Dieses Jahr öffneten sich das erste Mal Tür und Tor des E-tropolis-Festivals für die ganz hartgesottenen Electroheads. Auf dem Gelände rund um den Columbia Club und der Columbia Halle sollte dieses laute Spektakel statt finden und ca. 3500 Besucher aus ganz Deutschland und Europa strömten nach Berlin um dabei zu sein. 13 Bands gaben sich die Ehre diese Premiere zu einem unvergesslichen Ereignis werden zu lassen und das Line up welches die Macher vom Amphi-Festival in Köln und dem Zita-Rock in Berlin auf die Beine gestellt haben bot wirklich für jeden etwas.

Ursprünglich sollte das E-tropolis Festival genau wie auch das Zita-Rock in der Zitadelle in Berlin statt finden, zog dann jedoch noch um zum Columbia-Gelände in Tempelhof. Hier gab es zwar meiner Meinung nach einige Platzdefizite, die Festivalbesucher ließen sich davon jedoch nicht in ihrer Feierlaune stoppen. Denn es war trotzdem ausreichend für Rückzugsmöglichkeiten in den beiden Biergärten gesorgt. Sowohl Liegestühle als auch Bänke und die dazugehörigen Stände die Speis und Trank anboten, sorgen für jede Menge Entspannung in der Sonne (für die Sonnenanbeter) und auch im Schatten der beiden Hallen. Auch eine Liveübertragung des aktuell laufenden Achtelfinales der Fußball-WM im Untergeschoss durfte nicht fehlen. Verbunden sind die Gebäude durch einen Innenhof und hier wurden sämtliche zum Anlass passenden Cds, DVDs, Buttons und Klamotten zum Verkauf angeboten.

Ein Nachteil dieser Art der räumlichen Trennung waren vielleicht die Türen, die eindeutig zu schmal waren wenn eine Horde Electroheads von einem Auftritt in die andere Halle zu einem anderem Auftritt wollten. Doch hier muss ich sagen, ist trotzdem alles friedlich abgelaufen und es wurde sich brav angestellt bis man an der Reihe war. Als es gegen Abend dann doch ein bisschen enger in der C-Halle wurde (im C-Club hielt es sich in Grenzen und der Platz war ausreichend) wurden sogar die oberen Ränge für die Festivalbesucher geöffnet und nur ein kleiner Teil des oberen Bereichs war für die VIP-Gäste abgesperrt. Hier Hut ab, dass diese Entscheidung getroffen wurde, denn sonst wären einige Besucher sehr traurig gewesen weil sie nichts von den Künstlern gesehen hätten.
Und nun zu einem echten Highlight: die Toiletten. Keine Dixis. Nein. ECHTE Toiletten und davon auch noch ausreichend! Aber natürlich geht es hier ja um die Musik und der widmen wir uns jetzt auch. Denn Schlag 15 Uhr legte auch der erste Act Patenbrigade:Wolff schon los und nur für euch haben wir uns zerrissen und waren bis zum Ende in beiden Hallen gleichzeitig!

Line Up:

PATENBRIGADE: WOLFF
KMFDM
LEÆTHER STRIP
DAF
FEINDFLUG
COMBICHRIST
COVENANT
HOCICO
SHE’S ALL THAT
CYBORG ATTACK
MERGEL KRATZER
MIND.IN.A.BOX
XOTOX

Und auch bei der Aftershowparty sollten sich bekannte Namen an den Mischpulten tummeln:

DJ HONEY (Welle: Erdball)
DJ ANDYK (Melotron)
DJ CHRIS L. (Agonoize)

PATENBRIGADE: WOLFF

Es ist ja nie einfach der „Opener“ zu sein und dafür zu sorgen, dass das Publikum in die gewünschte Festivalstimmung kommt. Doch die Berliner haben gewusst wies geht und haben die Besucher hervorragend eingestimmt. Schon da waren die ersten Mit-zappler vor der Bühne zu sehen und es zeichnete sich ab was hier noch auf uns zukommen würde.
Musikalisch war der Auftritt gut abgemischt (bis auf den Gesang, der vielleicht einen Tick zu laut war.) und hat Spaß gemacht, vor allem als die Patenbrigade mit einer Minipyroshow aufwarteten. Vom Stil her ist die Combo zwar (wie alles andere auch) Geschmackssache, passte aber hervorragend ins Konzept des Tages: laut, basslastig und alles andere als weichgespült.

