Wer sich auch nur etwas mit Musik beschäftigt, stößt irgendwann zwangsläufig auf die Kombination: gesprochene, von einer Frauenstimme vorgetragene Texte und ein Grundgerüst aus (meist) elektronischer Musik. Nichts wirklich bahnbrechend Neues also. Trotzdem ist diese Mischung Sprechgesang + Musik noch nicht so ausgelutscht wie so manch andere Spielart unserer Szene. Daher kann man es also durchaus als theoretischen Zugewinn für den Musikpool betrachten, wenn relativ junge Bands wie :OT: OBERER TOTPUNKT mit Alben wie ihrem dritten, “Stiller Zoo”, in diesem Bereich Boden gutmachen möchten. Theoretisch.

Es gab in der Vergangenheit ja schon diverse Künstler und Bands, welche in ihren Songs der gesprochenen Vertonung gegenüber dem Gesang den Vorzug gegeben haben. Sei es aus schlichtem Unvermögen, vielleicht auch aus purer Rücksichtnahme dem Hörer gegenüber, oder weil sich – eine entsprechende Vortragsweise vorausgesetzt – dadurch mehr Dramatik und Theatralik erreichen lässt. Was die genauen Gründe bei :OT: Oberer Totpunkt gewesen sein mögen, darüber lässt sich nur spekulieren. Vielleicht kann Bettina Bormann nicht singen, vielleicht mochte sie auch einfach nur nicht. Stattdessen trägt sie ihre prosaischen, bisweilen irgendwo zwischen gesellschaftskritisch und abgründig rangierenden Texte gesprochen vor. Spoken Word Music benennt die Truppe aus Hamburg-Altona ihr Tun. Anzumerken ist: keine unangenehme Stimme, für wahr, aber bei Texten, die sich zum Beispiel mit Vlad, dem Pfähler – allgemein unter seinem specialigen Nickname Dracula bekannt – beschäftigen (“Gevatter Tod”) oder auch den Folgen blinder Eifersucht (“Nervenfieber”), da erwarte ich schon etwas mehr als das, was wir hier zu hören bekommen. Zwar ist dieser Sara Noxx-/Anne Clarke Style nett anzuhören, die nötige und eigentlich gebotene Dramatik fehlt mir hier aber irgendwie. Ähnlich verhält es sich mit der Musik, welche die meiste Zeit ziemlich gleichförmig und somit leider ziemlich belanglos im Hintergrund dahinplätschert. Wären da nicht gelegentliche Einwürfe von Frau Bormanns Mitstreitern (Stichwort: Fideralala bei der makaberen Vogelhochzeit), ich hätte die Präsenz von Bandkollegen glatt in Frage gestellt. Punkte in der B-Note bekommen :OT: aber für die Neuinterpretation des Fehlfarbenklassikers “Paul ist tot” vom “Monarchie und Alltag” Album aus den 80ern. Der Song wartet nämlich mit einer Vielzahl an Gastmusikern auf, konsequenterweise mit Fehlfarbe Peter Hein sowie unter anderem Marianne Iser (Schneewittchen) oder Bruno Kramm (Das Ich).

Unterm Strich ist “Stiller Zoo” ein Album geworden, dessen größte Stärke die durchweg guten Texte sind. Fans von Hörspielen bzw. Hörbüchern und der so bezeichneten “Spoken Word Music” als solche könnten damit also durchaus Freude haben. Aus musikalischer Sicht wird “Stiller Zoo” wohl die große Masse an Zuhörern verweigert bleiben, fürchte ich. Zu experimentell wird es für die einen sein, zu unausgegoren bzw. inkonsequent für die anderen. Spezielle Musik für ein spezielles Publikum. Wie es das Label Danse Macabre schon so schön formulierte: “ein neues Kapitel der Neuen Deutschen Todeskunst”. Den Massenmarkt werden :OT: demnach so oder so nicht im Blick gehabt haben.

Ehrlich gesagt, tu ich mich etwas schwer mit “Stiller Zoo”, denn ich frage mich, wen die Damen und Herren aus Hamburg mit diesem Album erreichen wollen. Die sachlich nicht ganz so weit entfernten Sara Noxx-/Anne Clarke Hörer werden sie damit nicht ködern können, dafür ist die Mucke im Hintergrund zu unspektakulär. Fans von Goethes Erben, bei denen es ja auch eher um die Inhalte als um die Verpackung geht, werden vermutlich auch nur bedingt glücklich werden hier. Es fehlt dem Vortrag schlicht die nötige Intensität. Aber das ist alles reine Spekulation. Die Zeit wird zeigen, wie gut “Stiller Zoo” beim Publikum ankommt. Mich persönlich kickt es nicht, erkläre mich aber gerne zu einem neuerlichen Versuch bereit. Das Konzept ist nämlich nach wie vor interessant und, wie eingangs erwähnt, noch nicht so überreizt wie so manch anderes Genre, Ideen sind auch da. Einzig mir fehlt hier mehr Action, mehr Dramatik, damit der Daumen wirklich nach oben geht. Just my 2 cents.


Wertung


Trackliste

  1. Staub
  2. Es war einmal
  3. Die Vogelhochzeit
  4. Zorn des Drachen
  5. Gevatter Tod
  6. 1001 Nacht
  7. Teufels Lehrerin
  8. Nervenfieber
  9. Gefangen im Vergangen
  10. Paul ist tot
  11. Sternenstaub
  12. Es wird einmal gewesen sein

Anspieltipps

  1. Die Vogelhochzeit
  2. Gevatter Tod
  3. Teufels Lehrerin

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