Jeder, der vom Schreiben leben muss wird bestätigen können: an einer Schreibblockade zu leiden ist ein ziemliches Ungemach. ALAN WAKE, Buchautor und (Anti-)Held des gleichnamigen Actionspiels für die Xbox 360, kann auch ein Liedchen davon singen, immerhin hat er seit 2 Jahren keine Zeile zu Papier gebracht. Um das ganze eventuell wieder in Schwung zu bringen beschließen Wake nebst Gattin, im vermeintlich beschaulichen Bright Falls Urlaub zu machen. Eine Entscheidung mit schwerwiegenden Folgen, denn alsbald findet sich Alan Wake in einem wahrlich mörderischen Albtraum wieder – und der Spieler in einem der wohl aufregendsten Spiele dieses Jahres!
Es hätte so schön sein können: zusammen mit seiner Frau Alice will Alan Wake im schnuckeligen, bisweilen etwas hinterwäldlerisch wirkenden Städtchen Bright Falls Urlaub machen. Eigens dafür wurde ein Haus gemietet, das sich auf einer Winzigstinsel im Cauldron Lake befindet. Allerdings wäre Alan Wake wohl kaum ein “Psycho-Action-Thriller” geworden, wenn es bei diesem Heileweltgedusel bliebe. Auf dem Weg zur besagten Hütte knackt der an Schlaflosigkeit leidende Wake kurz weg und erlebt seinen ersten Albtraum, in welchem er auf der Flucht ist vor Figuren aus seinen eigenen Werken, die ihm kurzerhand ans Leder wollen. Dieser Albtraum fungiert gleich auch als Tutorial, welches dem Spieler die Steuerung des Third-Person-Shooters nahebringt und überdies das grundlegendste Mittelchen zum Überleben erklärt: Licht. Im Verlauf der Handlung setzt sich Wake nämlich mit dem sogenannten Dunkel auseinander – und dem ist naheliegenderweise nur mit Licht beizukommen. So mutiert Alan Wake also zur Lichtgestalt im Wortsinn, der, mit Taschenlampe und diversen Schiesseisen bewaffnet, seine Widersacher zunächst ..äh.. erleuchten muss, bevor er sie mit den Schießprügeln zu Asche verwandeln kann.
Aufgewacht aus diesem Albtraum, steht der nächste, für Herrn Wake sehr viel bedrohlichere schon unmitelbar vor der Türe. Alice, Alans Frau, hat in gutem Glauben nämlich einen Termin für Alan bei einem Seelenklempner ausgemacht, dessen Spezialgebiet es ist, Künstler aus ihren kreativen Blockaden zu befreien. Ganz logisch, dass Alan davon nicht so angetan ist. Man streitet sich und Wake stürmt hinaus in die Nacht. Und nun wird es richtig dramatisch: Alice leidet unter Angst in der Dunkelheit, der Strom fällt aus – und offensichtlich ist sie nicht allein im Haus. Alan hört Schreie, stürmt zurück in die Hütte, springt seiner Frau in den Cauldron Lake hinterher… und erwacht nach einem Unfall in seinem Auto. Allein in der Dunkelheit. Umgeben von Besessenen, denen auch nur mit Hilfe von Licht beigekommen werden kann. Für Wake beginnt ein albtraumhafter Trip durch die Nacht, durch eine Stadt voller Mysterien auf der Suche nach seiner Fraue. Darüber hinaus findet er immer wieder Manuskriptseiten, die scheinbar von ihm geschrieben worden sind – und die ihm bald eintretende Ereignisse schildern. Herauszufinden, was real ist und was nicht und was ihm und seiner Frau zugestoßen ist – das ist im folgenden Spielverlauf die Aufgabe des Spielers.
Zuletzt bei Alan Wake
Die Handlung des Spiels ist unterteilt in sechs einzelne Episoden, die wie eine Fernsehserie präsentiert werden. Das Ende einer Folge endet für gewöhnlich mit einem Cliffhanger, gefolgt von Musik, bei der Entwickler Remedy bisweilen durchaus Geschmack bewiesen hat. (Nick Cave, anyone?) Die nächste Folge beginnt dann immer mit einem kurzen Rückblick auf die bisherige Handlungsentwicklung. Das ist durchaus gut gelungen und steigert die Stimmung und den eh schon hohen Unterhaltungswert des Spiels noch einmal ein ganzes Stück.