KMFDM

Für KMFDM war es natürlich kein sonderliches Problem das Publikum nun völlig zum ausrasten zu bringen (und das schon beim erst zweiten Auftritt an diesem Tag!) denn auf dem Festival trieben sich doch der ein oder andere Fan dieser musikalischen Konstellation herum. Das war beim Jubel zur Begrüßung der Band auch nicht mehr zu überhören. Besonders bejubelt wurde hier die Sängerin Lucia Cifarelli die dies auch mit einer Begeisterung an die Fans zurück gab. Der Auftritt war energiegeladen und absolut fehlerfrei. Die Halle hat vom Bass gebrummt und es wurde hemmungslos getanzt in den ersten Reihen. Der Rest war wohl noch nicht richtig aufgewärmt, wackelte aber zumindest mit den Knien. Bei einer Band die schon fast Kultstatus genießt ist diese Stimmung wirklich kein Wunder und absolut willkommen.

LÆTHER STRIP

Dieser Herr aus Dänemark war nach eigener Auskunft das letzte Mal vor 20 Jahren in Berlin auf einer Bühne und aus seiner Freude, beim E-tropolis wieder hier spielen zu dürfen, machte er kein Geheimnis. Und trotzdem, dass er auch bei diesem Festival allein auf der Bühne stand, hat er eine unglaubliche Stimmung aufkommen lassen. Hemmungslos, voller Energie sprang er auf der Bühne herum und die Menge sprang mit. Dieser Mann ist ein echter Stimmungsmacher und bei dem was er musikalisch abgeliefert hat, ist das auch wirklich kein Wunder. Er bot alles was das EBM-Herz begehrte und noch mehr. Denn kaum jemand stand still, es wurde geschrien, gejubelt, mitgesungen und man sah nur noch eine wogende Menge vor der Bühne. Zwar wurde hier und da gemunkelt, dass Claus Larsen ein wenig an Gewicht zugelegt hätte, aber wen interessiert das bei einem talentierten und erfolgreichen Musiker? Die Fans zumindest fanden ihn prima!

SHE’S ALL THAT

Optisch schon etwas betagter, stimmlich doch eher eine Frau und musikalisch alles andere als zurückhalten. Das bot sich uns bei dem Trio She’s all that. Das mag zwar auch hier alles nach einer reinen Geschmackssache und einer echten Liebhabergruppe klingen doch muss ich sagen, ich bin mehr als positiv überrascht. Der C-Club hat gekocht und außerhalb dürfte man aufgehorcht haben als die Halle nur noch so vor Lachen tönte. Ja, der Frontmann (oder auch Frontfrau, man weiß es nicht), hatte einen wirklich ansteckenden Humor. (Zitat: „Ihr dürft ruhig näher kommen. Wir mögen es euch zu spüren und zu riechen!“ – Nachdem die Leute doch noch etwas distanziert vor der Bühne herum standen und bei der Hitze vor sich hinschwitzen.)
Und um noch etwas zur Stimmung zu sagen: die konnte gar nicht schlecht sein. Der ganze Auftritt strotzte nur so vor guter Laune und kaum jemand konnte sich dieser entziehen. Ganz unbekannt waren die drei ja nun auch nicht, aber ich wurde das Gefühl nicht los, dass sie nun noch viele Ohren mehr befallen hatten. Definitiv etwas Besonderes, definitiv zu empfehlen!

DAF (Deutsch-Amerikanische Freundschaft)

Für „Gabi“ Delgado-López war die Bühne fast noch zu klein und man wollte meinen er könne gar nicht still stehen. Hin und her ging es auf der Bühne so gut wie ohne Pause und damit schien er das eh schon kaum noch zu bremsende Publikum noch mehr anzustacheln, denn vor der Bühne schien nur noch ein einziges Gewusel zu herrschen. Die Moscher waren nicht mehr aufzuhalten und da dürfte es einige blaue Flecke gegeben haben. Auch der Drummer Robert Görl (Kopf der Combo) schien sichtlich Spaß am Auftritt zu haben. Etwas kurios waren wohl die rund 20 Wasserflaschen (je einen halben Liter) die auf der Bühne standen. Doch von denen blieben kaum welche übrigen denn fast ohne Unterlass schüttete sich Delgado-López diese über den Kopf und in die Menge. Nur wenig davon wurde getrunken. Verstehen kann mans allerdings, bei der Luft in der Halle und so viel Bewegung braucht man Abkühlung!

