Die Stimme des Menschen altert nur sehr langsam. Was bedeutet, dass sich das wichtigste Kapital eines Sängers, entsprechend gute Pflege vorausgesetzt, auch nach Jahren oder Jahrzehnten ziemlich gleich anhört. Aktuelles Beispiel für diese Theorie: Andy McCluskey, seit 1978 Sänger und Aushängeschild der britischen Synthie-Pop Band ORCHESTRAL MANOEUVRES IN THE DARK oder kurz OMD. Der Mann klingt auch heute noch so wie damals. Was das OMD Comeback “History Of Modern” ausser Herrn McCluskey noch zu bieten hat, dem gehen wir an dieser Stelle nach.
Bereits die vorab veröffentlichte Single “If You Want It”, eine wunderbar leichte Hymne zur Begleitung des ausklingenden Sommers, zeigte: McCluskey singt wie eh und je, seine Stimme ist nach wie vor unverwechselbar und eindrucksvoll gleichermaßen. Alkohol und Zigaretten scheinen in den letzten 12 Jahren jedenfalls nicht zur Pflege seiner Stimmbänder verwendet worden zu sein.
Wenn sich eine Band 12 Jahre lang damit begnügt, allenfalls mit der Veröffentlichung von Best Of – Zusammenstellungen und Konzerten hier und da von sich reden zu machen, dann darf man durchaus eine gewisse Erwartungshaltung an den Tag legen, wenn neues Musikmaterial angekündigt wird. Vor allem, da das Genre Synthie-Pop durch eine junge Band aus Manchester in diesem Jahr einen Aufwind bekommen hat, wie ihn selbst die größten Bands dieses Genres nicht zu bewerkstelligen vermochten. So mancher, alteingesessener Acta dieser Musikrichtung zog es stattdessen vor, sich auf seinem Namen bzw. seinen Lorbeeren auszuruhen und ansonsten in Richtungen abzudriften, die niemand mehr ernsthaft hören konnte oder wollte – entsprechendes Fehlen einer Fan-Boy-Brille vorausgesetzt.
Was also bieten OMD nun? Nehmen sie die Herausforderung der Jugend an, probieren sie sich an experimentellen, aber unhörbaren Klangkonstrukten oder – das wäre die schlimmste Variante – katapultieren sie sich mit “History Of Modern” endgültig in die Bedeutungslosigkeit?
Weder noch. Ich möchte nicht sagen, dass “History Of Modern” das beste Synthie-Pop Album überhaupt geworden ist. Dennoch beweisen die Herren OMD hier sehr eindrucksvoll, dass mit ihnen noch gerechnet werden kann. Und muss. Mit geradezu belebender Intensität gesegnet, brennen sie auf diesem Album ein Feuerwerk an großartigen Pop-Hymnen ab, von denen sich so manche als Erben der inzwischen totgedudelten “Maid Of Orleans”, “Electricity” oder “Pandora’s Box” empfehlen.
Über das Stück “If You Want It” habe ich mich ja bereits im Review zur zugehörigen Single geäußert. Nach wie vor ein wunderbarer Sommersong mit viel Ohrwurmcharakter. Aber schon beim Opener des Albums, “New Babies: New Toys”, fahren OMD die Krallen aus und zeigen, dass man auch in fortgeschrittenem Alter noch Songs schreiben kann, als hätte man noch immer den Bonus jugendlicher Unbeschwertheit.
“History Of Modern” macht auch eine andere Sache ziemlich deutlich: Mögen OMD in den letzten 12 Jahren vielleicht nicht aktiv im Musikgeschäft mitgewirkt haben – spurlos ist die Zeit an ihnen jedoch nicht vorbeigezogen. So klingt mancher Song auf “History Of Modern” wie das, was die aktuell angesagte Electro-Pop-Kapelle Röyksopp aus Norwegen zuletzt so aus dem Hut gezaubert hat. Hingegen wirkt das abschließende Stück “The Right Side?” wie etwas, das auch ganz bequem auf einer Moby-Scheibe platzgefunden hätte. Allerdings besinnen sich OMD aber auch auf die Vergangenheit und auf ihre Wurzeln. Ausgerechnet das Titelstück (oder besser: Teil 1 desselben) wirkt wie ein Trip zurück in die frühen Tage der Band. Und “The Future, The Past, And Forever After” ist 80er Synthie-Pop pur! Das könnte man auf einer dieser unzähligen 80er Jahre Partys ganz geschmeidig mit in die Playliste schmuggeln, niemand würde bemerken, dass es sich dabei um einen Song aus dem so laaangsaaaam ausklingenden Jahr 2010 handelt. Mehr Retro-Feeling in ein Lied zu packen ist wohl schlicht unmöglich. “Sister Marie Says” ist hingegen wieder eine radio- und clubtaugliche Popnummer in modernem Gewand. Aber auch bei “History Of Modern” ist nicht alles nur eitel Sonnenschein, auch schicke Balladen wie “Sometimes” fanden ihren Weg auf das Album und unterstreichen damit den abwechslungsreichen Charakter.
Aufwendig und vielschichtig produziert ist “History Of Modern” wohl das, was man ein rundherum gelungenes Comeback nennen kann. Auch 12 Jahre später darf man OMD zu den festen Größe im Synthie-Pop Bereich zählen. Und genauso wie Stimmen nur sehr langsam altern, kann ich auch dem Sound von OMD einen frischen, unverbrauchten Charakter attestieren. Schön, dass ihr wieder da seid, Jungs.
Ich muss gestehen: nach der (wenn auch gelungenen) Vorab-Single “If You Want It” hatte ich die dezente Befürchtung, OMD würden ein komplettes Album voller leicht verdaulicher, aber halt auch schnell vergessener Pop-Songs abliefern. Zum Glück enttäuschten mich die Briten in diesem Punkt. “History Of Modern” ist ein sehr geschmeidiges Stück Synthie-Pop geworden, dass schnell fesselt und nachhaltig begeistert. Es bietet genau die richtige Mischung aus fröhlichen Pop-Songs und bewegenden Balladen, um über einen längeren Zeitraum zu gefallen. Darüber hinaus beinhaltet es genügend Songs mit Hitpotential, welche die ewig gleichen Songs, die immer und überall gespielt werden, endlich mal in Rente schicken können. Vielleicht nicht das beste Synthie-Pop Album ever, aber ein verdammt eindrucksvolles Comeback!
Wertung
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Trackliste
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Anspieltipps
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