Wir haben es für dieses Jahr wieder einmal geschafft, das M’Era liegt hinter uns. Und egal ob man es mal wieder halb verpeilt hat oder nicht, jetzt ist es an der Zeit zu resümieren. Auch ich bin wieder einigermaßen wacker auf dem gesellschaftlichen Parkett geschlittert, neue und alte Bekannte getroffen und meine Galoschen ordentlich mit Staub beladen. Diese Jahr allerdings gibt es tatsächlich was zu erzählen: der etwas andere Rundgang – nämlich hintenrum. So war es uns, meiner Frau Mutter und mir, vergönnt gewesen, für euch hinter http://www.madgoth.de/wp-admin/post.php?post=6207&action=editden großen Vorhang zu spähen und die sonst so schön kaschierten Aktivitäten hinter den Kulissen gnadenlos ans Licht zu zerren.
Damit so ein Festival ordnungsgemäß vonstatten geht, muss eine Menge Logistik und Organisation passieren, da wird tonnenweise Equipment rangiert und Hunderte von Leuten verköstigt, bevor auch nur eine Viertelnote aus den Boxen an das geneigte Besucherohr dringt. Ich kann von mir selbst behaupten, eine formschöne Portion Fantasie zu besitzen, aber die Größenordnung der Backstage Area hat mich dann doch geplättet. Die ist nämlich ausgedehnt wie eine Tundra. So mancher greift hier gern auf Moped oder Quad zurück, um mal eben am anderen Ende vorbeischauen zu müssen, ohne jedes Mal einige Scherpas zu engagieren. Direkt hinter den Absperrungen warten Nightliner und Schwertransporter wie schlafende Ungeheuer auf ihre Reiter. „Das sind richtige fahrende kleine Städte.“ kommentiert unser Reiseführer Tim Ukena, der seid nunmehr drei Jahren für die Presseabteilung im Bereich Online als Head of Community Management verantwortlich zeichnet. Geschäftige gute Geister flitzen bzw. schleichen (je nach Last) mit allerlei Gerätschaften und Containern die Rampen rauf und runter, jeder weiß hier offenbar genau was zu tun ist oder kann das zumindest meisterlich vortäuschen. Ab und an wird ein flinker Schatten von gestellt, dann flackert Panik in den gestressten Gesichtern derer, die das Pech hatten, unseren Weg zu kreuzen und nun kostbare Sekunden durch ein rasches Händeschütteln verlieren. Aber der Ausdruck der Dankbarkeit in den Zügen ist schön, wenn die Unglücklichen nach kurzem Zappeln, einem Fisch gleich, ins Meer zurück entlassen werden. Geschützt vor öffentlichen Blicken huscht SFKP Scorpio-Oberboss Folkert Koopmanshinter eine Glasscheibe kurz durchs Blickfeld, aber mir entgeht nichts. Allgemeiner Stützpunkt ist – wie sollte es auch anders sein – die Kantine. Bernd „Zahni“ Zahn, der uns begleitende Fotograf, schießt rasch einige Beweisfotos von uns, damit wir im hohen Alter was für langweilige Fernsehabende haben. Dort, wo alle Jungs und Mädels sich zum Essenfassen einfinden, herrscht ein stetes Kommen und Gehen, eine ewige Schlacht am warmen Büffet. Und weil es so am praktischsten ist, liegen die Künstlergarderoben gleich nebenan. Ich sichte einige Mitglieder von Punish Yourself, wie sie sich fleißigen Ameisen gleich über das Futter hermachen und dabei in ihrer Bühnen-„Garderobe“ aus hauptsächlich Neonfarbe den Eindruck machen, ihre Beute notfalls mit Zähnen und Klauen zu verteidigen, sollte ich je versuchen, ihnen einen Bissen abzuluchsen. Auch ein sehr lässig-geschäftlich wirkender Eric Burton schnürt um die Silberterrinen herum. Ich erwäge kurz, mich als die Person zu outen, von der er ab und an gesalzene CD-Rezensionen in sein Danse Macabre-Büro gemailt bekommt, entscheide mich jedoch dagegen. Seine Unwissenheit ist für uns beide am besten, also bleibe ich inkognito. Wir werden zu den Künstlerkabinen geleitet, wo ein irgendwie jenseitig wirkender Jyrki 69 planlos rumsteht und mit einigen Leuten schlafwandlerisch gestikuliert. Wollen wir hoffen, er findet nach der Autogrammstunde aus eigener Kraft wieder hierhin zurück.
Immerhin, jede Band hat ihr eigenes Türchen mit Namen drauf, beinahe wie beim Adventskalender, um im Notfall sofort verschwinden zu können. Die provisorische Konstruktion würde keiner mittelschweren Fan-Stampede standhalten, aber für den Sichtschutz langt es. Tim erzählt uns, dass unsere schwarze Szene vor ein paar Jahren noch absolutes Neuland für ihn war. Ein prägendes Aha-Erlebnis ist ihm gut im Gedächtnis geblieben, wie er sagt. Zu dieser zeit begab es sich nämlich, dass unser guter Herr LaPlegua, Andy mit Vornamen, es sich nicht nehmen ließ, neben Tim an der Frühstückstafel Platz zu nehmen. Das ist an sich nicht weiter bemerkenswert, aber der Umstand, dass er dies nach absolviertem Bühnenauftritt mit voller Patina aus Blut und schwarzem Irgendwas tat, könnte Szenefremde eventuell ein klein wenig nervös machen. Verunsichert wie er war, machte Tim eine erstaunliche Erfahrung. Dieser bedrohlich aussehende Schlächter fragte höflich nach dem Salz, was Tim ihm mit schlotternden Fingern gerne reichte und so ganz allmählich die Contenance wiedergewann. Sind nämlich gar nicht so wild, diese Wilden.