Alans Reise durch die Nacht ansich hingegen ist, nüchtern betrachtet, spielerische Standardkost. War Alan Wake zu Beginn der Entwicklung im Jahr 2005 noch als Open-World-Game angedacht, so hat man sich bei Remedy (jupp, die finnischen Entwickler, denen wir Max Payne zu verdanken haben) irgendwann dagegen entschieden und auf Schlauchlevels umgestellt, die aber doch relativ weitläufig ausgefallen sind. Stört aber auch eh nicht weiter, ganz im Gegenteil. Das sorgt so eher dafür, dass zu keiner Zeit ein spielerischer oder spannungstechnischer Leerlauf einstellt sondern die Handlung zügig vorankommt. Das Spielgeschehen beschränkt sich darauf, dass Alan meist von Punkt A nach B gelangen muss, ohne in der Zwischenzeit von den Besessenen ins Jenseits befördert zu werden. Ab und zu müssen Schalter umgelegt oder Knöpfe gedrückt werden – nichts, was jemanden, der sich selbst die Schuhe zubinden kann, vor größere Probleme stellen dürfte. Aufgelockert wird das Geschehen durch gelegentliche Passagen, in denen sich Alan Wake hinter das Steuer eines Fahrzeugs begibt.
Da Alan Wake in einer amerikanischen Kleinstadt angesiedelt ist, muss man sich um die Waffenversorgung keine Sorgen machen. Revolver, Pumpguns, Jagdgewehre – Friedensharken aller Coleur finden sich an jeder Ecke. Und auch wenn die Gegner, die schattenhaften Besessenen, ihren Schrecken eher durch unvermitteltes Auftauchen (gerne auch mal in größeren Gruppierungen) beziehen als durch besonders cleveres Verhalten tut das dem spannenden Spielgeschehen keinen Abbruch.
Licht und Schatten
Ja ich weiß: jeder Schreiber, der sich hauptberuflich mit Spielereviews befasst und einen Abschnitt mit der Überschrift “Licht und Schatten” einleitet, wird zunächst mit drei Wochen Kompottsperre abgestraft. Dummerweise ist das bei Alan Wake nun mal aber das Kernelement. Die meiste Zeit nämlich latscht der Held wider Willen durch hübsch gestaltete Waldlandschaft, bewaffnet mit einer Taschenlampe, die entsprechende Schattenwürfe auf den Bildschirm zaubert. Dass die Wege, die zwischen den Points of Interests liegen, wenig abwechslungsreich sind, stört dabei nicht. Dafür sind die POI dank diverser gescripteter Ereignisse umso abenteuerlicher. Auch die ziemlich hölzern wirkenden Charakteranimationen, die vor allem in den Zwischensequenzen auffallen, könnte man bemängeln – muss man aber nicht, da die Story den Spieler sehr schnell für sich einnimmt und ganz bequem solche kleinen Fehler kaschiert. Zumal die Welt mit sehr viel Liebe zum Detail gebastelt wurde. Grafisch wäre vielleicht hier und da noch mehr drin gewesen, aber der Gesamteindruck passt einfach.
Mehr Punkte bekommt Alan Wake allerdings für den Sound. Bei seinen Wanderungen durch die Nacht wird Wake im Prinzip alles um die Ohren gehauen, was ganz sicher für Gänsehaut sorgt. Die immer passende Musik, die je nach Situation mystisch oder dramatisch klingt, trägt ein Übriges dazu bei.
Bis zum Finale, das nach knapp 8 Stunden bei gemütlichem Spieltempo erreicht ist, ballert und gruselt sich der Alan Wake Spieler durch eine raffinierte, gruselige Handlung samt gefälliger Präsentation,erlegt Besessene, Poltergeister und specialige Bessene und erlebt dabei einige Szenen, die sich wohl für immer im Gedächtnis des Spielers festsetzen werden. Ich erwähne hier nur mal das nächtliche “Festival”… ;) Nicht zu vergessen, die vielen Anspielungen, welche Remedy immer wieder als liebevolles kleines Detail in die Spielwelt gesetzt hat. Kurzum: Für Spiele wie dieses ist vor Jahren der Begriff “interaktiver Film” geschaffen worden.
Wäre man Erbsenzähler, dann gäbe es sicherlich einige Kritikpunkte, die man Alan Wake ankreiden könnte. Da wären die Animationen der Charaktere beispielsweise, das manchmal doch ziemlich starke Tearing oder auch das nicht eben vor Abwechslung strotzende Gameplay. Wie gesagt: könnte. Aber wer sich auf Alan Wake einlässt und in die Handlung abtaucht, schiebt diese kleinen Schönheitsfehler ohne Schwierigkeiten beiseite. Die 6 Episoden nehmen den Spieler sofort für sich ein. Ich hatte lange kein Spiel mehr in der Mache, bei dem ich mich von Anfang bis Ende so angenehm gegruselt habe. So manches Mal habe ich mich auch dabei erwischt, wie ich vor lauter Aufregung den Atem angehalten habe. Alan Wake mag hier und da noch Luft für Verbesserung haben, trotzdem ist es für Freunde handlungsgetriebener Actionspiele definitiv ein Pflichtkauf. Ich warte schon händeringend auf die angekündigten nächsten Episoden, die demnächst via Download erhältlich sein sollen.
Wertung
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Alan Wake Trailer
Screenshots
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