Es gibt Bands, die sind bereits so lange erfolgreich und stilprägend im Geschäft, da ist die Erwartungshaltung schon aus Prinzip hoch, wenn sich ein neues Album am Horizont abzeichnet. Und wenn die vor elektrischer Erregung bereits zitternde Fangemeinde auch noch mit einer Vorabsingle angefüttert wird, kennt die Spannung kaum noch Grenzen. FRONT LINE ASSEMBLY, lange schon im Electro/Industrial Bereich ganz vorne mit dabei, ist so eine Band. Freitag steht Ihr neues Baby “Improvised. Electronic. Device.” in den Läden und die einzigen wirklichen Fragen, die sich stellen, sind: Können Sie es noch? Und hinterlassen sie damit noch Spuren?
Lässt man einmal dieses Remix-Gedöhns, das auf der “Fallout” versammelt war, außen vor, dann liegt das letzte richtige Front Line Album (“Artificial Soldier”) auch schon geschmeidige vier Jahre zurück. Eine Menge Zeit, in der so einige Bands versucht haben, den Genre-Thron zu erobern, alte Helden zu verdrängen oder einfach nur aufgezeigt haben: Sportsfreunde, die Luft wird dünner! Andererseits: eine Band wie Front Line Assembly würd wohl kaum über all die Jahre ganz oben mitspielen, wenn da nicht auch die entsprechende Substanz dahintersteckte. Somit wäre die Ausgangsfrage geklärt: Ja, sie können es noch. Und wie!
In Pressetexten sowie in Reviews wird gerne das Bild eines über den Hörer hereinbrechenden Gewitters bemüht. Im Falle von “Improvised. Electronic. Devise.” bin ich mehr als geneigt, dieser ausgelutschten Metapher beizupflichten. Das Titel- und Eröffnungsstück ist ein Paradebeispiel dafür, beginnt es doch zunächst mit sphärischen, waberndem Synthie-Nebel. So wie die Ruhe vor dem Sturm quasi. Noch hätte man Gelegenheit, sich einen sicheren Unterschlupf zu suchen, ehe das Gewitter, das Donnerwetter, hier dargestellt mit fetten, elektronisch bearbeiteten Gitarrenriffs auf den Hörer einprasselt. Ummantelt von wütenden Gesangspassagen und zwischendurch kurze, pianohafte Passagen, die dem Hörer ein falsches Gefühl der Sicherheit geben. Überhaupt: so wenig unsere schöne, neue Welt noch ein Ort von Sicherheit und Geborgenheit darstellt, genauso sehr vermitteln FLA auf ihrem neuen Werk das Gefühl von Unsicherheit, Paranoia und dem kalten Gefühl der Erkenntnis, das in unseren Zeiten irgendwie nichts mehr zusammenpasst. Die teilweise martialisch geformten Texte, die aggressive Musik – all das gibt ein nahezu janusköpfiges Gesamtbild ab: man möchte sich den großartigen Arragements ungehindert hingeben, wird aber permanent daran erinnert, dass wir mit 180 Sachen frontal auf eine Wand zusteuern. Wie unangenehm.
Sicherlich kann man den Kopf auch ausschalten. Was dann bleibt, ist ein Album richtig, richtig fetter Sounds und erstklasiger Arrangements. Front Line Assembly schmeißen hier Dinge in einen Topf, die sie auch früher schon zu akustischen Leckereien zusammengerührt haben. Wir finden die bereits erwähnten, elektronisch veredelten Gitarrenriffs hier genauso wieder wie scheinbar immer noch gerne unternommenen Ausflüge in Richtung Drum’n'Bass, hier und da garniert mit Breakbeats. Großartig dabei, dass Front Line Assembly nicht so sehr auf Krawall gebürstet sind, dass sie ihre Hörerschaft unter akustischen Dauerbeschuss nehmen. Will sagen: selbst wenn ein Song noch so auf das geneigte Auditorium herniedergeht – die Truppe um Bill Leeb setzt genug Pausen, damit das gerade Gehörte kurz verdaut werden kann. Immer wieder sind Passagen eingebaut, in denen man nicht nur kurz Luft holen kann, sondern die es auch ermöglichen, kurz innezuhalten und über die ausgefeilte Produktion zu staunen. Einen derart luftigen Sound hat man wohl schon lange nicht mehr zu hören bekommen. In Zeiten und einem Genre, wo alles immer mehr zusammenkomprimiert wird und CDs digital übersteuert werden, dass es audiophilen Menschen die Tränen ins Gesicht treibt, gleich gar nicht.
Die Ausnahme bildet wohl das Stück “Stupidity”, aufgenommen mit Al Jourgensen (Ministry, Revolting Cocks). Eine extrem schnelle, ziemlich harte und definitiv sehr wütende Nummer, die vor allem aufgrund der beiden Songs, die “Stupidity” auf dem Album umrahmen, besondere Wirkung entfaltet. Da wäre zum einen “Afterlife”, bei dem Front Line Assembly ein paar Gänge zurückschalten. Sie liefern hier eine akustische geprägte Ballade ab, die sich schnell als Soundtrack für persönliches Kopfkino des Hörers entwickeln kann. Der dann aber dank “Stupidity” wieder aus seinen Gedanken gerissen und auf den harten Boden der Realität zurückgeholt wird. Abgerundet und abgeschlossen wird “I. E. D.” durch das Stück “Downfall”, eine achtminütige, rein instrumentale Erholungsreise aus dem Inferno der vorangegangenen Stunde.
Ob Front Line Assembly hier an frühere Heldentaten anknüpfen, wird wohl jeder Fan für sich entscheiden müssen. Festgehalten werden muss aber: mit “Improvised. Electronic. Device.” haben die Kanadier eines der fettesten Electro/Industrialalben seit langem abgeliefert und damit zwei Dinge bewiesen: ja, sie können es noch. Und im Vergleich zu dem hohen Standard von FLA sind die allermeisten Mitbewerber noch grün hinter den Ohren.
Ich überlege gerade, was es zu dieser Scheibe noch zu sagen gibt, das nicht schon aus dem Review ersichtlich wird. Ich denke ich nutze den Platz hier um noch einmal deutlich darauf hinzuweisen, dass Front Lines neues Schaffenskind ein Hörerlebnis der besonderen Art ist, was zu guten Teilen an der astreinen Produktion liegt an der sich so manch andere Band mal eine Scheibe abschneiden könnte. Desweiteren sind die Songs auf diesem Album so viel verspielter, als es beim ersten Hördurchgang ersichtlich bzw. erhörbar ist. Noch nach etlichen Hördurchgängen finde ich immer wieder Details, die mich kurz die Genialität der am Album beteiligten Personen bewundern lässt. Mit anderen Worten: eine große Scheibe, eine mächtige Scheibe und möglicherweise auch Impuslgeber eines sich irgendwie im Kreis drehenden Genres. Wie mein Kollege nephit sagen würde: die kann was. Aber ob es nun das beste Album Front Lines ist – die Entscheidung nehme ich Euch an dieser Stelle nicht ab. ;)
Wertung
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Trackliste
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Anspieltipps
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Links
Diskussion im Forum:
- http://www.madgoth.de/forum/musik-reviews/6008-front-line-assembly-improvised-electronic-device.html












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