Wenn ein Mann wie Trent Reznor ins Rampenlicht der Öffentlichkeit zurückkehrt und dabei ein neues Musikprojekt in der Tasche hat, dann wird ein großer Teil der alternativ bzw. industriell orientierten Musikliebhaber zunächst einmal hellhörig. Aus gutem Grund, denn Reznor, das Mastermind hinter Nine Inch Nails, gilt als einer der kreativsten Musiker im Alternative/Industrial Bereich überhaupt. Wenn er sich aber dezent im Hintergrund hält und vor allem seiner Frau Mariqueen Maandig die Bühne überlässt, ist erst recht Neugier angebracht. Also: Vorhang auf für HOW TO DESTROY ANGELS und deren Debüt-EP “The Space In Between”!
Dass Reznor kein Fan althergebrachter Spielregeln der Musikindustrie ist, hat er in der Vergangenheit ja schon ein paar Mal gezeigt. Ob nun Viralmarketing mittels “zufällig vergessener” USB Sticks, dem Verschenken ganzer Alben via Download (z. B. “The Slip”) oder dem Bereitstellen von Audio- und Videomaterial, mit welchem sich Fans ihre eigenen Remixe basteln oder Konzertfilme selber schneiden können. Reznor hat erkannt, dass das Internet nicht sein Feind ist. Seiner Popularität hat das keinen Abbruch getan und die nach wie vor parallel veröffentlichten physischen Tonträger werden auch weiterhin ihre Abnehmer gefunden haben. Aber das hier soll kein Aufsatz über das Für und Wider prinzipiell kostenloser Downloads werden. Vielmehr bringt mich Reznors Geschäftsgebaren zu der Annahme: wer sich nicht mehr damit beschäftigt, gegen Windmühlen anzukämpfen hat mehr Kapazitäten übrig, die er in das Kerngeschäft, das Musikmachen nämlich, stecken kann. Und mit der Musik wollen wir uns nun auch endlich mal beschäftigen hier.
Auch wenn How To Destroy Angels, benannt übrigens nach einem Song der Band Coil, Reznors Ehefrau und Lichtgestalt in Personalunion, Mariqueen Maandig, (wenigstens als) Sängerin in den Fokus rückt, so lässt sich dennoch die Handschrift von Reznor und seinem NIN-Bandkollegen Atticus Ross heraushören. Zwischen die sich teils irgendwo im Bereich von düster und schwermütig bewegenden Arrangements mengen sich auch immer wieder gerne mal die verschrobenen, verzerrten Konstrukte, wie man sie von NIN zur Genüge kennt. Der Sound von How To Destroy Angels ist immer ein Drahtseilakt zwischen “geht gut ins Ohr” und “gibt sich alle Mühe, irgendwie anzuecken”.
Das Stück “The Space In Between” ist inzwischen sicherlich hinreichend bekannt. Der nächste Track der gleichnamigen EP, “Parasite”, ist schon eher ein Paradebeispiel für die das eben erwähnte Aufeinandertreffen zweier Welten. Frau Maandigs Gesang weht wie ein warmer Frühlingswind über eine kalte und maschinelle Landschaft bestehend aus … nun ja… schon irgendwie Krach. Dem gegenüber stehen Songs wie “Fur Lined”, das, gemessen an Reznor’schen Maßstäben, schon nahezu poppig und leichtverdaulich anmutet. Gegen Ende hin wirkt der Song sogar fast so, als hätte man kurz in den 70ern Halt gemacht und dabei irgendwas gitarrenmäßgies überfahren, was am Klangvehikel klebengeblieben ist. Überhaupt besticht “How To Destroy Angels” durch ein gesundes Maß an Experimentierfreude. Das unterhaltsame “BBB” zum Beispiel taugt als Discostampfer im wahrsten Sinne des Wortes, “The Believers” kombiniert akustische Versatzstücke aus allen Ecken der Welt mit den quasi obligatorischen Störgeräuschen. Und “A Drowning” schlussendlich beendet die EP, wie sie begonnen hat: mit einer Ballade aus einer anderen Welt.
Nicht immer ganz bequem dafür aber garantiert über die ganze Spieldauer unterhaltsam bietet die “The Space In Between” einen faszinierenden Einblick in einen Klangkosmos, der sich mit diesem Einstand auszubreiten beginnt. Hier darf man wohl noch so einige Großtaten erwarten.
Oberflächlich betrachtet könnte man “The Space In Between” wie folgt umschreiben: Nine Inch Nails seichtere Stücke, nur eben mit weiblichem Gesang. Ich finde aber, damit würde man dieser gelungenen weil abwechslungsreichen EP unrecht tun. Natürlich ist nicht zu überhören, wessen Kind diese EP ist. Trotzdem verfügen die Songs mit ihren manchmal sperrigen, manchmal sphärischen Arrangements genügend Eigenständigkeit, um auch auf Dauer zu gefallen – und sich vom großen Bruder abzuheben. Möglicherweise wäre die Stimme von Mariqueen Maandig in einem anderen Projekt nicht weiter aufgefallen, hier aber ist ihre weiche, angenehme Stimme das Tüpfelchen auf dem i. How To Destroy Angels ist definitiv ein Projekt, das weitere Beachtung verdient. Und auch wenn man die Songs kostenlos herunterladen kann, spreche ich dennoch eine Kaufempfehlung aus. Nicht nur für NIN Fans, sondern für alle, denen der Sinn nach alternativer bzw. industrieller Beschallung steht.
Wertung
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Trackliste
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Anspieltipps
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