CYBORG ATTACK

Die Sachsen aus Chemnitz und Leipzig haben im kleinen Club dann gezeigt das die Laune der Musiker auch auf das Publikum und die Fans überspringt. Denn genau so gut gelaunt wie der Sänger Sandro Franz alias Punisher waren dann auch die zappelnden und tanzenden Gestalten vor der Bühne. Und Cyborg Attack haben gezeigt, das bei einer Show weniger manchmal auch mehr ist und es viel wichtiger ist einfach Spaß zu haben. Ansteckender geht es kaum noch. Auch der Sound war prima abgemischt, was bei einem offensichtlichen EBMler am Mischpult kein Wunder sein dürfte. (Hier hatten die Jungs mehr Glück als später Mind.in.a.box.) Und noch etwas zum Sänger: wer tanzend und springend noch fehlerfrei singt, macht seine Sache wirklich, wirklich gut. Daumen hoch für diesen Gute-Laune-Auftritt. Es hat Spaß gemacht!

FEINDFLUG

Die C-Halle füllte sich urplötzlich bis zum bersten und man hat schon vor dem Auftritt kaum noch sein eigenes Wort verstanden, so ein Tumult herrschte. Nun stand keiner mehr still, wirklich niemand. Das ging auch gar nicht, denn wer Feindflug kennt weiß, dass das gar nicht möglich ist. Und es war laut. Einfach nur herrlich laut. Der Bass hat einen fast von den Füßen gerissen. Man kann zu diesem Auftritt gar nicht viel sagen außer vielleicht, dass er grandios war, mitreißend und rhythmisch perfekt. Genau das was so ein Festival ausmacht, was es braucht um zu funktionieren. Feindflug war auf jeden Fall eines DER Highlights auf dem Columbia-Gelände.

MERGEL KRATZER

Bei Mergel Kratzer hielt sich die Begeisterung dann eher in Grenzen. Etwas einfallslos und vor allem lustlos kamen die Herrschaften daher. Die E-Drummerin fand ein ums andere Mal den Takt nicht während der Sänger einem ganz eigenen zu folgen schien. Das auffälligste am Auftritt waren wohl die Frisur der Gitarristin und deren Bekleidung. Ich sage nicht, dass der Auftritt oder gar die Musik schlecht war, denn die Stimmung im Club war entspannt und hier und da wurde auch mitgewippt, aber ich hätte mir nur ein wenig mehr Freude und Energie auf der Bühne gewünscht.

COMBICHRIST

Bei diesem Musikprojekt war die C-Halle sogar noch voller als bei Feindflug, was kaum möglich schien. Auch die Luft konnte man inzwischen schneiden, aber den Electroheads schien das nicht viel auszumachen, Party war angesagt. Sowohl am Sound als auch die Show waren absolut einwandfrei. Die Menge tobte und diese auf der Bühne herrschende begeistert, aggressive Stimmung sprang auf sämtliche Fans und solche die es noch werden wollten über. Zwar war dieser Auftritt nicht ganz so basslastig wie vorher bei Feindflug aber alles andere als zu leise. Etwas kurios war wohl der Equipmentüberschuss des Live-Drummers, denn dieser warf nur so mit Drumsticks um sich. Ab und an trat er auch mal seine Basedrum durch die Gegend. Der Roadie hatte wirklich alle Hände voll zu tun und die Fans in den ersten Reihen haben sich gefreut und köstlich amüsiert.

