Über “Senior”, dem Nachfolgewerk zu RÖYKSOPPs sensationell unterhaltsamen Electro-Pop Album aus dem letzten Jahr, sagten die Norweger bereits im Vorfeld, dass es ein Kontrastprogramm zum fröhlichen, unbeschwerten “Junior” sein würde und somit die andere, kreative Strömung der Band repräsentieren. Herausgekommen ist dabei ein gemächliches Instrumentalalbum – kann das funktionieren?
Noch mal zur Erinnerung das Statement der Herren aus dem hohen Norden: “Die beiden Alben (“Junior” und “Senior”) haben ein verwandtschaftliches Verhältnis, in welchem sie die beiden sehr unterschiedlichen künstlerischen Richtungen von Röyksopp repräsentieren. “Junior” mit seiner Betonung auf Vocals, zugängliche Melodien und Harmonien hat die Energie, die neugierige Stimmung und diese selbstsichere “Hey-ho, let’s go” Einstellung der Jugend, während “Senior” das introvertierte, sesshafte und manchmal anmutige Gegenstück darstellt – randvoll mit dunklen Geheimnissen und verzerrten Erinnerungen, beharrend auf dem Standpunkt “ich bin alt, ich habe Erfahrung”.”
Wie bereits in den einleitenden Worten zu diesem Review geschrieben, verzichtet “Senior” gänzlich auf Lyrics, Vocals werden allenfalls als instrumentierendes Hintergrundelement eingesetzt. Bedenkt man das zugrunde liegende Konzept dieses Albums, ist das auch irgendwie nur konsequent. “Senior” soll ja die gereifte, gealterte Seite der Musik Röyksopps repräsentieren und ab einem gewissen Punkt im Leben muss man einfach nicht mehr viel erklären oder fragen. Irgendwann kommt einfach die Stunde, in der man stattdessen über das reflektiert, was bereits gesagt und getan wurde. Dieses Gefühl von Rückschau, Besinnung, Selbstreflektion und damit einhergehender Melancholie vermittelt “Senior” ziemlich gut.
“Junior” war ein Partyalbum mit jeder Tanzpotential. “Senior” hat nichts von alledem und nähert sich musikalisch wieder “Melody A.M” an. Die gerade mal 9 Tracks des Albums erfordern vom Hörer ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit, wenn sich die Schönheit dieser Scheibe erschließen soll. Röyksopp sagten dazu: “Jeder Track dieses Albums ist so wichtig wie sein Vorgänger und Nachfolger. Wir denken, dass kein Song außerhalb seines Kontextes betrachtet werden sollte, zum Beispiel getrennt vom Rest des Albums. Durchaus eine “mutige”/dumme Sache, die man in Zeiten von iPods und dem Herauspicken der Sahnestücke tun kann.”
Und richtig: die Stunde Zeit genommen und am besten via Kopfhörer genossen entfaltet sich vor dem geistigen Auge des Hörers ein ganzes Leben, das hier Revue passiert. “Schuld” daran sind die extrem feingliedrigen Kompositionen. Auf ein oftmals gleichbleibend vor sich hinplätscherndes, rhythmisches Grundgerüst schraubten die Norweger immer wieder kleine Klangelemente. Hier ein Geklimper, dort gehauchte Backingvocals, woanders Alltagsgeräusche (Vogelgezwitscher oder das Öffnen einer Dose). Das aber so zart, dass es oft wirkt wie eine Andeutung. Im Kontext des Albums gesehen: wie eine Idee, eine vage Vermutung oder aber Fetzen einer Erinnerung, die man nicht so richtig zu fassen bekommt, egal wie sehr man sich auch bemüht. Und ehe man es sich versieht, ist der Gedanke, die Andeutung (oder halt: die Klangspielerei) wieder verflogen, so plötzlich wie sie gekommen ist.
Mit “Junior” bewiesen die Norweger, dass sie ganz bequem ein richtungsweisendes Electro-Pop-Album schaffen können, das über einen langen Zeitraum unterhält. Mit “Senior” allerdings wandeln sie auf den Pfaden rein instrumental agierender Künstler wie Jean-Michel-Jarré oder Vangelis, ohne natürlich deren epische Breite zu erreichen.
Ich könnte schon verstehen, wenn sich Hörer von “Junior” nun hinstellten und herumposaunten, “Senior” sei ihnen zu langweilig. Oder im Vergleich zu “Melody A.M.” nicht deutlich genug in den verwendeten Klangspielereien, zu plätschernd im Songablauf, zu einfach in den Strukturen. Andererseits: gerade bei “Senior” sollte man sich das Konzept dahinter noch einmal verdeutlichen, ehe man sich auf das Hörerlebnis einlässt. Denn dann wird es nämlich auch genau das. “Senior” ist ein feiner, kleiner Begleiter für nächtliche Selbstreflektionen, aber kein Pflichtkauf.
Wertung
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Trackliste
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Anspieltipps
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