Ich habe es in der Vergangenheit oft getan, vermutlich wird sich das auch in nächster Zukunft nicht ändern: Begeistert festzustellen, dass die beste, zeitgenössische Pop-Musik nach wie vor aus Schweden zu uns herüberschwappt. ASHBURY HEIGHTS, deren zweites Album “Take Cair Paramour” seit heute erhältlich ist, gehören zu den Bands, die meine Theorie untermauern. Lässt man die “Morningstar In A Black Car” EP mal aussen vor, steht das schwedische Duo hiermit vor der schwierigen Aufgabe, dass das zweite Album nach einem sensationellem Debüt richtig knallen muss. Schauen wir mal, inwiefern das geklappt hat.

Werfen wir mal einen kurzen Blick zurück: 2007 war es, als ein junges, schwedisches Electro-/Synthiepop-Projekt aus Schweden mit ihrem Debüt “Three Cheers For The Newly Deads” von sich reden machte. Ein Debüt übrigens, dass sogar die Verantwortlichen beim Label von Ashbury Heights, Out Of Line, dermaßen geflasht haben muss, dass die Schweden nach wie vor Rekordhalter für das schnellste Signing im Hause Out Of Line sind. Etwa ein knappes dreiviertel Jahr später folgte die obligatorische EP, “Morningstar In A Black Car”, die zwar durchaus solide Electro-Kost bot, bei der Ashbury Heights aber weit, weeeiiiiiit hinter den Möglichkeiten blieben, die sie auf ihrem Debüt präsentierten. Dazwischen gab es personelle Veränderungen – böse Zungen behaupten ja, Ashbury Heights sei eigentlich nur ein Ego-Ding von Frontmann Anders und die anderen Figuren um ihn herum nur Statisten, Festivalauftritte und hier und da mal einen Remix. Und jede Menge bisweilen sogar sehr selbstzweiflerisches Gezwitscher via Twitter von Anders.

Darf man nun, drei Jahre nach dem fulminaten Start und einer etwas holprigen Zwischenlandung Erwartungen an diese Band haben? Nein. Man muss! Was auch immer für Zweifel an der Band aufgekommen sein mögen, mit “Take Cair Paramour” fegen Ashbury Heights sie mit ungeahnter Leichtigkeit beiseite. Und Kritikern, Zweiflern und anderen, nicht von Ashbury Heights überzeugten Personenkreisen zeigen sie, dass sie nicht nur keine Eintagsfliege sind, sondern die viele Zeit sehr sinnvoll in die Ausgestaltung des eigenen Klangprofils gesteckt haben.

Auch wenn man in das Debütalbum viele Anleihen an den Sound der 80er Jahre hineininterpretieren konnte und kann, so ist der Ansatz, den Ashbury Heights mit ihrer Musik verfolgen: Wie hätte sich das Genre Synthie-Pop entwickelt, wenn es konstant durch die 90er Jahre hindurch bis heute richtig populär geblieben wäre?

So ist “Take Cair Paramour” nicht mehr als eine zeitgemäßige, sehr wohl gefällige Modernisierung des besagten Genres.  Aber eben auch nicht weniger. Eingängige, leichtfüßige Melodien, Hooklines die sich unmittelbar nach erstem Hören im Hirn festsetzen, hohe Tanzbarkeit, starkes Feierpotential und einfach jede Menge Spaß. Und dazu die besagte Weiterentwicklung in ihrem Sound. Das Eröffnungsstück “Anti Ordinary” zum Beispiel wartet mit fröhlichen, vermutlich aber nicht so ganz echten Gitarrenriffs auf, die dem Stück eine besondere Note verleihen, ohne dabei den Klang von Ashbury Heights in eine andere Richtung zu drängen. Dafür sind die Gitarren dann doch zu glatt gebügelt, aber Electro-Rock soll und will das gar nicht sein. Gott sei dank!

Oder nehmen wir “Beautiful Scum”, das mit dem sehr dezenten Pianogeklimper im Hintergrund sich vornehm an “When The Rain Begins To Fall” von Jermaine Jackson & Pia Zandora orientiert. Ein bischen 80er geht eben immer, vor allem bei Ashbury Heights. Mit “I Can Kill You So Easily” schickt das Duo übrigens ein in mehrerlei Hinsicht bösartiges Lied ins Rennen: zuckersüße Melodie, rabenschwarzer Text – und eine extrem ohrwurmfähige Melodie. Wie zum Geier soll ich diese Melodie jemals wieder aus meinem Kopf bekommen?! Dieser Song verdeutlicht aber noch einen anderen Trend, der sich auf diesem Album immer wieder bemerkbar macht: wenn Ashbury Heights jemals die besagte Ego-Nummer von Anders war, dann scheint er von diesem Trip jedenfalls kuriert zu sein. Der Refrain in diesem Song wird nämlich vornehmlich von seiner Partnerin Kari Berg getragen. Überhaupt kommt dem weiblichen Teil des Duos hier eine deutlich größere Rolle zu als es noch zu “Three Cheers [...]” Zeiten der Fall war. Eine Entwicklung, die ich nur begrüßen kann. Genauso wie die allgemeine Entwicklung dieser noch viel zu unterschätzten Band. Gesang, Songwriting, Arrangements, Produktion – an allen Ecken und Enden haben Ashbury Heights geschraubt, um sich zu verbessern. Und in allen Bereichen sind klare Steigerungen gegenüber dem eh schon starken Vorgängeralbum zu verzeichnen. Na also, geht doch. ;)

“Take Cair Paramour” erscheint genau zur richtigen Zeit. Angefüllt mit jeder Menge (melodietechnisch) gudder Laune Songs servieren Ashbury Heights hier den Soundtrack für den Sommer. Leichtfüßig und leicht verdaulich, unterhaltsam und handwerklich spitze. Ob sie dadurch nun unbedingt den großen Anklang in der Schwarzen Szene finden werden – Texte hin oder her – wird sich zeigen. Aber wenn sie auch darüberhinaus anklang finden sollten, soll mir das sehr recht sein. Für mich klar DAS Album des Sommers und ich möchte an dieser Stelle noch nicht ausschließen, dass man sich bei der Jahresendauswertung noch mal über dieses kleine Meisterstück wird unterhalten müssen.


Wertung

Inhalt Gesang Klang Fan-Faktor Artwork Gesamt

Trackliste

  1. Anti Ordinary
  2. Beautiful Scum
  3. Scars Of A Lighthouse
  4. I Can Kill You So Easily
  5. Hope
  6. Crescendo
  7. Shades Of Black
  8. The Ashes In Her Breath
  9. Night Creature
  10. Medicine
  11. Dancer’s Nocturne
  12. Kingdom Confession
  13. Unbearable Beauty
  14. Invisible Man

Anspieltipps

  1. Beautiful Scum
  2. I Can Kill You So Easily
  3. Crescendo
  4. Kingdom Confession

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