MIND.IN.A.BOX

Man mag es den Jungs von Mind.in.a.box nicht ansehen, aber sie haben es geschafft, den kleinen C-Club zum brodeln zu bringen. Und was wohl direkt und sehr eindrucksvoll auffiel, war die Tatsache, dass Stefan Poiss wesentlich weniger mit verzerrter Stimme gesungen hat als auf den Alben und sämtliche Songs überhaupt wesentlich rockiger daher kamen. Ergebnis des ganzen war eine faszinierend rockig, entspannte und irgendwie verträumte, schwebende Atmosphäre. Jeder der Mind.in.a.box kennt wird wissen was ich damit meine. Zwar gab es Anfangs etwas Probleme am Mischpult unter denen sowohl Gesang als auch diverse Teile der Songarrangements litten, diese wurden jedoch bald behoben und der Rest des Auftritts konnte in vollen Zügen genossen werden. Und zum genießen war dieser wirklich geeignet. Mein persönliches Highlight und ein musikalisches Erlebnis, welches man sich nicht entgehen lassen sollte.

COVENANT

Ja, was erwartet man eigentlich von Covenant? Spaß, Energie und diese unglaubliche Gänsehaut die die Stimme von Eskil Simonsson auf die Arme zaubert? Ja genau das. Und wie bei jedem anderen Auftritt, wurde man hier nicht enttäuscht. Voller Spaß und energiegeladen wie immer sprang der Sänger über die Bühne und riss die Menge regelrecht von den Füßen. Als Covenant dann auch noch neue Songs zum besten gab, gab es kein Halten mehr. Sympathisch wie immer und auch die Tatsache, dass Eskil sehr viel mit dem Publikum gesprochen hat und den Auftritt sichtlich genoss kam bei den Fans gut an. Zwar gab es in den oberen Rängen ein paar Spezialisten die das mit Buh-Rufen kommentierten, aber die wurden einfach niedergejubelt. Im Großen und Ganzen ein echtes Erlebnis auf das man sich immer wieder freuen kann.

XOTOX

Jetzt wurde es laut im C-Club. Denn nach der Ansage des Welle:Erdball-Sängers „Al Bano und Romina Power des deutschen Industrial…!“ und anschließend der Combo selber: „Jetzt muss ich wirklich mal was live sagen: wir sind Xotox aus Paderborn!“ kam hier echter (wirklich brauchbarer) Krach zum Einsatz. Mit einer super Songauswahl, einer perfekten Arbeit am Mischpult und einer faszinierenden Rauchkringel-Kanone brachten die Jungs das Publikum dazu die inzwischen doch aufkommende Hitze und Enge des Clubs zu vergessen und sich die Seele aus dem Leib zu zappeln. Hier fehlte es echten Industrialfans echt an gar nix!

HOCICO

Hier erwartete das Publikum ein absolut vor Energie strotzender und aggressiver Erk Aicrag der sichtlich Spaß an seiner Show hatte und die Fans voll mit einband. Der Sound war prima abgemischt, die Show klasse performt und was die Lautstärke und den Bass anging konnte Hocico locker mit Feindflug mithalten. Zwar war die Menge schon etwas müde, aber das tat ihrer Tanzwut und der Freude an der Musik keinen Abbruch. Es wurde sogar noch extremer gepogt als bei sämtlichen Auftritten vorher. Und eins war Hocico auf jeden Fall: ein würdiger Abschluss für dieses Festival.

AFTERSHOWPARTY

Für all jene die noch nicht genug getanzt und gefeiert haben gaben dann DJ HONEY (Welle: Erdball), DJ ANDYK (Melotron) und DJ CHRIS L. (Agonoize) sich die Ehre und boten den Tanzjunkies genügend Krach und Bass um sich noch bis in die frühen Morgenstunden zu vergnügen. Das wurde natürlich auch genutzt wie man sich vorstellen kann. Kein Wunder bei diesem Staraufgebot!

Kommen wir nun zum Fazit über dieses Event. Hier kann man nur sagen: Hut ab vor diesem Hammer Programm. Es ist unglaublich welche Acts die Macher des Amphifestivals hier gemeinsam auf die Bühne bekommen haben. Wer auf laut und auf Bass steht war auf jeden Fall an der absolut richtigen Adresse. Wir sind gespannt was uns auf dem E-tropolis 2011 geboten wird. Dieses Programm zu toppen wird wirklich nicht einfach, drauf freuen tun wir uns natürlich trotzdem schon. Dieses Festival hat wirklich Chancen sich in einer guten Festivalsaison zu etablieren. Daumen hoch und weiter so von uns!


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