johnny Depp spielt auch dieses Mal göttlich, der animierte Märzhase ist zum Schießen und Muse Helena Bonham Carter gehört zu den Highlights des ganzen Films. Ihr beiläufiges „Ab mit dem Kopf“ ist einfach herrlich anzuschauen. V.a. die Szene, bei der sie den Frosch enttarnt, der ihren Kuchen gegessen hat, ist saukomisch!

Zur 3D-Technik ist zu sagen, daß dieser Film auch sehr gut ohne selbige auskommt. Lediglich in weniger als einer Handvoll Szenen kommt dieser trendige Effekt nur zur Geltung. Hier reicht also die 2D-Version vollkommen aus.

Insgesamt ist der 2010er „Alice im Wunderland“ also ein düsterbunter Familienfilm geworden, der bewußt eigene Wege geht und sich dadurch mutig vom klassischen Stoff abwendet, andererseits wiederum gehen dadurch auch einige Erwartungen flöten. Der Film ist unterm Strich wohl nicht der erhoffte Film des Jahres geworden, aber auf jeden Fall einen Blick wert – aber das trifft ja auf jeden Burton-Film zu.

Ich persönlich hatte wahrscheinlich zu hohe Erwartungen an diesen Film gehabt, das Ergebnis war dann eher ein wenig ernüchternd. Nicht wirklich schlecht, aber eben auch kein Kracher. Ein überdurchschnittlich guter Fantasyfilm eben, nicht mehr und nicht weniger. Aus meiner Sicht hätte man da noch etwas mehr rausholen können, so fokussiert sich dann doch alles zu stark auf Johnny Depp und den Kampf um den Jabberwocky. Der Bluma-Tag rückt doch sehr schnell an. Aber wie gesagt: handwerklich ist daran nichts auszusetzen, mir haben einfach ein paar Charaktere gefehlt, die ich dort gerne gesehen hätte. Dennoch sollte man sich diesen Film keinesfalls entgehen lassen!


Wertung

Darsteller Special Effects Soundtrack Kultfaktor Gesamt

Trailer


Diskussion im Forum

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