Weiter ging es zur Hauptbühne, wo eben ein aufgeregter Sven Friedrich scharf um die Ecke gesaust kam, mit Fragezeichen auf der Stirn kurz innehielt, schaute und dann weiter Haken schlug. Ach richtig, dachte ich bei mir, der hat durchaus eine Berechtigung hier oben zu sein, immerhin ist das jetzt sein Auftritt und wir stehen, großzügig im Weg verteilt, rum und gucken mit einer leichten Anwallung von Machtgefühl runter in die sich drängende, schwitzende Menge. So ist das also auf den Brettern, die viel Geld bedeuten. Ich könnte mich dran gewöhnen… Auf der Hauptbühne ist alles angelegt wie beim Theater, es können mehrere Leinwände mit Bandlogos hintereinander gestaffelt an der Decke aufgerollt werden, um dann je nach Bedarf abgespult zu werden. Instrumente und Equipment der Kapellen werden vorinstalliert auf großen Rollbrettern und brauchen in den Pausen nur noch nach vorn gekarrt werden. Das ist einfacher und spart Zeit und Panik. Geduldige Soundtechniker schenken uns einen taxierenden Blick, dann sind wir auch schon vergessen. Also wieder runter und weiter zum Hangar. Es ist dunkel hinter der Bühne, auf der sich gerade Celine and the Wreckage redlich abmühen, die wenigen Gestalten, die sich vor der Bühne eingefunden haben, zu beschallen. Auch wir sind lediglich hier, weil wir den Leerlauf zwischen Colony 5 und Amduscia sinnvoll überbrücken möchten. In der Finsternis erkenne ich gerade noch rechtzeitig das plötzlich auftauchende Hindernis, ansonsten hätten Agonoize eine Requisite weniger gehabt als angenommen. Tim weist auf die kaum sichtbaren dünnen Kletterleitern, die sich bis ganz nach oben spannen. Ja, hier müssen die Techniker rauf als sei der Teufel hinter ihnen her. Da darf man weder zimperlich sein, langfristige Zukunftspläne haben oder unter Höhenangst leiden, wenn man diesen Job machen will. Wo denn jetzt die ganzen Flugzeuge stehen, die sonst den Hangar beanspruchen, will meine Mutter wissen. Tim macht eine unbestimmte Geste, die alles hinter dem Hangar einschließt: ja, irgendwo da drüben. Und falls mal eine Massenpanik passiert, kein Problem, die ganze Hangarwand lässt sich öffnen, so dass binnen Sekunden der gesamte Hangar evakuiert werden kann.
Hoch hinaus wollten wir anschließend sowieso noch, denn jetzt ging es den Turm hoch. Normalerweise – daran sei hier noch mal erinnert – handelt es sich bei diesem Feld um einen Flugplatz und dieser Tower ist demnach auch viel höher, als er von unter aussieht. Alles ohne Aufzug, versteht sich. Nach den ersten Stockwerken muss ich meine Meinung revidieren. Die Taktik, unbedingt den Rucksack mit dem großen Tetrapack Eistee und der Marschverpflegung für zwei Wochen und gefühlten 20 Kg Gesamtgewicht auf dem Buckel mit rauf zu schleppen, war letztlich wohl doch keine so gute Idee. Irgendwo auf halber Strecke war ich soweit für den berühmten Spruch: Lasst mich zurück, geht ohne mich weiter. Vor meinem inneren Auge zog bereits mein bisheriges Leben vorbei, ich konnte schon das Licht sehen. Irgendwann würde vielleicht ein Glückloser über meine mumifizierte Leiche stolpern. Leiser Neid auf mein Mutter, die mich mit ihren 65 Lenzen glatt abgehängt hat, verleiht mir den nötigen Ehrgeiz und ich mobilisiere letzte Reserven. Tatsächlich schaffe ich es dann doch noch, schweißgebadet die oberste Plattform zu erklimmen, doch dieser Turm würde mich für den Rest des Tages ruiniert haben, soviel steht fest. Die Aussicht ist ganz bezaubernd, schwarzgekleidete Menschen versammeln sich vor der Hauptbühne, von hier oben scharen sie sich wie Ameisen um ihre Königin. Niedlich. Das Security-Personal ist not amused uns hier oben rumknipsen zu sehen, schließlich stehen sie nicht zum vergnügen hier, sondern passen auf, ob jemand irgendwo auf dem in Planquadraten eingeteilten Gelände Hilfe braucht. Im Notfall können von hier oben die Hilfeleistenden präzise zum Einsatzort dirigiert werden. Also möchten wir doch bitte schleunigst die Platte putzen und verduften. Runter ist viel leichter als rauf, wie ich angenehmerweise feststelle.
Unterwegs werfen wir noch einen kurzen Blick in das Zimmer für Interviewer und ich habe das Gefühl, ich werde diese Räumlichkeiten auch auf dem diesjährigen Zillo-Beilieger zum M’Era Luna wiedersehen. Im übrigen haben es die Presse-Burschen ganz schnuckelig in ihrem Bereich, komplett mit Theke und gemütlichen Tischen, hat man sogar von drinnen einen unverbauten Ausblick auf die Hauptbühne. Hier endet leider unsere etwas anderer Rundgang, doch zum Abschied stauben wir noch zwei erstklassige M’Era-Shirts ab. Das setzt bei mir sofort wieder neue Energien frei und als wir wieder zum normalen Volk gelassen werden bin ich gut drauf und bereit für die nächste Runde Hangar-Sauna.
Links:
- http://www.mera-luna.de/
- http://www.myspace.com/meraluna
- http://www.festivalhopper.de/news/2010/08/13/nachbericht-mera-luna-2010-flughafen-hildeheim/


