Stephen Baxter - Die letzte FlutDas Ende der Welt wie wir sie kennen ist ja ein immer wieder gerne genommenes Szenario für Filme, Spiele oder Romane. Nicht selten kommt es dann in der Fiktion vor, dass unser schöner blauer Planet noch blauer wird, weil nämlich die Landmasse unter den Fluten des Meeres absäuft. STEPHEN BAXTER, britischer Science Fiction Autor von einigem internationalem Ruf, unterstützt in seinem neuen Roman “Die letzte Flut” indirekt diejenigen Klimaforscher, welche die These verbreiten, dass der Meeresspiegel rasant ansteigen wird.  Wie unterhaltsam und spannend diese literarische Katastrophenvision ausgefallen ist, habe ich im Selbstversuch durch die Lektüre dieses 750-Seiten Monsters herausgefunden.

Baxters Dystopie beginnt einige Jahre in der Zukunft und zunächst wird man als Leser Zeuge, wie eine handvoll Personen nach jahrelanger Geiselnahme aus dem spanischen Barcelona befreit werden. Warum Lily, Piers (und wie die anderen, trotz ihrer Rolle als Protagonisten ziemlich gesichtslosen Figuren auch heißen mögen) sowie die restlichen Mitgefangen fast eine halbe Dekade in irgendwelchen Kellern eingesperrt waren, bleibt unklar. Spielt für Baxter auch scheinbar keine große Rolle, anscheinend soll es nur den Zusammenhalt und ihre besondere Bedeutung für ihren Retter, den Millionär Lammockson, verdeutlichen. Als nun also diese Truppe die Freiheit wiedererlangt muss sie feststellen, dass sich die Welt ein ganzes Stück verändert hat: irgendwie regnet es permanent und demnach quasi sintflutartig, was zur Folge hat, dass die berühmten ‘Streets of London’ permanent leicht unter Wasser sind. Ein erster Vorgeschmack der sich anbahnenden Katastrophe, die Baxter in diversen Zeitsprüngen stattfinden lässt.

Wird der Anstieg des Meeresspiegels von den Regierungen der Welt zunächst ignoriert und von Wissenschaftlern auf den Klimawandel geschoben (sowie vom Leser auf den anfangs irgendwie allgegenwärtigen Regen), so stellt sich doch recht schnell heraus, dass die Ursache für den exorbitant raschen Anstieg andere Ursachen hat, gegen die es kein Mittel gibt. Mit anderen Worten: Die Helden von Baxters Buch lernen sehr schnell, dass die Flut kommen wird – und dass sie Städte, Länder, ja sogar Kontinente unter den Wassermassen begraben und sich das Gesicht der Erde für immer verändern wird. Innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit. Mit seinem nüchtern-sachlichen Stil schildert Stephen Baxter im Verlauf der restlichen Handlung, wie seine Helden von einem Ort zum nächsten hetzen, immer auf der Flucht vor dem Wasser. Dazu kommen ein paar persönliche Dramen sowie relativ knappe Abrisse darüber, wie sich die Menschen um das nun kostbarste Gut, Landmasse nämlich, gegenseitig die Köpfe einschlagen.

Leider jedoch bleibt Baxter dem Stoff und vor allem seinen Figuren gegenüber zu unverwandt. Über weite Strecken liest sich “Die letzte Flut” wie ein Protokoll möglicher kommender Ereignisse, nicht aber wie ein Spannungsroman mit wissenschaftlich-fiktionalem Hintergrund. Zumal durchaus der Eindruck entstehen kann, dass sich Herr Baxter während der Schreibarbeiten über die Ursache der Flut selbst nicht so ganz klar gewesen war und sich noch im Entstehungsprozess für eine andere Theorie entschieden hat. Genauso wenig ist klar, wo er eigentlich beim Finale angekommen sein wollte. Für eine Katastrophe solcher Tragweite wie die hier geschilderte passiert zu wenig Action. Und lag sein Fokus doch auf den ehemaligen Geiseln, dann hätten sie vielleicht weniger wie eine Ausrede wirken dürfen, noch mehr Unheil über die Menschheit hereinbrechen zu lassen.

avatar1_16Stephen Baxters “letzte Flut” sind 750 Seiten reichlich zäher Lesestoff. Das Thema ist durchaus interessant und auch die Art, wie Baxter die globale Flut im späteren Verlauf der Handlung begründet, bietet erfrischend neue Ansätze. Auch interessant ist zu sehen, wie sich die politischen Verhältnisse verschieben, während die Menschheit ums nackte Überleben kämpft. Leider war es das auch schon. Abgesehen davon, dass Baxter hier wie ein Chronist die Ereignisse herunterrasselt, ohne dass dabei ein einziges Mal irgendeine Art von Sympathie, von Identifikation mit den Charakteren oder gar Interesse für diese entstünde, offenbart sein Schreibstil auch diverse Schwächen. Oft genug hatte ich den Eindruck, Baxter wüsste selbst nicht, wie die Welt nach der Flut aussehen soll. Anders kann ich mir die immer wieder auftauchenden und somit auf Dauer ermüdenden Floskeln und Formulierungen nicht erklären. Somit ist “Die letzte Flut” nur etwas für Hardcore-Fans von Katastrophenromanen und (Unter-)Wasserfreunden, die einigermaßen ausdauernd sind. Ansonsten kann man dieses Buch auch gut und gerne im Regal stehen lassen, denn der Nachgeschmack aufgrund des vielen verschenkten Potentials ist einfach zu bitter.


Wertung

Inhalt Stil/Sprache Kult-/Fan-Faktor Gesamt

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