Wer dieser Tage aus dem Fenster schaut, wird wohl häufig folgendes Bild präsentiert bekommen: Unablässig prasselt der Regen gegen das Fenster; dicke Tropfen hinterlassen schlierige Spuren, welche die Sicht auf das allumfassende Grau verwischen, das in die Welt eingezogen ist. Und auch wenn er sich noch einmal aufbegehrt, so ist doch klar: Die Tage des Sommers sind gezählt. Mit großen Schritten nähert sich der Herbst. Und damit die für emotionale Menschen “spannendste” Zeit des Jahres, ob sie nun wollen oder nicht. Den Soundtrack für wunderbar melancholische Abende liefert in diesem Jahr STIAN SHIVER mit seinem Album “Hibernation”. Je nach Sachlage zum Trost oder zum Wohlfühlen. Oder beides.

Stian Shiver dürfte wohl noch zu den Musikern gehören, die der durchschnittliche Musikkonsument nicht auf dem Schirm hat. Auch wenn Herr Shiver, der mit “Hibernation” erstmals auf Solopfaden wandelt, längst kein unbeschriebenes Blatt oder gar ein Neuling in der Musiklandschaft ist. Bereits im Jahr 1996 gründete Shiver die Dresdener Synthie-Pop Band “Strange Tears”, mit der er bis zur Auflösung der Band im Jahr 2000 erste Erfolge einfuhr. Anschließend legte Shiver mitnichten die Hände in den Schoß, vielmehr arbeitete er an diversen Projekten mit befreundeten Musikern und ehemaligen Bandkollegen. Bis er im Jahr 2004 zusammen mit Dan Stard die Band PORTASH gründete, die sich auf einem musikalisch ähnlichen Terrain bewegt wie seine erste Band. Nach einer Pause befindet sich Portash, die übrigens seinerzeit mit Kritikerlob für ihr Debütalbum “Framed Lives” geradezu überhäuft wurden, mittten in den Arbeiten zu einem Nachfolgewerk. Das soll als kurzer Ausflug in die Vita Stian Shivers reichen, denn es geht heute nicht um seine Bands, sondern um das Ergebnis der “Portash-Pause”, die nun vorliegt: “Hibernation”.

Analog zu seinen Bandprojekten begibt sich Stian Shiver hier einmal mehr auf synthetische Gefilde. Dabei bedient er sich höchst bemerkenswerter und lobenswerter anachronistischer Vorgehensweisen: anstatt nämlich, wie heute scheinbar üblich, alles schneller, härter oder lauter zu machen und dabei völlig zu überfrachten, schaltet er auf “Hibernation” einen Gang zurück. Wenn nicht sogar zwei. Die sehr leichten, klangtechnisch extrem luftigen Songs kommen überraschend ruhig und angenehm zurückhaltend daher. Im Zentrum der durchweg melancholischen Songs stehen die herausragenden Texte und der angenehme, zumal unverfremdete Gesang. Beides wird umrandet von Kompositionen, die Synthesizer bzw. Keyboard gleichermaßen beheimaten wie künstliche Drums, aber auch Piano-Spiel, Gitarre und (vermutlich ebenso künstliche) Streicher. Diese Elemente wurden so dezent, so das Ohr umschmeichelnd abgemischt, dass nichts, aber auch wirklich nichts aneckt. Was zur Folge hat, dass das Kopfkino, das Stian Shiver mit seinen Songs heraufbeschwört, ohne Unterbrechung über die gesamte Spieldauer des Albums von knapp 50 Minuten ablaufen kann. Wer sich noch an das Album “2″ der Band Cam-Era erinnern kann, hat damit eine ungefähre Vorstellung davon, in welche Richtung die Reise auf “Hibernation” geht. Ohne allerdings die Selbstmordgefahr auf ein ähnliches Level zu heben. Denn wenn die letzte Töne dieses Albums verklungen sind, ist möglicherweise alles, was vom Regen übrig bleibt, Pfützen die sich auf dem Asphalt gesammelt haben. Und die nun das Licht der Sonne reflektieren…

Auch wenn der mir vorliegende Pressetext zu diesem Album mit Schlagworten wie “Electro-Pop-Album”, “Beats & Bässe”, “Industrial Drums” und was weiß ich sonst noch um sich wirft, um größtmögliche Aufmerksamkeit zu erhaschen, so möchte ich an dieser Stelle von diesen Klassifizierungen Abstand nehmen. “Hibernation” ist ein ruhiges, zum Träumen einladendes Album geworden, das vor allem von seinen ruhigen Tönen lebt. Natürlich sind die zitierten Schlagworte nicht falsch, dennoch vermitteln sie meines Erachtens nach ein falsches Bild von diesem wunderbar melancholischen Kleinod. “Hibernation” hört man nicht nebenbei. Es erfordert schon die richtige Stimmung oder Situation, um den besonderen Charakter dieses Albums bemerken und wertschätzen zu können. Die eingangs erwähnte Situation mit dem Blick aus dem Fenster auf eine verregnete Welt zum Beispiel passt wunderbar. Ein kerzenbeschienener Abend und dazu ein Glas Wein um den Geis zu öffnen passt auch. Oder von mir aus auch, wenn Ihr gerade mit dem Auto unterwegs seid, auf einsamen Landstraßen und Alleen, während die untergehende Sonne durch herbstlich buntes Blätterwerk scheint, während sich hinter Euch so langsam aber sicher die Nacht ausbreitet. Im hektischen Alltag geht “Hibernation” unter, in Momenten der Ruhe und Muße allerdings trumpft es richtig auf. Und wer sich gerne der Melancholie hingibt (oder ihr nicht entkommen kann), bekommt dank Stian Shiver einen Soundtrack geliefert, der den Hörer im richtigen Moment umhüllt und sich anschmiegt wie eine zweite Haut. Herbst, du kannst kommen.


Wertung

Fan-Faktor

Trackliste

  1. My Tomorrow
  2. Dreamwalker
  3. No Sound In The Air
  4. Maybe Someday
  5. Don’t Stop
  6. Watch Your Heart
  7. Moving Light
  8. The Day I Lost Myself
  9. Safe
  10. Sea Of Change
  11. Trace On My Heart
  12. Try

Anspieltipps

  1. No Sound In The Air
  2. Maybe Someday
  3. Moving Light
  4. Trace On My Heart
  5. Try

Links


Diskussion im Forum:

Verwandte Artikel:

  • Keine verwandten Artikel vorhanden.